Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(7) Samstag Morgen und Mittag

Ihre leise, angenehme Stimme weckt mich, als ich mich jedoch nicht gleich bewege, spüre ich, wie ihre Hand die Decke um meine Schulter umfaßt und mich vorsichtig wachrütteln will. Ich schlage die Augen auf, lächele sie an.

Sie meint, ich könne nun eigentlich aufstehen, sie habe schon Brötchen besorgt, das Frühstück sei gleich fertig, ob ich Tee oder Kaffee möchte?

Ich ziehe Tee vor und sie geht. Ich stehe auf, gehe ins Bad, wasche mich, ziehe mich dann an.

Beim Frühstück überlegen wir, was wir heute tun könnten. Beide sind wir wild entschlossen, Zeit miteinander zu verbringen. Sie möchte mich heute Mittag zum Essen in ein Restaurant einladen, ich schlage für den Vormittag einen Spaziergang durch die Herrenhäuser Gärten vor - auch die Herbstatmosphäre im Berggarten ist einen Spaziergang wert - und so brechen wir nach dem Frühstück auf, fahren mit der Straßenbahn zu den Gärten.

Wir gehen nebeneinander durch die kühle Luft des Berggartens, irgendwann greift ihre behandschuhte Hand zögernd nach der meinen, als ich sie gerade einmal nicht in der Tasche versenkt habe, und hält sie. Sie schaut mich wortlos an, lächelt ein paar Augenblicke lang entspannt. Später sitzen wir an einem der Teiche, zögernd lege ich einen Arm um ihre Taille und rücke ganz dicht zu ihr heran, sie legt ihren Kopf auf meine Schulter und schließt die Augen.

Beim Mittagessen weise ich darauf hin, daß ich dann doch noch irgendwann etwas für mein Studium und die nächste Woche vorbereiten müsse, was ein paar Stunden in Anspruch nehmen wird. Ihr ist es wichtig, daß ich das deutlich sage, sie wolle mich nicht komplett vereinnahmen. So einigen wir uns, daß ich den Nachmittag fleißig sein solle. Gleichzeitig beschließen wir aber, auch den Sonntag miteinander zu verbringen, ich solle heute Abend wieder zu ihr kommen, sie macht mich darauf aufmerksam, daß ich Schlafanzug und Zahnbürste mitbringen solle. Wir verabreden uns für etwa zwanzig Uhr.

Ich begleite sie noch zur Straßenbahn, frage, ob sie allein nach Hause fahren könne.

Dessen ist sie sich sicher, es sei so, als sei sie Donnerstag Abend bei meinem Ausruf endgültig aus einem Alptraum erwacht, am Freitag habe sie noch an sich gezweifelt, doch ab jetzt könne sie nichts mehr dazu bewegen, wieder in diesen Alptraum zu verfallen, das Gespräch mit mir, der gemeinsame Vormittag hätten ihr schon so viel gegeben, daß sie sicher sei, alleine nach Hause zu kommen. Auch das müsse für sie möglich sein. Ganz sicher werde sie sich nie wieder zu einem Stück Fleisch machen lassen. Ich könne sie unbesorgt gehen und lernen lassen, auf sich selbst vertrauend ihren Weg zu finden.

Als sie abgefahren ist, trete auch ich den Heimweg an.

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