Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Mißverständnis
(Erste Variation zum Text ‚Augenblick‘)

Geschrieben: 1995-09-09

… Du hast mich verzaubert
will in deine Seele sehn
Die eine will kommen
die and?re Seele will schnell gehn
Frag mich, wer ihr Schweigen bricht –
kannst du ihre Sprache nicht
verstehn?
verstehn? …

Peter Gabriel (Mundzumundbeatmung)

Heute hätte Julia die ganze Welt umarmen können. Nach der Mitteilung am Morgen, daß das Abitur (mit gutem Notenschnitt) geschafft sei, hat Julia bis in den frühen Abend hinein mit ihren Freunden sowie Freundinnen gefeiert, zum allseitigen Glück, geradezu Triumph hatten es alle geschafft. Nun ist Julia auf dem Weg nach Hause. Mit Freude und Spannung denkt Julia daran, daß nun im Herbst das Studium beginnen wird, ihr Denken, Sein sich endlich um Dinge drehen wird, welche wirklich spannend sind sowie im Fokus ihres Interesses liegen. Davon gab es ebenso in der Schule allerhand, aber die Zeit für große Veränderung war gekommen, einerseits bedrückend, die vertraute Gemeinschaft der Schule aufgeben zu müssen, andererseits prickelnd aufregend, neuen Erfahrungen an der Universität entgegensehen zu dürfen – nicht mehr so lange hin, ein paar Monate bis zum Herbst, reichlich Zeit, um neue Gedanken zu fassen, Erlebtes noch zu verarbeiten, Neues neugierig willkommen zu heißen.
Julia ist inzwischen in eine U-Bahn gestiegen, hat sich an einen Fensterplatz gesetzt.

An der nächsten Haltestelle schaut Julia durch das Fenster auf eine Bahn, welche gerade aus entgegengesetzter Richtung in die Station eingefahren ist. Ein Mann in der anderen starrt sie an, denkt Julia, alsdann jedoch, daß er einfach nur abwesend aus dem Fenster blickt, nur zufällig in ihre Richtung.

Noch immer in Hochstimmung lacht sie ihn einfach so an, heute kann Julia gar nicht anders, als alle Menschen glücklich anlachen, um diese an ihrer guten Stimmung teilhaben zu lassen.

Noch im gleichen Augenblick bewegen sich seine Augen. Jetzt schaut er sie wirklich an, sein introvertierter Gesichtsausdruck hellt sich auf. Es wirkt beinahe, als lache der Mann einfach zurück, nein, denkt Julia, er lacht sie wirklich an. Zunächst meinte Julia, ein zu einem Grinsen verzerrtes Gesicht erkannt zu haben, interpretiert es jedoch jetzt als echtes Anlächeln.

Ihre Vermutung geht augenblicklich dahin, daß der Mann ihr fröhliches Lächeln mißverstanden hat. Das ist ihr nun etwas peinlich, so war das gar nicht gemeint. Sie spürt, daß ihre Wangen unwillkürlich erröten. Sie versucht das zu verbergen, indem sie die Hand vors Gesicht hält.
Was soll der Typ nur von ihr denken?
Verlegen lächelt Julias Mund noch immer.
Komisch ist die Sache an sich schon, an sich ganz harmlos. Typen aufreißen ist ansonsten sicherlich keineswegs Julias Sache. Dies Lächeln war ja nur mal so, weil es ihr heute so gutgeht, alle Anspannung gewichen ist.

Endlich fährt ihre Bahn an, diese peinliche Situation ist zu Ende, Erleichterung macht sich in ihr breit. Reflexartig schaut Julia noch einmal zu ihm hin, sieht, wie der Mann von seinem Sitz aufspringt. Offenbar war er so abgelenkt, daß er das Aussteigen beinahe vergessen hätte.
Julia ist amüsiert, wie kann man nur so unaufmerksam sein?
Ja wohl nicht möglich, daß einzig ihr Lächeln, der flüchtige Blickkontakt den Typen derart gefesselt hat.
Egal, egal, vorbei sowie abgefahren, längst ist ihre Bahn unterwegs, auf Nimmerwiedersehen!

Ihre Bahn hält mitten im Schacht, der Fahrer bittet über die Sprechanlage um etwas Geduld für die Verzögerung. Letztere kann aber ihre gute Laune keineswegs trüben.
Was könnte heute schon noch passieren, um sie von ihrem Triumph noch abzubringen?
Julia entspannt sich, läßt sich förmlich in die Ruhe dieser kleinen Pause hineingleiten.
Schließlich geht es weiter, die nächste Station muß Julia in eine andere Bahn umsteigen. Sie steigt aus. Das wäre auch schon bei den letzten vorherigen Stationen möglich gewesen, doch aus Gewohnheit steigt sie immer in dieser Station um.

Als Julia auf dem Bahnsteig steht, sich dieser schon leert, traut sie ihren Augen nicht:

Da steht plötzlich eben jener Typ aus der anderen Bahn, schaut sie an. Sie fragt sich, wie der hierherkommt. Julia bekommt einen Schreck.
Ob dieser Typ sie verfolgt?
Tatsächlich, statt wie er das wohl ursprünglich vorhatte, in jene jetzt abfahrende Bahn zu steigen und ihren vermuteten Weg damit zu folgen, hat er sie offenbar auf dem Bahnsteig stehen sehen und kommt auf sie zu.

Was will der Typ von ihr?
Plötzlich wird Julia doch etwas mulmig.
Hatte Julia den Tag zu früh als optimal gelaufen abgebucht?
Nun wurde es doch irgendwie brenzlig oder wenigstens bizarr, eigenartig, eine Herausforderung wenigstens. Etwas zögernd geht einer ihrer Füße einen Schritt rückwärts. Schwer atmend kommt der Mann näher, Julia fühlt seinen gierigen Blick auf ihrem Körper. Sie ist beunruhigt, es kann doch keineswegs sein, daß dieser Typ hinter ihr her ist, nur wegen eines harmlosen Lachens ihrerseits. Julia spürt, wie Blut heiß in ihre Wangen steigt. Ihre Hände greifen etwas hilflos wie nach Hilfe oder Halt um sich, weil er immer weiter auf sie zukommt. Julia fühlt sich ihm ausgeliefert, denn der Bahnsteig ist inzwischen leer, nur noch ihre Person sowie dieser unheimliche Typ, ja, plötzlich macht jener zuvor noch so harmlose Typ einen unheimlichen Eindruck. Ihr Puls geht immer schneller. Ihr Kopf schüttelt sich, wie um sein Näherkommen in Zweifel zu ziehen, vielleicht ist doch alles ganz harmlos, versucht Julia sich einzureden, ein dummer Zufall, es kann gar nicht anders sein, versucht sie sich einzureden, was soll er schon von ihr wollen, es ist ja noch nicht einmal dunkel draußen. Doch inzwischen kriecht Angst in ihrem ganzen Leib hoch, liegt zunächst schwer wie ein Felsbrocken im Magen, schnürt zusätzlich auch noch langsam ihre Kehle zu.

Sie versucht immer noch, durch ein freundliches Lächeln die Situation zu entschärfen, doch das beklemmende Gefühl schierer Angst verhindert jeden klaren Gedanken, welcher wieder beruhigend wirken könnte. Immer wieder müssen ihre Augen zu ihm hinschauen, ihr Hirn kann keineswegs glauben, daß dieser Mann ihr wirklich folgt.

Was soll sie jetzt tun?
Julia zwingt sich zu irgendeiner Aktivität. Sie muß weg hier. Vielleicht ist ja doch alles ganz harmlos, aber erst einmal weg von diesem Typen. Jetzt zum Ausgang, ihre Beine laufen, ihr Kopf schaut sich noch einmal um. Jener Kerl scheint sich seiner Sache so sicher zu sein, daß er sich nicht einmal besonders beeilt, nicht einmal zu verbergen versucht, daß er ihr folgt. Sein Blick scheint Julia zu durchbohren, will Besitz von ihr ergreifen, sie fesseln, vereinnahmen, gierig verschlingen.
Wie kann das einfach so passieren?
Bloß eines flüchtigen Blickes, eines Lächelns wegen?

Ihr Herz rast vor Angst, nur weg hier – schießt ihr nur dieser eine Gedanke durch den Kopf – jene Treppen hoch. Der Vorsprung vergrößert sich geringfügig, Julia zögert etwas, kann immer noch nicht glauben, was da abläuft. Der Kerl starrt sie an, ganz eindeutig, er will etwas von ihr, sie muß weg, hoch zur Straßenebene. Panikartig hastet Julia weiter.

Glücklicherweise ist die Straße nicht leer, es sind um diese Zeit viele Autos unterwegs, da wird der Typ sich schon abwenden, nichts weiter riskieren, sie nicht weiter verfolgen. Ist doch nun wohl eindeutig, daß da nichts zwischen ihnen passiert ist, lediglich ein flüchtiger Blickkontakt, ein belangloses Lächeln zur Feier des Tages, eine Alltagsbegegnung ohne Relevanz.
Sie hastet ein Stück weiter, schaut sich wieder hektisch um. Ihre Gedanken sind ganz auf ihren lästigen, ihr nun unheimlichen Verfolger fixiert. Sein intensiver, aufmerksamer, verfolgender Blick bohrt sich auch schon wieder in ihre Augen.
Julia ist schlecht vor Angst, das Herz rast!
Dieser Triebtäter läßt mitnichten von ihr ab!
Eiskalt verfolgt dieser Julia in aller Öffentlichkeit!
Auf den ersten Blick sah dieser Kerl zunächst so harmlos aus!
Niemand von den Autofahrern wird ihr helfen, schießt es Julia plötzlich als Erkenntnis oder Prognose durch den Kopf, diese sitzen alle in ihren Blechkisten, wollen nichts sehen, stecken gleichgültig im eignen Alltag, jedweden Problemen anderer möglichst konsequent ausweichend, alles ignorierend, was diese Leute nicht persönlich tangiert, was ihnen nicht geradezu im Wege steht. Julia sollte um Hilfe schreien, doch schiere Angst schnürt ihre Kehle zu, von dort dringt nur ein leises Röcheln hervor.
‚Nur weg! nur weg!‘, denkt Julia noch,
läuft los,
auf die Straße.
Julia hört ein fürchterlich schrilles Quietschen,
erst jetzt gerät ein Lastkraftwagen in ihre Aufmerksamkeit, welcher genau auf sie zufährt.
Einen Moment bleibt ihr Herz stehen. In diesen Sekundenbruchteilen ziehen alle Ereignisse des Tages an ihr vorbei. Sie kann es schaffen, denkt Julia, wenn jener Lastkraftwagen rechtzeitig hält, wenn sie schnell genug aus seiner Fahrspur herauskommt! der Triebtäter?
Ihr Tag hatte so gut begonnen …

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