Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(2) Mittwoch Abend

Zuhause angekommen, esse ich Abendbrot, sehe fern, doch die rothaarige Frau geht mir nicht aus dem Kopf. In Gedanken gehe ich noch einmal genau durch, was ich von ihr gesehen, erlebt habe, seit ich sie das erste Mal gesehen habe. Aus der Belanglosigkeit des Schmodders, des Restmülls von Sternenexplosionen hat sich plötzlich dieses Wesen manifestiert und drängt alle belanglose Philosophiererei in den Hintergrund. Unverlangt fügt sie all dem noch ein weiteres Rätsel hinzu, ganz klar, ihr eigenes Rätsel, nichts von Belang für den Rest des Universums, aber für sie. Und jetzt auch für mich? Ein Moment, ein flüchtiger Eindruck hat mich gefangen und läßt mich nicht los. Ich hätte sie nicht verfolgen sollen.

Als ich im Bett liege, kann ich lange nicht einschlafen, ich denke an sie, sie interessiert mich. So viel Interesse ist nicht gut, weil es mir hoffnungslos erscheint, allzu deutlich hat alles an ihr zu mir gesprochen, daß sie nichts als in Ruhe gelassen werden will. Doch ich bin neugierig geworden. Was ist ihr Geheimnis? Wie finde ich es heraus? Was steckt in ihrem Kopf? Welche Gedanken kann man ihr entlocken, welche mögen sich in ihrem Kopf entwickeln? Was bedrückt sie, was ist die unsichtbare Last, welche sie offenbar niederdrückt? Aber alles an ihr bringt zum Ausdruck, sie will ihr Geheimnis bewahren, in sich verschlossen halten, obwohl es ganz offenbar zu viel für sie und ihr zartes, sensibles Wesen ist. Es ist ihre Last, ihr Rätsel, ihre Entscheidung, ihre Wahrheit, ihr Bild von der Welt, nicht meines.

Trotzdem: Ich kann nicht anders, stelle das Uhrenradio sehr früh, hoffe, sie am Morgen beim Verlassen des Hauses nicht zu verpassen. Wann wird sie es überhaupt verlassen? Ich habe am Donnerstag Vorlesungen und nicht den ganzen Morgen Zeit. Und warum tue ich das überhaupt? Was ist das Ziel meines Tuns? Was habe ich davon, sie zu verfolgen? Ihr nähern werde ich mich doch ohnehin nicht. Ich bin zu feige und werde mich nicht trauen, das ist ganz klar. Was oder wie sollte ich sie fragen, um hinter ihr Geheimnis zu kommen? Wie das Rätsel lösen, ohne meine eigene Leere, mein Rätsel zu offenbaren, die Absurdität meines Handelns offensichtlich zu machen? Alles ist so wirr und absurd und ich fühle mich eigentlich schon jetzt dumm und schlecht, weiß aber doch bereits, ich werde aufstehen und versuchen, mehr über sie herauszufinden.

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