Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(5) Freitag Nachmittag

Es ist noch gar nicht lange her, daß ich von der Universität wieder zu Hause bin, als das Telephon klingelt. Es ist I.. Ich bin komplett überrascht und bringe kaum ein Wort heraus.

Sie ist auch etwas verlegen. Dann bringt sie schließlich heraus, es sei ihr sehr peinlich und unangenehm, mich noch einmal zu belästigen. Sie habe geglaubt, sie schaffe es allein. Doch heute morgen alleine zur Arbeit zu fahren, sei ein Horrortrip gewesen. Sie habe versucht, ihre Freundin und Mitbewohnerin J. anzurufen, um sie zu bitten, sie abzuholen, doch wie sie bereits vermutet habe, habe sie sich wohl schon mit ihrem Freund ins Wochenende abgesetzt. Gestern Nacht habe sie bereits im Bett gelegen und morgens habe sie ihr auch nichts mehr erzählen wollen, plötzlich habe sie es einfach nicht herausgebracht, was ihr geschehen sei, sei J. am Morgen einfach aus dem Weg gegangen. Das sei ein Fehler gewesen.

Es falle ihr schwer, mich darum zu bitten, doch sie schaffe es nicht allein, ob ich sie abholen könne? Ich bin natürlich sofort einverstanden, sie gibt mir die Adresse ihres Arbeitsplatzes und die Straßenbahnverbindung vom Kröpcke aus, fragt mich, wann ich da sein könne, ich schätze einen Moment ab, teile ihr das Ergebnis mit.

Sie meint, ich könne draußen warten, sie werde von alleine herauskommen. Sie wisse nicht, wie sie mir danken könne, worauf ich daran erinnere, daß ich mich ja angeboten hätte; wenn sie Hilfe brauche, so sei es selbstverständlich, daß ich käme.

Als ich zur Straßenbahn gehe, bin ich sehr aufgeregt. Niemals hätte ich gedacht, daß ich sie wiedersehen werde, und nun hat sie mich angerufen. Ich kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen. Doch meine Freude, wieder mit ihr zusammen sein zu dürfen, ist verknüpft mit ihrem Leiden, nach der versuchten Vergewaltigung alleine zurechtzukommen. Und ich weiß nicht, wie ich ihr wirklich helfen kann, denn eine Begleitung an diesem Nachmittag ändert nichts am Erlebnis des Abends zuvor, ändert nichts daran, daß sie damit irgendwie fertig werden muß, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, wobei ich nicht weiß, wie ich ihr dabei helfen könnte.

Als ich da bin, gehe ich gleich zum Nebeneingang des Gebäudes, warte ein paar Meter von der Tür entfernt, schaue auf die Uhr, ein paar Minuten zu früh. Ich habe die Zeit für die Fahrt sehr gut abgeschätzt. Die Abweichung liegt innerhalb der einkalkulierten Toleranz. Sie kommt pünktlich durch die Tür, sieht mich, kommt auf mich zu, begrüßt mich.

Auf dem Weg zur Straßenbahn erklärt sie, sie würde gerne noch einkaufen, mich zum Abendessen einladen.

Ich bin einverstanden. Ich stelle fest, nicht damit gerechnet zu haben, sie jemals wiederzusehen, doch sei ich einerseits froh, ihr helfen zu können, andererseits bedauerte ich die Umstände, die das nötig gemacht hätten, deshalb wisse ich nicht, wie ich ihr wirklich helfen könne ...

Sie schaut mich an, ob ich denn gehofft hätte, sie wiederzusehen?

Ich antworte ohne zu zögern: "Ja!"

Sie meint, ich hätte ihr damit schon wieder ein bißchen geholfen.

Sie teilt mir mit, sie bereite sehr gerne Essen zu, und, wie J. meine, sei es auch sehr gut. Sie schlägt vor, was sie für uns machen könnte, die Zutaten hat sie im Kopf, und was ihr vorschwebt, sagt mir zu.

Nach dem Einkaufen fahren wir zu ihr. Ich trage die Sachen, gehe die Treppe hinauf voraus, bis zu der Tür, von der ich vermute, daß sie zu ihrer Wohnung gehört. Tatsächlich schließt sie auf, ich hatte richtig beobachtet. Wir treten ein, sie öffnet die Tür zur Küche. Ich stelle den Jutesack auf den Tisch und drehe mich zu ihr um.

I. schaut mich an, als habe sie plötzlich eine Entdeckung gemacht. Sie schreit mich an: Ich sei das Schwein gewesen, welches sie seit Mittwoch Abend verfolgt habe! Nicht der Typ, der über sie hergefallen sei! Es könne nicht anders sein! Obwohl ich ihr erzählt hätte, sie noch nie vorher gesehen zu haben und vorgegeben hätte, zufällig in der Nähe gewesen zu sein, sei ich ein oder zwei Schritte vorangegangen und als erster am Donnerstag Abend zur ihrer Haustür abgebogen. Dann hätte ich sie heute am Nebeneingang ihrer Arbeitsstelle abgeholt, obwohl von dem sonst nur Angestellte wüßten und er außerdem kaum benutzt werde und der Haupteingang gar nicht zu verfehlen sei, zu dem sie vom Nebeneingang aus habe gehen wollen, weil sie erwartet hätte, mich dort zu finden, doch dann habe sie mich ja auch schon vor diesem Nebeneingang gesehen. Außerdem hätte ich offenbar sofort gewußt, wo genau ich sie abholen müsse und wie lange es bis dorthin dauern würde. Heute sei ich als erster die Treppe hinaufgegangen bis zu ihrer Tür! Das alles passe nur zusammen, wenn ich derjenige sei, der sie verfolgt habe!

Dabei explodiert sie förmlich, während ich schuldbewußt zu Boden schaue, es zugebe. Da treffen mich auch schon ihre gezielten Schläge, ich wehre mich nicht, falle zu Boden. Sie tobt, schlägt und tritt mich ...

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