Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(6) Freitag Abend

Als ich wieder zu mir komme, tut mein ganzer Körper weh. Neben mir sitzt I., hat noch immer ihre Jacke an, mit angezogenen Knien, den Rücken an die Wand gelehnt, die Arme um die Beine geschlagen. Sie zittert, weint, schluchzt. Als sie bemerkt, daß ich mich wieder bewege, stößt sie zwischen ihrem Schluchzen hervor, sie habe geglaubt, ich hätte ihr helfen wollen, weil ich ein guter Mensch sei, sie habe mir vertrauen wollen, jetzt stelle sich heraus, daß ich nur eingegriffen hätte, weil ich das selbst habe tun wollen, was der Täter zu tun versucht habe, ich hätte ihn nur angegriffen, weil er meine günstige Gelegenheit ausgenutzt habe, mir meine Beute weggeschnappt habe.

Es gelingt mir nur mühsam, mit schmerzenden Lippen zu widersprechen, ich hätte niemals versucht, über sie herzufallen, ihr Gewalt anzutun. Ich gäbe zu, ich sei ein Idiot gewesen, sie verfolgt zu haben, doch darüber hinaus hätte ich ihr niemals etwas antun können. Hätte ich geahnt, daß sie mich bemerkt habe, hätte sie von dem Augenblick nie wieder etwas von mir gesehen!

Sie schaut mich an, darüber hinaus? Das Gefühl verfolgt zu werden, Angst davor zu haben, entweder einen Verfolgungswahn zu haben oder tatsächlich verfolgt zu werden, sei schlimmer gewesen als dieser Triebtäter. Sie habe geglaubt, als er auf ihr gelegen habe, daß es danach endlich vorbei sei, wenn er mit ihr fertig sei. Einerseits habe sie in dem Augenblick die Gewißheit gehabt, wirklich verfolgt worden zu sein, andererseits habe sie gedacht, danach wieder in Ruhe gelassen zu werden.

Ich versichere noch einmal, ich hätte sie niemals auch nur angefaßt, schwöre, nie wieder jemanden so zu verfolgen, das je wieder jemandem anzutun. Doch als sie den Verdacht gehabt habe, daß sie verfolgt werde, warum habe sie sich dann nie umgedreht, versucht zu erfahren, ob und wer da hinter ihr her sei? Warum habe sie sich erst gegen den Mann gewehrt, nachdem ich versucht hatte, ihn von ihr wegzuzerren?

Sie schluchzt, senkt ihren Kopf auf die Arme. Immer sei sie es, die sich rechtfertigen solle, die Fragen beantworten solle. Sei sie jetzt etwa daran Schuld, daß ich sie verfolgt hätte? Sei es ihre Schuld, daß der Kerl im Park über sie hergefallen sei? Sei alles ihre Schuld, nur weil sie lebe?

Ich versichere, ich hätte weder das Recht noch die Absicht, ihr Vorwürfe zu machen, ich verstünde nur ihr Verhalten nicht, so wie es sei, ohne ihre Berechtigung in Frage zu stellen, handeln zu können, wie sie wolle. Unabhängig davon gebe ich zu, ein rücksichtsloser Idiot zu sein, weil ich sie verfolgt habe, das sei nicht wieder gutzumachen. Das sähe ich nun ein.

Wir schweigen eine ganze Weile. Sie meint dann schließlich recht leise, es sei schon gut, vielleicht hätte ich ja sogar Recht, wenn ich das nicht verstünde, sie werde versuchen, es zu erklären. Jemand anderes hätte es vielleicht mit einem Achselzucken abgetan, wenn da ein verdächtiger Beobachter entdeckt worden wäre, der dann zügig die Flucht ergreift. Ihr allerdings sei es unmöglich, einen potentiellen Verfolger zu stellen oder auch nur der Versuchung nachzugeben, die Ahnung, einen Verfolger zu haben, könne real sein und nicht nur blödsinnige Einbildung. Das alles liege wohl an ihrer Vergangenheit.

Als sie vierzehn gewesen sei, habe schon einmal ein Mann versucht, sie zu vergewaltigen. Es sei abends in einem Park gewesen - anderer Park natürlich, anderer Ort. Sie habe von einer Party einer Freundin nach Hause wollen. Im Park habe sie irgendwann das Gefühl gehabt, beobachtet oder verfolgt zu werden. Sie habe sich umgedreht, sich umgeschaut. Sie habe aber niemanden gesehen. Irgendwo ein Rascheln.
Panik.
Da sei ein Kerl plötzlich über sie hergefallen. Er habe ihre Sachen zerrissen. Sie immer wieder geschlagen. Seine schmierigen, gierigen Finger überall auf ihr. Geruch nach altem Schweiß. Seine Lippen hätten sich mit Gewalt auf ihre gepreßt, naß und ekelig, stachelige Bartstoppeln. Der Atem stank nach Rauch, nach Zigaretten und Mundgeruch. Seine Finger, wie sie ihre Brüste gekniffen und geknetet hätten. Seine Fäuste hätten jeden Laut von ihr sofort bestraft, jede Bewegung mit weiteren Schlägen. Seine Finger hätten ihren Slip zerrissen, hätten ihre Geschlechtsorgane grob befummelt, daran gezerrt, daß es wehgetan und geblutet habe. Er habe sie wieder geschlagen, seine Hose geöffnet. Er habe in sie eindringen wollen. Sie habe vor Angst uriniert und dann habe sich ihr Unterleib verkrampft. Trotzdem habe er brutal weitergemacht, mit den Fingern an ihr gerissen, mit dem Glied zugestoßen, frustriert habe er auf ihren verkrampften Unterleib eingeschlagen, brutal mit der Faust zwischen ihre auseinandergerissenen Beine. Dann habe er erneut versucht mit dem Glied in sie einzudringen, habe dazu seinen Griff, seine Position etwas gelockert, daß es ihr gelungen sei, ihr Bein mit einem letzten Aufbäumen anzuziehen. Mit dem Fuß habe sie zugestoßen, nicht sehr kräftig zwar, doch habe sie wohl seine Hoden gestreift, jedoch nicht stark genug getroffen. Zwar habe er von ihr abgelassen. Es sei ihr gelungen, sich aufzuraffen, sich so schnell sie noch gekonnt habe davonzuschleppen. Doch er habe sie verfolgt. Sie habe es bemerkt. Verzweifelt um Hilfe geschrien. Er habe sie über eine Straße verfolgt. Sie habe geschrien und geschrien. Doch die Autos hätten nicht gehalten. Keiner habe ihr geholfen, obwohl sie um Hilfe gerufen habe, ihre Kleider zerfetzt gewesen seien, der Mann hinter ihr her gewesen sei. Aus den Fenstern der Häuser hätten vereinzelt Personen, Monster, Zombies zugeschaut. Doch niemand habe ihr geholfen. Sie sei gelaufen, habe sich versteckt. Ihre Angst, daß er sie findet, stundenlang müsse sie bewegungslos ausgeharrt haben.

Schließlich sei sie zur Polizei gegangen. Dort habe sie alles bis ins Detail erzählen müssen, gleichgültig aussehenden Beamten. Spurensicherung und Untersuchung beim Arzt. Die fassungslosen Blicke der Eltern. Und von allen Seiten die Vorwürfe in ihren Fragen, ob sie nicht zu gewagt angezogen gewesen sei, ob sie nicht selber Schuld sei, wenn sie so herumlaufe. Was sie denn nachts um die Zeit alleine im Park zu suchen gehabt habe, ob sie das nicht geradezu provoziert hätte. Auch Unterstellungen von Polizisten in diesem Sinne, ebenso die Eltern. Mitschuld zu sein, es provoziert zu haben. Die erniedrigende Untersuchung beim Arzt, die Fragen, immer wieder die gleichen Fragen, immer wieder habe sie das Erlebte wiederholen müssen. Sie sei sich so schmutzig vorgekommen, ihr ganzer Körper sei ihr schmutzig vorgekommen, obwohl sie anfangs sogar mehrmals am Tag geduscht habe. Sie habe Nachts sogar ins Bett gemacht. Immer die Angst. In der Schule habe sie nicht mehr richtig aufpassen können. Ihre Eltern hätten sie nicht verstanden. Der Täter sei nie gefaßt worden.

Dann sei der ganze Psychokram gefolgt. Aufarbeiten des Erlebten, immer wieder aufarbeiten, Gesprächstherapie, Gruppentherapie, das ganze Programm. Mit dem Ergebnis, daß sie nicht mehr ins Bett gemacht habe, nicht mehr so oft geduscht habe, gelernt habe, zu sagen, daß sie zu ihrer Vergangenheit stehe, daß sie beinahe vergewaltigt worden sei. Es sei ihr natürlich gesagt worden, daß sie an dem Vorfall keine Schuld habe, doch das sei schon durch all die vorangegangenen Fragen tief eingegraben gewesen. Sie habe zu sagen gelernt, was sie habe sagen sollen, damit die Psychologen zufrieden gewesen seien und sie endlich ihre Ruhe wiederhabe. Sie habe dann andere Kleidung getragen, sei nicht mehr als unbedingt nötig aus dem Haus gegangen. Sie habe ihren Körper noch immer gehaßt, sich schmutzig gefühlt, doch der Schmutz von dem Mann im Park sei nicht abzuwaschen gewesen, auch Enthaarungsmittel für ihre Schamhaare hätten nicht geholfen.

Erst in den letzten Jahren, seit sie hier wohne, habe sich die Einstellung zu ihrem Körper allmählich gebessert, zu J. habe sie Vertrauen gehabt, habe mit ihr ihren Körper neu kennengelernt und akzeptieren gelernt. Doch Männer habe sie noch immer gehaßt. Den Jungen, in den sie damals so verliebt gewesen sei, als es passiert sei, habe sie nicht mehr ertragen können, nicht mehr seine Nähe, seine Berührungen, seine Fragen, seine Ratlosigkeit und seine Wut, als hätte man ihm etwas genommen. Vorher hätten sie sich schon geküßt und umarmt, hätten Pläne gehabt, wann und wie sie das erste Mal gestalten wollten. Doch dann hätte sie ihn nicht mehr ertragen können, nicht einmal mehr seine Nähe, es sei vorbei gewesen. Auch ihre Eltern oder andere Menschen hätten sie nicht mehr berühren dürfen. Nur ihre ältere Schwester K. und ihre Freundin J. hätten ihr Vertrauen zurückgewonnen. Die beste Freundin J. habe viel Geduld mit ihr gehabt. Sie hätten sich schon gekannt, solange sie denken könne, doch die Zeit nach der Tat sei eine schwere Belastung gewesen, doch sie hätten es geschafft, das zu überwinden.

Sie weint immer noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll, was sagen. Im Raum bleibt nur ihr Schluchzen.

Dann fährt sie fort: Als sie am Mittwoch das Gefühl gehabt habe, verfolgt zu werden, habe sie befürchtet, die Angst von damals sei wieder da, von der sie gedacht habe, sie hätte sie überwunden oder zumindest unter Kontrolle, hätte gelernt, mit ihr zu leben. Sie habe gedacht, es sei ein Verfolgungswahn aus den damaligen Erlebnissen resultierend, die sich jetzt wieder irgendwie in den Vordergrund drängten. Sie habe Angst gehabt, sich umzudrehen, sich umzuschauen und niemanden zu sehen, der da sei. Die Alternative sein ebenso schlimm gewesen: Ein realer Verfolger. Sie habe verzweifelt nach einem Ausweg gesucht, habe sich einzureden versucht, solange sie so tue, als merke sie nichts, bleibe alles in der Schwebe, weder müsse sie sich eingestehen, daß sie verrückt werde, noch gebe sie einem eventuell tatsächlich vorhandenen Verfolger die Gelegenheit, sofort zuzuschlagen, weil sie ihn gesehen habe. Trotzig wie ein Kind habe sie versucht, den Tagesablauf wie üblich und geplant einzuhalten. Teile davon wie der Kinobesuch seien sowieso schon eine Auflehnung gegen ihren Widerwillen, unter Menschen zu gehen, nun noch potenziert mit einem eingebildeten oder realen Verfolger im Nacken und dann durch dir Nacht. Sie habe gedacht, sie drehe durch, die Ungewißheit einerseits gut, weil so alles in der Schwebe geblieben sei, andererseits eine Katastrophe, weil sie habe befürchten müssen, daß das alles nun endlos so weitergehe.

Als der Kerl über sie hergefallen sei, habe sie gedacht, daß sie nun wenigstens Gewißheit habe, gleichzeitig sei sie erstarrt gewesen, es sei so gewesen, als passiere das von damals alles noch einmal, die Gegenwart habe sich unentwirrbar mit der Vergangenheit vermischt, dieser Täter mit dem damaligen. Das gleiche ein zweites Mal, sie dem allem hilflos ausgeliefert. Wieder das Kind in den Klauen eines Monsters, wieder dieses Grauen, alles nochmal, alle Bemühungen der letzten Jahre vergeblich, ein unaufhörlicher Alptraum setzt sich immer weiter fort.

Der Kerl habe sie als ein Stück Fleisch behandelt, und sie habe ein Stück Fleisch gespielt, weil die Vergangenheit sie in diese Rolle gezwungen habe, wie in einem Film, der immer wieder genau gleich ablaufe, die Darsteller unentrinnbar darin eingesponnen.

Sie habe damals einige Zeit nach dem Überfall den Sport, die Selbstverteidigung angefangen, um zu sich selbst zurückzufinden, ursprünglich auch so eine Idee der Psychologen, um ihr Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Nur hätten die übersehen - wieder in der gleichen Situation sei sie wieder das hilflose Kind in einem Alptraum, nicht die erwachsene Kampfsportlerin von heute, die sich zu wehren wisse. Sie habe geradezu mit fanatischem Eifer gelernt zu kämpfen, um sich sicher zu fühlen, um sich zu fühlen, ihren Haß unter Kontrolle zu bekommen. Doch als die Situation sich praktisch wiederholt habe, habe sie nicht daraus ausbrechen können, habe nicht anders handeln können, wie unter einem Zwang. Sie habe wieder dagelegen, hilflos, das vierzehnjährige Mädchen von damals habe dagelegen, Angst und Schmerz, seinen schmutzigen Fingern ausgeliefert.

Als ich "Nein!" geschrien, ihn gepackt hätte, hätte ich den Bann gebrochen, sie ins Jetzt zurückgeholt. Plötzlich sei sie aus der wiedererlebten Erinnerung befreit gewesen. Da hätten ihr Körper, ihre antrainierten Reflexe gewußt, was zu tun sei: Sich verteidigen, zuschlagen!

Als sie jetzt entdeckt habe, daß ich sie verfolgt hätte, sei das wieder eine Katastrophe gewesen. Endlich habe sie zu einem Mann, zudem noch einem bisher fremden, etwas Vertrauen gefaßt, und dann habe sie so etwas entdecken müssen!

Sie hat aufgehört zu weinen, schaut mich an.

Da sei sie durchgedreht und habe wieder zugeschlagen, obwohl ich sie nicht angegriffen hätte. Das eingeübte Programm sei einfach abgelaufen, ohne daß sie hätte nachdenken können. Das sei die Gefahr bei einer antrainierten Kampftechnik, handeln ohne darüber nachzudenken; was man gelernt habe, müsse man aber unbedingt unter Kontrolle halten können. Das Trauma der Gewalt setze sich sonst immer weiter fort, einmal in die Welt gesetzt, habe Gewalt die Tendenz zu eskalieren.

Ich versichere ihr, daß ich ihr ganz bestimmt nichts habe tun wollen, dafür, daß ich sie so durch die Verfolgung gequält hätte, hätte ich ihre Reaktion nicht besser verdient. Es sei vermutlich das Beste für sie, wenn ich jetzt ginge, dann müsse sie mich nicht noch länger ertragen.

Ich will aufstehen, doch sie schüttelt den Kopf, bittet mich zu bleiben.

Sie hätte mich nicht schlagen dürfen, hätte nicht so die Kontrolle über sich verlieren dürfen. Sie glaube mir jetzt, daß ich ihr nichts habe tun wollen, daß ich mir offenbar keine Gedanken darüber gemacht hätte, was meine Verfolgung für sie bedeuten könne. Es sei nun vorbei. Sie wolle nicht mehr hassen, alles sei besser als das! Durch den Haß sei sie so ausgebrannt und leer, denn in ihr sei nur die Vergangenheit, der Schmerz, die Angst, die Verzweiflung, die Leere und der Haß gewesen. Das könne sie nicht länger ertragen!

Ich setze mich auf einen Stuhl, spüre dabei alle meine Knochen. Sie setzt sich auch, fährt mit den Händen erschöpft durch ihr Haar.

Sie fährt fort: Egal was weiter passiere, sie werde mich nie wieder schlagen. Sie bittet mich zu bleiben. Sie sei mit den Nerven fertig gewesen, es tue ihr leid, was sie getan habe, aber ich solle bitte nicht gehen.

I. steht auf, zieht zitternd ihre Jacke aus, ob ich also bliebe?

Ich nicke.

Ob mir etwas fehle, ich ernsthaft verletzt sei?

Ich stelle fest, außer Nasenbluten und einem allgegenwärtigen Schmerz gehe es ganz gut. Jedenfalls deutlich weniger, als sie Donnerstag Abend habe ertragen müssen.

Sie hilft mir immer noch zitternd, meine Jacke auszuziehen, bringt beide Jacken weg. Dann fragt sie, ob ich etwas essen könne?

Ich bestätige, ich glaube, es werde gehen.

Inzwischen hat das Nasenbluten aufgehört, sie geht voraus ins Badezimmer, ich wische mir die Blutreste aus dem Gesicht, dann gehen wir zurück in die Küche. Es geht uns beiden wohl nun schon wieder etwas besser. I. wirkt wieder recht konzentriert und kontrolliert. Sie beginnt, den vegetarischen Salat, den sie schon angekündigt hatte, zuzubereiten, nachdem sie eine CD eingelegt hat und leise Musik durch die Wohnung dringt.

Sie erzählt, nun wieder mit ruhiger, leiser Stimme und ohne Zittern, bevor das damals passiert sei, sei ihr Leben so unbeschwert gewesen, sie habe geglaubt, daß alle Menschen irgendwie gut seien, doch dann sei dieser Kerl über sie hergefallen und hätte ihre ganze Welt zerstört, ihr jegliches Vertrauen in die Menschen geraubt.

Er habe sie offenbar gar nicht als Mensch behandelt, denn jemandem, dem man ein Ich wie das eigene zubillige, den man für einen Menschen wie sich selbst halte, könne man so etwas unmöglich zufügen. Kein Mensch dürfe als Mittel zum Zweck behandelt werden. Die Gewalt und der Haß des Kerls habe in ihr wieder Gewalt und Haß ausgelöst, einen Haß auf alle Männer, immerhin knapp die Hälfte der Menschheit, nur weil es ein paar Millionen Vergewaltiger darunter gebe. Wegen dieser Ungeheuer sei es aber nicht gerecht, alle anderen zu hassen, denn dann ziehe ein Unrecht nur immer weitere Ungerechtigkeiten nach sich, einem Gewalttäter sei es dann möglich, aus jedem seiner Opfer einen neuen Gewalttäter zu machen.

Wenn sie mich anschaue, halte sie mich für harmlos. obwohl ich sie verfolgt hätte. Wenn sie nicht Angst vor ihrer eigenen Vergangenheit gehabt hätte, hätte sie sich davon überzeugt, ob sie wirklich verfolgt werde, und damit wäre das erledigt gewesen. Aber die Schattengestalt aus ihrer Vergangenheit, dazu mein Fehlverhalten, da habe sich Vergangenheit und Gegenwart, Einbildung und Fakt zu unheimlichem Grauen vermischt. Wäre sie mit ihrer Vergangenheit fertig geworden, wäre sie auch spielend mit dem neuen Täter alleine fertig geworden. Sie könne nicht mehr weiter hassen, sie möchte endlich wieder zur Ruhe kommen, Vertrauen haben können. Sie wolle, daß ich ein guter Mensch sei. Ich hätte ihr immerhin geholfen, als sie Hilfe gebraucht habe, das sei schon mehr, als ein Mann je zuvor für sie getan habe. Das sei mehr als damals die Leute getan hätten, die zugeschaut hätten, als sie nach dem Überfall durch die Straße gelaufen sei.

Was sie interessiere, wenn ich in der Lage sei, es in Worte zu fassen: Warum ich sie verfolgt hätte, wenn ich ihr nichts tun wollte?

Ich überlege einen Moment, gestehe, daß sei tatsächlich nicht so einfach zu beantworten. Ich könne versuchen, die wesentlichen Ursachen zu nennen. Bald nachdem meine letzte Beziehung zu Ende gewesen sei, habe mich eine schon vorher vorhandene und überwunden geglaubte innere Leere und Unruhe durch die Stadt getrieben, es sei ein kaum zu stillendes Interesse in mir erwacht, um zu erfahren, wie die Menschen in der Stadt leben, wie sie mit sich selbst fertig würden, was sie eigentlich dazu triebe, so durch die Stadt zu laufen. Ich habe ihre Spuren verfolgen wollen, ihr Handeln begreifen, ihr Treiben erfassen, ihren absurden Kaufrausch verstehen. Daß es sich bei den beobachteten Personen um Frauen gehandelt habe, habe wohl auch eine sexuelle Komponente, doch habe es nie in meinem Interesse gelegen, daß sie mich überhaupt bemerken. Sei das doch geschehen, hätte ich die Beobachtung sofort eingestellt. Sie sei mir vor allem aufgefallen, weil ich sie attraktiv fände, auch die in sich versunkene Haltung, dieses Insichgekehrtsein, ihr abwesender Ausdruck habe mein Interesse an ihr geweckt.

Sie meint daraufhin, sie habe immer gehofft, ziemlich unauffällig zu sein, sie benutze seit damals nur noch unauffällige Kleidung, kein Make-Up, ihre Haare trage sie seitdem immer hochgesteckt. Was stimme, diese 'Opferhaltung' habe sie seit damals nie mehr ablegen können. Besonders attraktiv finde sie sich allerdings nicht, sie habe Sommersprossen, nicht nur im Gesicht, ihr Körper sei zwar durch den Sport gut durchtrainiert, für andere vielleicht sogar schön, doch bei der Kleidung, die sie trage, könne man da kaum scharfe Konturen ausmachen, so daß das auf der Straße nicht auszumachen sei. Aber vielleicht sei seit damals auch ihre Selbstdarstellung gestört. Auch nur ansatzweise verdächtige Anstalten von Verehrern würde sie sowieso immer mit einem bösen Blick bestrafen und jegliche Versuche im Keim ersticken, das passiere ganz automatisch, eigentlich ignoriere sie solche Verehrer nicht einmal mehr, das passiere eigentlich die Schwelle zu ihrem Bewußtsein gar nicht. Allenfalls, wenn eine Kollegin etwa frage, was denn los gewesen sei, ahne sei manchmal, da könne was gewesen sein. Aber attraktiv? Im Spiegel ansehen sei ihr schon zuwider, so sehr habe sie sich von ihrem Äußeren nach der damaligen Tat distanziert.

Ich unterbreche, ich hätte nur einen Blick in ihr Gesicht werfen müssen, ihre Augen, ihre Lippen, ihre Wangen, die vielen bezaubernden Sommersprossen sehen müssen, den etwas melancholischen Blick, um ganz in ihrem Bann gezogen zu werden.

Darauf erwidert sie, besonders glücklich könne ihr Gesichtsausdruck wirklich nicht ausgesehen haben. Ihre roten Haare seien vielleicht auffällig, dafür sei ihre Frisur sehr streng gehalten. Sie habe sich früher überlegt, ob sie sie nicht dunkelbraun färben solle und ziemlich kurz tragen, um noch unauffälliger zu sein. Das habe sie aber dann doch gelassen, zumal J. ihr entschieden abgeraten habe, sie dürfe den Täter nicht doch noch triumphieren lassen, in dem sie ihr Ich völlig aufgebe und ihre Identität verleugne. Die Haare zumindest habe sie daraufhin rot und lang gelassen, was ihr Selbst aber zu dem Zeitpunkt sei und welche äußere Erscheinung dem sonst entsprochen hätte, hätte sie aber nicht mehr zu entscheiden gewußt, die weite, unauffällige, den Körper verbergende Kleidung habe von da an zu ihr gehört.

J. sei anfangs auch mit zum Kampfsport gegangen, um ihr zu helfen, ihr Selbstvertrauen wieder aufzubauen, ihre innere Sicherheit zu stärken, ebenso wie ihr Körpergefühl, da sie ja damals von ihrem Körper geradezu abgestoßen und angeekelt gewesen sei. In Hinblick auf sie selbst habe ihr das auch sehr geholfen. Bald habe sie den Sport mit großer Begeisterung betrieben und in den Übungen sei die Distanz zu ihrem Körper aufgehoben gewesen. Sie sei abgelenkt gewesen und in der Gruppe von Frauen habe sie sich bald einigermaßen wohl gefühlt. Trotzdem habe sie es bisher nicht geschafft, in der Öffentlichkeit unbefangen aufzutreten, die Außenwelt sei immer irgendwie bedrohlich gewesen. Was nutze es zu wissen, daß man das Recht habe, zu tragen was man wolle und zu spazieren wann und wo man wolle, wenn man sich dabei nicht wohl fühle. Was der Kerl ihr genommen habe, das Selbstvertrauen und das Vertrauen zu anderen Menschen sei kaum, und wenn, dann nur in einem mühevollen Kampf gegen sich selbst zurückzugewinnen. Bis auf bei wenigen Ausnahmen, wie etwa bei J. habe sie diesen Kampf bisher immer verloren.

Wir essen, sie trinkt dazu Wein, ich wieder Saft. Sie schaut mich kurz an, ob ich sie wirklich schön oder attraktiv fände?

Ich erläutere, was Schönheit sei, könne ich nicht in Worte fassen, viele hätten etwas Eigenes und seien dadurch schön, andere seien schön, weil man es ihnen gesagt und sie es geglaubt hätten, wieder andere seien schön, weil sie glücklich seien, bei manchen könne man nicht bezeichnen, durch was sie schön seien. Für mich sei sie einfach wunderschön, ohne daß es nötig wäre, mehr zu tun, als sie zu erleben. Sie sei schön, so wie sie sei; wenn sie es fertigbringe, sie selbst zu sein, sei sie noch viel schöner; wenn es ihr gelänge zu lächeln, sei sie sicher noch einmal viel schöner.

Sie versucht zu lächeln, doch das gelingt ihr nur einen Augenblick lang, dann meint sie, das sei aber nicht so leicht, außerdem zeige ihr Gesicht heute noch die Spuren des gestrigen Angriffs, da könne es mit ihrer derzeitigen Schönheit nicht allzu weit her sein. Sie fragt mich, ob mir wirklich etwas an ihr liege, nicht nur an ihrem Äußeren, oder ob ich nur da sei, weil sie mir vielleicht leid tue und ich die Verfolgung irgendwie wieder gutmachen wolle? Hätte ich also eher sexuelle Gelüste oder doch eher Mitleid?

Ich antworte, meine Schuld ihr gegenüber belaste mich natürlich, doch sei ich nach dem Anruf vor allem gekommen und später zum Essen geblieben, weil ich sie möge. Die Macht der Biologie abzustreiten, wäre natürlich dumm, doch hätte ich ja schon noch einen Verstand, um mehr für sie zu empfinden als bloße sexuelle Gelüste.

Nach einer kurzen Pause erwidert sie, den Blick kurz auf mich richtend, ihn dann wieder senkend, die Sache mit der Verfolgung sei für sie erledigt, ich solle mir keine Gedanken mehr darüber machen, wir brauchten jetzt nicht mehr darüber zu sprechen. Und wenn mir wirklich etwas an ihr liege, so müsse ich ihr Zeit und Raum lassen. Ich nicke nur zustimmend. Sie ergänzt noch, sie wolle mein Interesse akzeptieren, mich nicht einfach zurückweisen. Wenn ich sie respektiere, werde sie auch mich respektieren und über die Verfolgung hinwegsehen, wenn ich ihr den vorherigen Übergriff verzeihen könne. Wieder nicke ich, schaue sie an.

Sie macht wieder eine Pause, fährt dann zögernd, langsam und leise fort, sie möchte dann gerne ausprobieren, mit mir öfter zusammen zu sein, doch wie ich mir sicher denken könne, zu einem flüchtigen Abenteuer sei sie nicht in der Lage, das sei nicht möglich, wenn ich irgendwie darauf aus sei, habe es keinen Zweck, daß wir uns wiedersähen. Nur wenn ich bereit sei, Geduld mit ihr zu haben, das Tempo ihr zu überlassen, bestehe eine Chance für eine gewisse Annäherung. Sie müsse gegen sich selbst kämpfen, um ihr Unwohlsein zu überwinden, welches sie eigentlich habe, wenn sie mit Männern alleine sei, das wolle sie versuchen, doch ich müsse Geduld haben, bis sie Vertrauen in mich gefaßt habe, aber sie wisse nicht, wie lange das dauern könne, doch ein guter Anfang sei mit diesem Gespräch gemacht, obwohl der Ausgangspunkt sicher denkbar ungünstig gewesen sei. Ob große Fortschritte in der Annäherung bereits nach wenigen Tagen oder erst nach Monaten geschafft sein werden oder vielleicht auch niemals, wisse sie nicht. Ich hätte ja bereits am eigenen Leib erfahren, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühle, könne es gefährlich werden, Vorsicht sei für mich also angebracht, wobei sie dabei bleibe, nie wieder nach mir schlagen zu wollen.

Ich versichere, ich sei gern bereit, auf sie einzugehen, wenn dem nicht so wäre, läge mir auch nicht wirklich etwas an ihr. Bei dem, was ihr passiert sei, werde das Tempo und das Aussehen einer Beziehung sicher entscheidend von ihrer Verfassung abhängen.

Sie meint, wenn mir das aber alles zu viel werde, könne ich sofort Schluß machen, sie würde das bedauern, werde es aber verstehen können, ebenso werde sie den Versuch sofort beenden, wenn sie spüre, daß es sinnlos für uns beide sei, es weiter zu versuchen, weil sie keine Fortschritte mache. Sie bitte mich nur, ehrlich mit ihr zu sein und ihr nichts zu verbergen, was für sie wichtig sein könnte.

Ich bin damit einverstanden.

Nach dem Essen waschen wir das Geschirr ab und sehen fern.

Sie erläutert, es falle ihr schwer zu formulieren, auszusprechen, was sie fühle, was sie spüre, mit mir gebe es eine Chance, den Haß, die Angst und die Unsicherheit zu überwinden, doch sei es eine große Belastung für sie, eine große Unruhe in ihr, ein Chaos der Gefühle, welches sie nur mit äußerster Willensanstrengung in etwa in Schach halten könne, aber sie wünsche sich so sehr, daß es ihr gelinge, daß sie zu sich selbst zurückfinde, um mit mir zusammen sein zu können, statt weiter von der Vergangenheit beherrscht zu werden. Statt zwischen Haß und Angst ständig hin und her zu pendeln, möchte sie sich irgendwann in meiner Gegenwart wohl und sicher fühlen, sie wolle endlich wieder zu leben beginnen.

Später bittet sie mich, über Nacht zu bleiben, im Wohnzimmer zu übernachten. Als sie dann auf ihr Zimmer geht, höre ich das Türschloß. Wenige Minuten später schließt sie die Tür wieder auf und kommt ins Wohnzimmer. Sie trägt einen weiten Schlafanzug, setzt sich und meint, es falle ihr schwer, mit mir in derselben Wohnung zu übernachten, habe eben schon die Tür abgeschlossen. Doch wenn sie es nicht einmal schaffe, mit mir in einer Wohnung zu schlafen, ohne die Tür zwischen uns abzuschließen, sei der Versuch gleich zu Beginn gescheitert.

Ich erwidere, wenn sie möchte, werde ich gehen. Wir könnten später etwas anderes versuchen, um langsamer vorzugehen.

Sie schüttelt den Kopf, meint, ich solle ruhig bleiben, es werde, es müsse einfach gehen. Wenn ihr das heute nicht gelinge, wisse sie auch nicht mehr weiter, deshalb müsse sie es schaffen, sie werde beide Türen auflassen.

Ich gebe zu bedenken, daß sie doch nichts dränge, sie also ruhig langsamer vorgehen könne, worauf sie erwidert, es dränge sie doch etwas, nämlich ihr Wille. Sie sei nicht mehr das hilflose Kind und Opfer, sondern eine erwachsene Frau mit einem eigenen Kopf. Sie werde sich nicht mehr selbst zum Opfer machen. Sie wünscht mir eine gute Nacht, steht auf und geht wieder in ihr Zimmer.

Ihr Verhalten scheint mir immer noch rätselhaft zu sein, sie drängt sich selbst, wo sie doch vielleicht besser ausruhen sollte. Doch in der jetzigen Lage sollte ich wohl eher nicht den Besserwisser spielen und zu bestimmen versuchen, was richtig für sie ist. Auch ich muß ihr vertrauen, muß darauf bauen, daß sie schon einschätzen kann, was sie sich zutrauen kann. Zudem, so stelle ich fest, habe ich ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen, was immer sie vorhat, was immer sie verlangt, das sollte ich nicht grundlos hinterfragen, sondern ihr einfach vertrauen, ihr folgen in Gedanken, Taten und Wünschen. Ist das nicht das Mindeste, was ich tun kann? Um so mehr, als ich ihr nah sein darf? Ja, sie mir offenbar auch nah sein will? Und ist es nicht bemerkenswert, wie aufrecht und selbstbewußt sie da eben gestanden hat und Selbstvertrauen gezeigt hat? War es ein Schlüsselerlebnis, als sie eben ihre Tür wieder aufgeschlossen hat oder bereits, als sie begonnen hat, sich im Park gegen den Täter zu wehren und ihn in die Flucht zu schlagen?

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