Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(19) Sonntag Morgen und Nachmittag

Ich wache um kurz vor neun Uhr durch eine Berührung von L. auf, ich blinzele sie an, und sie kichert. Die beiden anderen schlafen noch, I. hält M. im Arm. Ich frage L. flüsternd, ob sie aufstehen will. Sie schüttelt den Kopf, daß ihre Haare nur so um den Kopf wuseln, aber jetzt sei sie nun einmal wach. Ich stelle leise das Radio auf dem Schränkchen neben dem Bett an, L. kuschelt sich vertrauensvoll an mich, und während ich Radio höre und flüchtig mit meiner Hand durch ihr Haar fahre, schläft sie wieder ein. Ich schließe die Augen und höre so weiter Radio, das Frühstyxradio, was für den Sonntag Morgen immer eine gute Wahl ist.

Später höre ich eine Bewegung, schaue zu I. hinüber, die aufgewacht ist, sie lächelt mich an, doch so wie L. sich an mich gekuschelt hat, hält sie der Arm von M. fest, vorsichtig reicht sie ihre Hand zu mir herüber, ich streiche mit Fingerspitzen darüber, umfasse sie. I. schließt wieder die Augen, und wir warten, bis die Kinder aufwachen.

Als M. dann munter wird, weckt das auch L. wieder, und wir albern noch eine Weile im Bett herum. I. äußert die Auffassung, daß die Sendung im Radio nicht eben das Ideale für die Kinder sei, worauf ich sie schmunzelnd auffordere, bei den schmutzigen Passagen nicht so hinzuhören. Natürlich durch I.s Zweifel erst richtig aufmerksam geworden, hören sie nun erst recht richtig zu, ich weigere mich jedoch, Erklärungen abzugeben, mit der Begründung, daß es erheblich schwieriger sei, Humor zu erläutern, als wissenschaftliche Theorien darzustellen.

I. treibt die Kinder an aufzustehen. Als letztes erhebe ich mich. I. erklärt, für ein Frühstück sei es schon ziemlich spät, sie denke, es werde ein frühes Mittagessen so gegen zwölf Uhr reichen. Während die Kinder spielen oder Schularbeiten machen, helfe ich ihr beim Abwaschen des gestrigen Geschirrs und der Zubereitung des Essens.

Sie fragt mich, ob ich glaubte, daß die Kinder wesentlich von meinem Vortrag über die Angst profitiert hätten?

Ich zucke die Schultern, meine aber, wenn man sie ab und zu daran erinnere, könnten sie etwas davon haben, ich wisse ja nicht, vielleicht habe sie eine bessere Idee, die sie dann aber gestern Abend hätte äußern sollen.

Sie schüttelt den Kopf, Angst zu haben, sei zwar ihr Fachgebiet, aber mit Ängsten fertig zu werden, sei nicht gerade ihre Spezialität, immerhin inzwischen gehe es ganz gut, und sie lerne ja ständig dazu. Neuerdings baue sie da eher darauf, mich an ihrer Seite zu haben, welcher sie im Bedarfsfalle darauf hinweise, ob und wann es Zeit sei, sich zu wehren, falls sie einmal wieder die Übersicht verlieren sollte. Sie fragt mich scherzhaft, was ich damit in der Nacht gemeint habe, daß sie mich nicht mit meinen Ängsten alleine lassen solle, ob das einen ernsten Hintergrund habe?

Ich zitiere schmunzelnd Genesis: she leaves me in my darkness and I have to face my fears. Das sei lediglich scherzhaft und philosophisch gemeint, keine bedenkliche Phobie. Es sei die Angst, sich vor mir selbst lächerlich zu machen, weniger vor anderen als vor meinem kritischen Blick. Irgendwie sei mir mein Leben absurd vorgekommen. Es gebe kaum eine Situation, die nicht nach kurzen Reflexionen ins Absurde abzurutschen drohe. Eine Flucht sei da nicht möglich. Dem Phänomen sei man hilflos ausgeliefert. In meinem Kopf sei quasi eine weitere Instanz, die alles beurteile, was ich tue, und meistens zu dem Resultat komme, daß die Welt absurd sei, zumal wenn ich in sie eingriffe. Vielleicht seien die Verfolgungen eine Art Auflehnung gegen diese Instanz gewesen, um sie mit etwas noch Absurderem, bewußt begangenem, mundtot zu machen. Daß damit anderen Menschen Schaden zugefügt worden sei, sei mir erst durch sie richtig klar geworden. Jede Aktion wirke auf die Umwelt eines Menschen ein, in einer Gesellschaft komme es eben darauf an, seine Wirkungen auch auf ein für die Mitmenschen erträgliches Maß zu reduzieren, schließlich wolle man auch selbst nicht mehr als unvermeidbar unter dem Ego-Trip eines Mitmenschen leiden.

Sie fragt mich, ob mir die Beziehung zu ihr auch absurd erscheine?

Ich erläutere, ich hätte anfangs mein Begehren nach ihr für absurd gehalten, weil ich nicht habe erkennen können, wie ich sie hätte für mich gewinnen können, weshalb ich jemals für sie interessant sein könnte, deshalb sei ich nicht fähig gewesen, sie anzusprechen. Außerdem hätte ich mich ihr eigentlich gar nicht zumuten wollen, meine Selbstironie, die innere Leere, dieses Gefühl der Absurdität. Erst als es keinen anderen Ausweg mehr gegeben habe, als ihr zu helfen, weil es garantiert niemand anderes mehr getan hätte, hätte ich allen Mut zusammengenommen und hätte versucht, ihr zu helfen, zu handeln, einmal etwas zu tun, was notwendig und nicht absurd sei. Beim Begehren an sich stellte sich natürlich die Frage, ob das nur profane Biologie sei, nur ein Trieb. Jemanden in der Stadt zu sehen und ansprechend zu finden, was könnte mehr dahinterstecken? Aber das allein wird keinem Menschen gerecht, besteht ein Mensch, eine Persönlichkeit doch aus viel mehr als der äußeren Erscheinung und dem direkt beobachtbaren Verhalten. Der erste Eindruck und das daraus resultierende Interesse biete allerdings eine Chance, sich näher kennenzulernen, wie wir es ja nun geschafft hätten.

Jetzt, wo ich fühlte, daß mein Begehren erwidert werde, wo ich spürte, daß wir uns gegenseitig liebten, sei da nichts Absurdes mehr, die Leere in mir durch die Liebe zu ihr erfüllt. Allein und einsam - absurd - mit ihr aber sei das dann belanglos, denn sie sei wichtig für mich. Groß sei das Bedürfnis, mit ihr zusammenzusein oder auch zusammen zu sein. Ich fühlte mich von ihr akzeptiert, in dieser Hinsicht sei da kein Platz mehr für Zweifel, in ihren Armen fühlte ich mich Zuhause, geborgen vor der eigenen Absurdität, die irgendwie sonst auf alles abfärbe, mit dem ich zu tun hätte, auch deshalb meine anfängliche Angst, mich ihr zu nähern, weil ich hätte befürchten müssen, daß es auch auf unsere Beziehung abfärben werde, doch sie habe mich festgehalten und damit alle Zweifel zerstreut. Und es habe natürlich auch die Angst vor Ablehnung gegeben, aber damit müsse man natürlich immer rechnen, wenn man Kontakt und Freundschaft zu finden suche.

Sie lächelt, umarmt mich, sie werde mich nicht wieder loslassen, bei ihr könne ich Zuhause sein, ihrer könne ich sicher sein, in ihr mich geborgen und sicher fühlen. Was auch immer absurd sein oder absurd erscheine - wirklich, das Leben sei eben wie ein absurder, makaberer schlechter Witz, aber das sei ja ziemlich egal, solange wir zusammenseien. Bei ihr müsse ich keine Angst vor Ablehnung haben. Wir seien an einem Punkt angelangt, wo ihre allgemeine Ablehnung der Nähe ihr unbekannter Menschen mit mir nichts mehr zu tun habe, weil wir ja nun zusammen gehörten, ein Paar sein.

Ich fahre fort, bei ihr hätte ich nicht das Gefühl, etwas so falsch machen zu können, daß sie mir nicht verzeihen könnte, bei ihr fielen alle Selbstzweifel nicht ins Gewicht, weil ich glaubte, daß sie mich so akzeptiere, wie ich sei.

Sie stimmt zu, sie werde immer zu mir halten, nicht an mir zweifeln. Ihre Liebe sei nicht bedingungslos wie die einer Mutter, ihre Bedingung sei, daß ich bei ihr Zuhause sein könne, solange ich sie liebte, solange ich sie umarmen könne und halten. Solange ich das könne, könne sie mir alles verzeihen, könne ich sie nicht enttäuschen.

Ich erwidere, ihre Bedingung sei leicht zu erfüllen, denn ich könne gar nicht anders, als sie lieben, umarmen und halten.

Wir küssen uns.

Nach dem Essen stellt sich die Frage, ob die Kinder lieber einen Mittagsschlaf halten wollen oder mit uns einen Spaziergang machen. Sie sind natürlich für letztere Möglichkeit, so gehen wir durch eine in der Nähe gelegene Grünfläche, allerdings nicht jenen Park, der I. doch nur mit dem jüngsten Vorfall wieder konfrontiert hätte.

Als wir wieder in I.s Wohnung sind, spielen wir bis zum späten Nachmittag, als ihre Eltern kommen, sie wieder abzuholen. So werde ich auch mit K.s Mann C. bekannt gemacht. Während I. bei der Begrüßung K. wieder herzlich umarmt und sie sich küssen, gibt sie C. nur die Hand. Es ist zu erkennen, obwohl sie ihn schon länger kennt, sie hält zu Männern immer eine gewisse körperliche Distanz ein, allerdings wirkt sie ganz entspannt und lächelt. Offenbar ist sie auch weiterhin nur mir gegenüber in der Lage, diese Distanz zu überwinden und ganz sicher aufzutreten.

Beim Abendbrot erzählen die Kinder, was wir alles unternommen hätten, anschließend verabschieden wir uns. Nach der Umarmung und den Küssen von I. will ich den Kindern die Hand geben, doch L. zieht mich zu sich herunter und umarmt mich, gibt mir einen Kuß auf die Wange, auch M. hält eine Umarmung für angemessen. K. meint daraufhin amüsiert, wenn ich auf die Kinder einen so guten Eindruck gemacht hätte, müsse ich für I. schon eine ganz gute Wahl sein, worauf sie gutgelaunt ihre Schwester umarmt. Nach dem restlichen Händeschütteln gehen sie. I. fällt mir stürmisch um den Hals, küßt mich flüchtig, wir gehen zum Fenster und schauen zu, bis sie abgefahren sind.

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