Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(4) Donnerstag Nachmittag und Abend

Am späten Nachmittag warte ich eine ganze Weile vor dem Gebäude, in dem sie am Morgen verschwunden ist. Ich bin von einem Arbeitstag mit acht Stunden und Pause ausgegangen, von daher habe ich grob geschätzt und mich hoffentlich rechtzeitig positioniert. Ich glaube schon, sie sei früher gegangen, bevor ich hier angekommen bin und beschließe, nur noch fünf Minuten zu warten, als sie endlich doch kommt. Sie eilt wieder mit schnellen Schritten Richtung Straßenbahn, ich hinterher, steige in den gleichen Wagen, noch immer scheint sie mich nicht bemerkt zu haben. Besondere Vorsicht scheint jedenfalls gar nicht notwendig zu sein, sie achtet einfach nicht auf ihre Umgebung oder auf andere Menschen. Auch das sollte mir zu denken geben, trotzdem kann ich nicht einfach stehenbleiben und sie weiter ihre Kreise ziehen lassen und meiner Wege gehen.

Am Kröpcke steigt sie wieder aus. Sie stöbert ziellos in einigen Geschäften, geht später zu einem griechischen Schnellimbiß, ißt etwas, dann geht sie weiter durch die Innenstadt, inzwischen ist es ganz dunkel und Abend geworden.

Sie betritt ein Kino, auch dorthin gehe ich ihr nach, setze mich ein paar Reihen schräg hinter sie. Ich bin etwas besorgt, ob ich sie nicht am Ende des Films in der herausströmenden Menschenmasse verlieren könnte. Als es dann soweit ist, habe ich jedoch Glück und behalte sie im Auge, bis wir am Kröpcke sind und in die Bahn einsteigen. Wieder setze ich mich ein paar Plätze hinter sie, die Bahn ist relativ leer, doch abermals schaut sie sich nicht einmal um, so daß keine Gefahr besteht, daß sie mich entdecken könnte.

Nachdem sie ausgestiegen ist, eilt sie wieder durch die Straßen, es kommt mir noch schneller als sonst vor. Ich bleibe etwas zurück, damit sie auf der schon einsamen Straße nicht meine Schritte hört und mich entdeckt.

Als sie durch den von Büschen und Bäumen dicht bewachsenen, nur dämmrig beleuchteten Park eilt, passiert, was ich zunächst nur jeder Bewegung unfähig und hinter den Sträuchern verborgen fasziniert und schockiert beobachte:

Eine vermummte Gestalt läuft plötzlich und wie aus dem Nichts auf sie zu, schlägt sie in Magen und Gesicht, mehrmals, sie wehrt sich nicht, schreit nicht einmal, stöhnt nur leise vor Schmerz, fällt zu Boden.

Er zieht sie brutal an den Haaren vom Weg weiter in den Park hinein, halb schleift er sie, halb stolpert sie hinterher. Mich unsicher aus meiner Erstarrung lösend gehe ich auch ein paar Sträucher weiter durch das Dämmerlicht vom Weg weg in den Park hinein, bis ich sie wieder sehe. Er hat sie wieder zu Boden geworfen. Jetzt tritt er sie noch einmal in den Magen, sie krümmt sich vor Schmerz, jedoch nur leise aufstöhnend. Er wirft sich auf sie, zieht den Reißverschluß ihrer Jacke auf. Sie liegt regungslos unter ihm, nur die Arme abwehrend gegen seinen Oberkörper gestemmt, das Gesicht zur Seite gedreht, während er ihren Pullover hochschiebt, gierig ihre Haut, ihre Brüste knetet.

Noch immer schaue ich fassungslos zu. Ich hätte doch wohl bemerkt, wenn dieser Typ sie in den Park verfolgt hätte - und vermutlich hätte er auch mich bemerkt, wenn er den Park von außen beobachtet hätte, als sie den Park betreten hat. Also nur ein Zufall? Hatte der Typ im Park auf irgendeine Frau gewartet?

Jedenfalls: Er drängt nun von unter her ein Bein zwischen ihre zusammengepreßten Knie, hilft mit einer Hand nach, schiebt den Rock hoch, sie rührt sich noch immer nicht, er schlägt sie trotzdem nochmal in Gesicht und Bauch, schiebt dann ihren Rock noch weiter hoch, seine Finger schieben sich pressend über die Haut ihrer Beine, drängen die Beine noch weiter auseinander, mit einem Ruck reißt er an ihrem Slip, wiederholt das, bis dieser nachgibt, er wirft ihn weg. Er schlägt sie nochmal ins Gesicht, macht sich am Gürtel seiner Hose zu schaffen, sie wendet den Kopf schmerz- und angstverzerrt zur anderen Seite.

Gleichzeitig bin ich fasziniert und angeekelt und schockiert, mit welcher Brutalität der Täter vorgeht, wie komplett egal ihm offenbar sein wehrloses Opfer ist, in welchem er offenbar keinen Menschen sieht oder doch nur einen, den es zu dominieren gilt. Wie abgestumpft muß er sein, um sie so leiden zu lassen? Mir ist schlecht und ich fühle beinahe den Schmerz der Frau in mir. Warum wehrt sie sich nicht? Warum hat sie nicht wenigstens versucht zu fliehen? Um Hilfe zu rufen? In mir kocht es, der Widerwille gegenüber dem Täter raubt mir fast die Sinne, ich balle die Fäuste vor Wut.

Er will gerade seinen Hosenknopf öffnen, als irgendetwas aus meinem Kopf heraus "Nein!" schreit, was mich selbst erschreckt. Ich bin plötzlich mit ein paar Sprüngen bei den beiden am Boden liegenden, zerre ihn an der Schulter zurück.

Der Täter ist jedoch nur kurz überrascht, noch mit dem gleichen Schwung, mit dem ich ihn von ihr weg und halb hochgezerrt habe, trifft mich sein Ellenbogen auch schon im Magen, ich taumele zurück, gekrümmt vor Schmerz stöhne ich auf, er erhebt sich blitzschnell, verpaßt mir im gleichen Moment einen derart kräftigen Tritt in den Magen, daß ich weiter rückwärts gegen einen Baum fliege, mit dem Kopf gegen einen tief hängenden, dicken Ast knalle, zusammensacke und bewegungslos vor Schmerz liegenbleibe. Es schaut noch kurz nach mir, wohl um sicherzugehen, daß er mich ausgeschaltet hat. Oder schaut er schon, in welche Richtung er fliehen will?

Doch nein, er ist offenbar davon überzeugt, mich außer Gefecht gesetzt zu haben, haut also nicht ab. Als er sich ihr wieder zuwenden will, ist sie jedoch bereits mühsam aufgestanden, richtet sich trotz ihres schmerzverzerrten Gesichtes auf, nimmt eine Kampfhaltung ein, was irgendwie bizarr wirkt. Er versucht, sie wieder zu dominieren, in den Griff zu bekommen, sie weiter mit Schlägen und Fußtritten zu traktieren, die sie jedoch jetzt zwar mühsam, aber doch recht geschickt abwehrt. Der Täter zögert einen Moment überrascht durch ihre plötzliche Wehrhaftigkeit. Dann geht sie zum Angriff über, ist deutlich schneller als er, der nun ihren Griffen, Schlägen und Fußhebeln und -tritten keine sehr erfolgreiche Verteidigung entgegenzusetzen hat, einiges abbekommt, ich meine gar, irgendetwas unter ihren Schlägen bei ihm krachen oder knacken zu hören und er stöhnt laut auf. Nun zögert sie, bleibt etwas auf Distanz, offenbar immer noch durch die vorherige Qual mitgenommen. Wankend weicht er zurück und läuft schwer angeschlagen davon. Sie geht ihm nur wenige Schritte nach, sinkt dann förmlich aus ihrer Kampfhaltung wieder in sich zusammen, kann sich kaum aufrecht halten, hält mit beiden Händen ihren Magen, kommt trotzdem langsam auf mich zu, fragt leise und mühsam, ob ich Hilfe brauche. Ich kann mich erst jetzt mühsam aufrichten, antworte, ich glaube, es werde schon so gehen, stehe auf, außer einer schmerzenden Beule am Hinterkopf und dem üblen Gefühl in der Magengegend scheint mir nichts zu fehlen, was ich ihr mitteile. Ob sie in Ordnung sei, frage ich zurück. Sie hält sich inzwischen ein Taschentuch an die blutende Nase, nickt zögernd, es werde schon gehen.

Ich schlage vor, die Polizei zu benachrichtigen, sie schüttelt den Kopf, das möchte sie nicht, wenn ich ihr einen Gefallen tun wolle, könne ich sie höchstens ein Stück begleiten. Ich stimme natürlich sofort zu, frage, warum keine Polizei. Langsam humpeln wir durch Dämmerlicht und Unterholz zurück zum Weg, sacken beide erst einmal auf eine Bank. Sie meint, das mit der Polizei sei Zeitverschwendung, der Mann sei weg, wir hätten nicht einmal sein Gesicht gesehen, und was er getragen habe, passe auf hunderte von mutmaßlichen Triebtätern in der Stadt - tatsächlich habe sie natürlich keine Ahnung, wieviele sich davon herumtreiben. Da sie anfangs nicht fähig gewesen sei, sich gegen ihn zu wehren, wie gelähmt gewesen sei, gebe es keine Haut- oder Blutreste von ihm. Da ihm die Vergewaltigung dank meiner Hilfe zum Glück nicht gelungen sei, gebe es auch keine Spermaspuren. Das einzige, was passierte, wären unangenehme Fragen, die sie nicht auch noch über sich ergehen lassen wolle. Ihre Magenschmerzen würden bald vorbei sein, die Nase und die aufgeschlagene Lippe bald aufhören zu bluten, nur durch die Schläge würden für ein paar Tage blaue Flecken, Schwellungen um die Wangenknochen und ein paar Striemen durch den zerrissenen Slip bleiben, im Grunde sei ihr nichts passiert. Vielleicht werde sie später anonym bei der Polizei anrufen, das könnte immerhin dazu führen, daß die hier mal öfter gucken. Das könnte natürlich dafür sorgen, daß es der Täter hier nicht noch einmal versucht. Aber dann vielleicht woanders. Sie hätte doch härter zuschlagen müssen, ihn von der Flucht abhalten. Nun sei es zu spät. Ich meine, mit mindestens einem Schlag müsse sie ihn richtig erwischt haben, ich hätte ein übles Geräusch gehört. Sie nickt, vielleicht die Rippen oder gar ein Arm, sie sei etwas benommen gewesen, habe das nicht richtig erkennen können. Das würde aber hinsichtlich der Ergreifung auch nichts nützen, das sei nicht charakteristisch genug und der Kerl könnte den Arztbesuch ja auch etwas verzögern, damit man es garantiert nicht zuordnen kann.

Der Schmerz wird dumpfer und erträglicher, ich kann wieder durchatmen, mich wieder bewegen. Auch sie scheint sich etwas erholt zu haben. Sie will den Park zügig verlassen, nicht länger hier verweilen, was gut zu verstehen ist. Wir stehen wieder auf, gehen ein Stück weiter auf das Ende des Parks zu. Inzwischen sind wir unter einer Straßenlaterne, sie fragt, ob Rock und Jacke von ihr schmutzig seien, ich sage ihr, daß ich nur ein paar Blätter sehe und etwas trockenen Schmutz, den man mit der Hand entfernen könne, was ich schon tun will, als sie mit einer Geste abwehrt, ich solle sie bitte nicht anfassen, sie mache das lieber selbst, was sie auch tut, gleichzeitig meint sie, ich solle mich ebenfalls umdrehen, damit sie sehen könne, ob meine Sachen schmutzig geworden seien. Das ist jedoch nicht der Fall. Ich ergänze, sie habe aber noch Blut im Gesicht. Gleich will sie sich darum bemühen, kann es aber mit ihrem Taschentuch nicht völlig entfernen.

Sie dankt mir für meine Hilfe, ich meine jedoch, ich sei ja schließlich keine große Hilfe gewesen, sie habe ihn von alleine in die Flucht geschlagen, warum sie sich nicht gleich so gewehrt habe?

Sie erwidert, sie sei völlig gelähmt, erstarrt, bewegungsunfähig gewesen, deshalb sei ich eben doch eine große Hilfe gewesen. Erst durch mein Hinzukommen und Eingreifen sei sie wieder zu sich gekommen, habe sich besonnen auf die Kampftechnik, die sie gelernt habe. Auch der Täter habe einige Kenntnisse darin gehabt, deshalb habe er es auch so schnell geschafft, mich außer Gefecht zu setzen, doch sie sei eindeutig besser gewesen, als sie erst wieder zu sich gekommen sei und sich auf den Kampf konzentriert habe. Dann sei alles nahezu automatisch gegangen, das einmal Einstudierte spule sich beinahe von alleine ab, trotz des Schmerzes und Hasses und der Angst habe sie sich jedoch zusammenreißen müssen, um nicht außer Kontrolle zu geraten und ihn umzubringen. Wäre er geblieben, wäre es ein Leichtes gewesen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, ihn durch eine Kombination verschiedener Techniken zu Boden zu werfen und dann ein für alle Male fertig zu machen, das Genick zu brechen, ihm den Kehlkopf einzudrücken, oder einige andere widerliche Dinge, die ihr in dem Moment unwillkürlich durch den Kopf geschossen seien. Allerdings sei er ja sofort geflohen, als er bemerkt habe, daß er gegen sie keine Chance habe, so daß ihr der Augenblick einer solchen Entscheidung erspart geblieben sei, denn nach den Schlägen in den Magen, denen sie in ihrer Erstarrung nicht richtig begegnet sei, habe sie ihn nicht mehr verfolgen und stellen können, habe ihn entkommen lassen müssen, statt ihn fertig zu machen oder festzuhalten und andere Frauen vor ihm zu bewahren. Bisher sei das ja für sie nur ein Sport gewesen, wo die Gegner Bekannte gewesen seien, die man natürlich nicht verletzen wolle. Dies sei der erste echte Gegner gewesen, auch deswegen sei sie unsicher gewesen, das werde ihr nicht wieder passieren, was ihr dabei Angst mache, der Täter und noch mehr sie hätten diese Technik so angewendet, daß die Bewegungen nur noch Reflexe gewesen seien, die Kampftechnik habe bei ihr in diesen Momenten eine erschreckende Selbständigkeit erlangt, es sei alles wie von selbst abgelaufen, ohne daß sie darüber noch die volle Kontrolle gehabt hätte, zwar sei es notwendig gewesen, Gewalt anzuwenden, sich so zu wehren, doch habe sie auch etwas Angst davor, weil sie durch das Erlernte erst Möglichkeiten ohne ihre volle Kontrolle bekommen habe, Gegner auch zu töten, das sei gefährlich, auch dann letztlich nicht richtig, weil er versucht habe, sie zu vergewaltigen.

Sie sei mir sehr dankbar für meine Hilfe, das täten nicht viele Leute, weil sie keine Schwierigkeiten bekommen wollten. Ich nicke, ich sei nur zufällig hier in der Gegend, sie habe Glück gehabt, vor allem, als es ihr gelungen sei, selbst etwas zu tun, mein Beitrag sei ja sehr bescheiden gewesen, aber dabei hätte ich nicht einfach nur zu- oder wegsehen können.

Sie sagt, nach dem Vorfall wolle sie nicht alleine zu Hause sein und ihre Mitbewohnerin werde erst gegen Mitternacht kommen, ob ich ihr den Gefallen tun könne und mit ihr in einem Lokal solange warten, sie möchte mich einladen. Zwar habe sie auch das Bedürfnis, sich zu duschen, doch sie werde es aushalten, bis ihre Mitbewohnerin zu Hause sei. Ich überlege nicht lange, stimme zu, während wir gerade an dem Haus vorbeigehen, in welchem sie wohnt. Ein Stück weiter ist ein Lokal, welches wir betreten; wir setzen uns an einen Tisch in einer Ecke, sie bestellt für sich Wein, ich nehme Apfelsaft.

Sie entschuldigt sich für einen Moment, sie müsse kurz auf Toilette, sich die Blutreste aus dem Gesicht wischen. Als sie wiederkommt, hängt sie ihre Jacke über den Stuhl, trinkt den Wein in hastigen Zügen aus und bestellt noch ein weiteres Glas. Ich gebe ihr meine Adresse und Telephonnummer, falls sie es sich doch noch anders überlege und zur Polizei gehen wolle. Ich hätte ja noch weniger von dem Mann gesehen als sie, doch würde ich versuchen zu helfen.

Sie dankt, nimmt den Zettel und steckt ihn ein, bittet mich, jetzt nicht mehr über den Vorfall zu sprechen. Sie sitzt jetzt ziemlich zusammengesunken mir gegenüber, ihre Hände umklammern das Glas, auch wenn sie gerade nicht daraus trinkt. Sie meint, ich solle sie besser ablenken, vielleicht etwas von mir erzählen, wenn mir das nicht zu schwerfalle. Ich bin einverstanden und berichte Belangloses über mich, quasi eine kurze Vita.

Nach einiger Zeit und einem weiteren Glas Wein für sie hat sie sich offenbar so weit beruhigt, daß sie auch zum ablenkenden Gespräch beitragen kann. Sie nennt ihren Vornamen I., sie ist dreiundzwanzig, erzählt, was und für wen sie arbeitet, dann unterhalten wir uns noch über ein paar belanglose Sachen bis kurz nach Mitternacht, dann meint sie, ihre Mitbewohnerin sei jetzt sicher zu Hause.

Sie zahlt, ob ich sie noch bis vor die Haustür begleiten könne? Das tue ich natürlich, und so gehen wir also die paar Meter zurück zu dem Haus, in dem sie wohnt. Sie schließt die Tür auf.

Ich sage, wenn noch etwas sei, könne sie mich anrufen, sie habe ja die Nummer, sie könne unbesorgt sein, ich würde ihr gerne helfen, wenn sie Hilfe brauche.

Zum ersten Mal sehe ich für einen winzigen Augenblick so etwas wie ein Lächeln in ihrem Gesicht. Sie nickt, sie möchte mir aber nicht zur Last fallen, heute hätte ich ihr schon so sehr geholfen, dafür sei sie mir dankbar, sie wolle mir nicht noch mehr Unannehmlichkeiten machen.

Ich versichere, diese Hilfe sei eine Notwendigkeit gewesen, und ihr Gesellschaft zu leisten, sei keine Last oder Unannehmlichkeit gewesen. Sie könne sich ruhig melden, wenn sie meine Hilfe brauche, wenn sie doch noch zur Polizei wolle oder auch sonst.

Sie nickt, dankt nochmal, wünscht mir eine gute Nacht. Ich erwidere das, sie schließt die Tür.

Ich gehe zurück zur Straßenbahnhaltestelle. Ich kann noch immer kaum glauben, daß ich das wirklich getan habe. Ich habe meine Passivität überwunden und geholfen! Ich hatte keine andere Wahl mehr, mußte meine Beobachterrolle fallenlassen und handeln. Obwohl es meinem Magen noch immer nicht sehr gut geht, weiß ich: Falls notwendig, werde ich so etwas jederzeit wieder tun können, werde helfen können, wenn es nötig ist, auch wenn es gefährlich und unbequem ist. Wenn man sich erst einmal überwunden hat, wird man das nächste Mal nicht mehr so lange zögern, anderen zu helfen. Hinsichtlich meiner Möglichkeiten muß ich allerdings realistisch einräumen, daß ich Glück gehabt habe, daß mich der Kerl nicht einfach zusammengeschlagen, erschlagen hat.

Ich frage mich, wie I. mit dem Vorfall fertig werden wird, wie der Kerl ihr so etwas nur antun konnte, wie kann nur jemand dazu fähig sein, einem anderen Menschen so Gewalt anzutun? Ihr Verhalten erscheint mir jedenfalls auch seltsam. Sollten wir nicht eigentlich alles tun, um den Kerl zu erwischen, damit er das nie wieder versuchen kann? Und beim Angriff ist sie direkt paralysiert gewesen, kurz darauf aber bricht es aus ihr heraus und sie wird zur Kampfmaschine. Das ist alles recht rätselhaft. Natürlich ist es auch furchtbar, eine weitere Erniedrigung, die ganzen Untersuchungen über sich ergehen zu lassen. Und nachdem sie schon den Entschluß gefaßt hatte, sich dies zu ersparen, wäre es da nicht ganz normal gewesen, wenn sie in ihre Wohnung gestürmt wäre, um echten und psychischen Schmutz des Überfalls von sich abzuwaschen?

Was mich betrifft, so ist die Situation allerdings verfahren. Vorher war sie schon hoffnungslos, und nun kennt sie mich auch noch. Dazu noch der Vorfall, da kann ich ihr auf keinen Fall weiter folgen. Mehr noch als zuvor komme ich mir wie ein Idiot, unbeholfener Trottel vor. Ich bin verzweifelt, denn ich mag sie, um so mehr, als ich sie und sie mich nun kennengelernt hat, ich ihre leise, anfangs etwas zitternde, aber warme und angenehme Stimme gehört habe, jedes ihrer Worte förmlich aufgesogen habe, sogar diesen Anflug eines Lächelns in ihrem Gesicht gesehen habe. Und das schreckliche Erlebnis hat noch eine weitere, enge Verbundenheit mit sich gebracht, ihre Verwirrung, die eigenartige Koexistenz von Zerbrechlichkeit, Empfindlichkeit und diese bemerkenswerte und äußerst geschickte Wehrhaftigkeit, Wildheit und Aggressivität gleich darauf verunsichert mich gleichzeitig und zieht mich doch auch an, fasziniert mich. Sie hat wirklich ein Geheimnis, ein Rätsel in sich und dieser grauenhafte Überfall hat ein kleines Stück davon hervorgezerrt, was sie eigentlich verborgen halten wollte, aber der Täter hat offenbar etwas aus ihr hervorgequält. Und mir war es schier unerträglich, daß sie sich beinahe Vorwürfe dafür gemacht hat, daß es offenbar im Rahmen ihrer Möglichkeiten gelegen hätte, den Kerl umzubringen. Sie hat sich doch nur in äußerster Not gewehrt, selbst bereits durch die Gewalt des Täters arg mitgenommen, wie kann sie sich da noch so unter Kontrolle halten und nicht vor Zorn und Angst explodieren? Das erscheint mir fast übermenschlich, anders als der Täter ihr gegenüber, hat sie ihn dann doch letztlich noch als Menschen behandelt, ihn nicht zu einem Boxsack gemacht, an welchem man seinen ganzen Haß, seine Wut und Aggression auslassen kann.

Wäre nichts passiert, hätte ich sie weiter beobachten können, dann hätte ich sie aber nie so kennengelernt, doch nun ist alles vorbei. In der Bahn starre ich stumpfsinnig nach draußen in die Dunkelheit, fahre heim. Diesmal verwischt nicht nur die Geschwindigkeit das graue Beton der U-Bahn-Schächte, sondern auch meine irren, wirren Gedanken würfeln alles durcheinander. Dann fährt die Bahn wieder raus aus dem Tunnel in die Nacht hinaus, entlang der nun ziemlich leeren Straßen.

Vermutlich, sicherlich gut für sie und letztlich auch für mich, daß es vorbei ist, denn was habe ich eigentlich getan, als ich sie so insgeheim verfolgt und beobachtet habe? Hat sie nicht ein Recht auf ihre Ruhe, ihren Frieden? Aber hätte ich sie nicht verfolgt, was wäre dann im Park passiert? Sie hätte sich vermutlich ohne mein hilfloses Eingreifen nicht aus ihrer Erstarrung gelöst, hätte sich nicht gewehrt, hätte den Täter weitermachen lassen. Also war ich doch zur rechten Zeit am rechten Ort? Und doch kann ich nicht einfach das eine als die Rechtfertigung für das andere nehmen, denn ich hatte ja nicht ahnen können, was uns da im Park erwartet.

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