Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(10) Sonntag Nachmittag und Abend

Nachdem wir Hand in Hand um den Maschsee spaziert sind, machen wir noch einen kurzen Abstecher ins Sprengelmuseum, denn ich war bei einem Besuch ein paar Wochen zuvor nicht mehr dazu gekommen, ein neu installiertes Werk anzusehen. Da I. das Museum zuvor noch nicht besucht hatte, sehen wir uns noch ein paar weitere Räume an, unterhalten uns über ein paar Bilder oder Objekte, bevor wir wieder zu ihr nach Hause fahren.

Wir hören einfach ein bißchen Musik, wobei I. auf dem Sofa sitzt und ich so liege, daß mein Kopf in ihrem Schoß ruht. Nach einiger Zeit fährt sie sanft mit ihrer Hand durch mein Haar.

Nach dem Abendbrot sehen wir fern, dann ist es Zeit, zu Bett zu gehen. I. meint, heute könnten wir in ihrem Bett schlafen. Ich gehe wieder zuerst ins Bad, dann ziehe ich mich in ihrem Zimmer um, lege mich in ihr Bett, warte auf sie. Als sie kommt, löscht sie das Licht, da sie schon vorher die Jalousie herunter gelassen hatte ist es ganz dunkel. Sie schließt die Tür und kommt zu mir unter die Decke. Sie legt sich so, daß ihr Rücken meine Brust berührt, sie möchte, daß ich sie umarme, was ich tue, ich ziehe sie dicht an mich, einer meiner Füße streicht über die ihren, die sie nicht zurückzieht. Offenbar ist mit ihr alles in Ordnung, keine besondere Nervosität vermag ich an ihr zu spüren, keine besondere Unruhe. Sie fühlt sich dann doch in meiner Gegenwart offenbar wohl und darüber bin ich sehr erleichtert. Sie in den Armen zu halten, sie bei mir zu spüren, fühlt sich so gut an, umso mehr, als das auch ihren Bedürfnissen entgegenzukommen scheint.

I. meint, sie habe nie über so etwas gesprochen, doch halte sie es für wichtig, daß man sich darüber ausspreche, auch wenn es schwerfalle, denn Mißverständnisse sollte man nicht riskieren. Einerseits halte sie die Sexualität für einen wichtigen und unverzichtbaren Bestandteil einer Beziehung, wie sie sich vorstelle und erhoffe, daß es unsere werde, andererseits habe sie es nach der damaligen Tat nicht mehr für möglich gehalten, einem Mann je so nahe sein zu können, daß der Genuß von Sex mit ihm jemals irgendeine Rolle in ihrem Leben spielen werde. So wisse sie nicht, wie sie das mit mir realisieren könne. Was für sie wichtig sei, sei zunächst, daß ich zufrieden sei, selbst wenn sie dabei nichts empfinden sollte, dafür sei ihr meine Nähe, für die Zukunft meine Zärtlichkeiten viel wichtiger, daß ich für sie da sei, daß ich sie halte, wenn sie mich brauche. Natürlich möchte sie etwas mit mir dabei empfinden, doch befürchte sie, wenn sie zu große Erwartungen daran habe, werde gerade das verhindern, daß es passiere, egal wieviel Mühe wir uns dann gäben.

Durch den Vergewaltigungsversuch, dem sie damals nur mit Glück entgangen sei, hätten sich Denken und Körper ziemlich weit voneinander entfernt, als hätte sie ihre Gefühle und Empfindungen ihres Körpers einfach ausgeschaltet. Erst als sie mit J.s Hilfe und durch den Sport diesen Abstand zwischen Geist und Körper wieder einigermaßen überwunden habe, habe sie ihren Körper zumindest nicht mehr für schmutzig und abstoßend gehalten. Mit J. allein seien sogar die Gefühle für ihren Körper wieder zurückgekehrt, aber wenn ihr sonst jemand zu nahe gekommen sei, wenn der Abstand zu gering werde, nur das Sehen oder die bloße Vermutung der Anwesenheit eines anderen Menschen veranlaßten sie dazu, sich völlig abzuschotten, sich von ihren Gefühlen zurückzuziehen, die Verbindungen zur Außenwelt auf das unbedingt Notwendige zu reduzieren.

Beim Sport reduziere sich die Verbindung von Geist und Körper auf die Lösung der konkreten Aufgabe, man müsse nicht reflektieren oder groß darüber nachdenken, was man tun müsse, sonst könnte man nie gut kämpfen. Die Einheit von Geist und Körper liege da im guten Körpergefühl, der Beobachtung des Gegners und den reflexartigen Bewegungen des Körpers. Dazu komme natürlich die Strategie, das Konzept, welches dann aber möglichst instinktiv als Aktion umgesetzt werde. Darüber hinaus könne man durch Konzentration beinahe alles ausschalten. Wenn sie mit mir zusammen sei, dürfe sie nichts ausschalten, um wirklich mit mir zusammen zu sein, sie müsse es fertigbringen, ihre Gefühle und Empfindungen zuzulassen, sich bedingungslos in unsere Gemeinsamkeit fallenzulassen, dazu brauche sie aber Zeit. Immerhin sei es ja schon gelungen, mich in ihrer Nähe zu akzeptieren, sogar zuzulassen, daß ich hier an ihrem ganz persönlichen Platz sein dürfe, den sie immer als sicheres Rückzugsgebiet betrachtet habe. Meine Anwesenheit an diesem Ort sei wichtig, wobei sie sich nicht völlig ins Schneckenhaus zurückziehe, doch müsse sie sicher noch viel an sich arbeiten, um sich mir ganz zu öffnen.

Was sie mir gestehen müsse: Sie habe zu J. sexuelle Kontakte, die aber für die Freundschaft mit J. keine Rolle spielten. Da sie nun mit mir eine Beziehung eingehen wolle, könne sie mir das nicht verschweigen. J. kenne sie ja schon seit frühester Kindheit, ihr Vertrauen zueinander sei bedingungslos, deshalb sei es möglich und für sie sehr leicht, die ausgetauschten Zärtlichkeiten ohne Vorbehalte zu genießen. Das passiere aber eigentlich nicht oft und sei, wie gesagt, für ihre Freundschaft nicht eigentlich wichtig.

Ich frage nach, ob sie nicht gesagt habe, daß J. einen festen Freund habe.

I. bestätigt, die Kontakte zwischen ihr und J. seien dadurch aber nicht berührt gewesen, für J. besäßen sie nicht einmal die Bedeutung, daß sie davon ihrem Freund erzählen müsse, was sie allerdings für falsch halte. Für sie sei das aber vor allem immer eine Situation der Geborgenheit und Sicherheit gewesen, eine Möglichkeit, sich und J. einfach nur zu genießen. Es sei natürlich auch eine Befriedigung von Bedürfnissen, das Lösen von Anspannungen damit verbunden, was bisher für sie wichtig gewesen sei, weil es ja für sie dazu keine andere Möglichkeit gegeben habe, und es sei ja auch nicht richtig, das völlig zu unterdrücken.

Wenn ich darauf bestehe, werde sie sofort damit aufhören. Sie wolle nicht, daß ich auf J. eifersüchtig sei, was sie verstehen könnte. Auf die Freundschaft mit J. hätte das keinen Einfluß und in Zukunft solle ja auch die Sexualität mit mir eine wichtige Rolle spielen, da sei es mit J. nicht mehr nötig. Wenn es uns erst gelinge, daß sie sich bei mir ganz geborgen fühle, wenn sie ihre Bedürfnisse in meiner Anwesenheit oder sogar ich mit ihr zusammen ihre Bedürfnisse befriedigen könnte, sobald wir unsere Beziehung gemeinsam intensiv genießen könnten, sei auf derartige Kontakte zu J. ohnehin leicht zu verzichten, zumal sich diese sowieso mehr mit ihrem Freund beschäftige.

Ich frage, wenn sie sich so gut mit J. verstehe und auch sexuelle Kontakte mit ihr habe, warum sie beide dann nicht versucht hätten, ihre Freundschaft auch in dieser Beziehung zu einer festen Zweierbeziehung auszubauen.

I. widerspricht, das sei ja nie ihr Ziel gewesen, sie seien immer Freundinnen gewesen und hätten nie etwas anderes sein wollen, sie seien nie ein Liebespaar gewesen und J. sei sicher auch nicht bisexuell. Oder wenn sie beide lesbisch wären, wäre das die einfachste Lösung, sie seien aber einfach gute Freundinnen. Es sei immer ganz klar gewesen, daß J. Beziehungen zu Männern habe oder sogar einen festen Intim-Freund. Wäre nicht damals der Überfall passiert, wäre es mit ihr sicherlich genauso gewesen, doch der Überfall habe eben alles in ihrem Leben verändert. Sie habe aber in J. nie etwas anderes gesehen als ihre Freundin. Wenn sie mit J. Zärtlichkeiten austausche, habe das nichts mit einer Liebesbeziehung zu tun, es seien einfache Annäherungen, die nur durch ihre tiefe Freundschaft möglich und angenehm seien.

Ich frage nach, wenn sie aber doch nicht damit gerechnet habe, jemals eine Beziehung zu einem Mann aufbauen zu können, wieso habe sie sich dann nicht um eine derartige Beziehung zu J. bemüht?

I. erwidert, das sei nicht möglich, es könne immer nur diese Freundschaft zwischen ihr und J. geben, sie könne das nicht erklären. Wenn eine Liebesbeziehung möglich gewesen wäre, hätte sie nach dem Überfall nicht all die Jahre so leiden müssen, sondern hätte mit J. ganz glücklich sein können, doch ihre Freundschaft sei einfach so vorhanden und könne nicht in andere Bahnen gelenkt werden. Eine intime Beziehung zu einer anderen Frau habe sie auch nie in Erwägung gezogen, daß hätte sie nicht interessiert.

Sie möchte wissen, ob ich eifersüchtig sei.

Ich bestätige, ein bißchen sei ich schon eifersüchtig, doch würde ich mich hüten, ihr sagen zu wollen, was sie zu tun oder zu lassen habe. Wenn sie sich außerdem bei J. wohlfühle, könne sie mich ruhig ein wenig leiden lassen, solange ich wisse, daß ich sie wieder in meinen Armen halten dürfe und es ihr bei J. gut gehe, sei es sicher für uns beide besser, daß ich ein wenig leide, als daß sie eine so sichere Zufluchtsstätte leichtfertig aufgebe.

Sie ist dankbar für mein Verständnis, meint jedoch, wenn es ihr erst gelinge, sich mir ganz zu öffnen, könne und werde sie leicht auf diese Kontakte zu J. ganz verzichten, die für ihre Freundschaft ohnehin nicht wichtig seien. J. tue das auch nur ihr zuliebe. Da liege keine tiefe Leidenschaft drin, Zuneigung, Nähe und Zärtlichkeit allerdings schon.

Nach dem Überfall habe sie nicht mehr daran geglaubt, jemals wieder den Mut zu fassen, sich der Welt oder auch nur sich selbst zu stellen. Mit der Hilfe von J. sei es immerhin irgendwann gelungen, sich wieder selbst anzuschauen und anzunehmen, wieder Gefühle zuzulassen, selbständig rauszugehen und dann auch sogar angenehme sexuelle Empfindungen zu erleben. Aber sonst habe sie nicht mehr daran geglaubt, daß sie der Welt noch etwas entgegenzusetzen habe, das Mißtrauen und der Haß gegenüber den anderen Menschen, von dem Täter in ihr Hirn gebrannt, hätten es nahezu unmöglich gemacht, neue Freundschaften zu schließen, bevor sie mit J.s Hilfe wieder zu sich gefunden habe, dann sei es zumindest bei einigen Frauen möglich gewesen, so etwas wie Freundschaft aufzubauen. Zuerst hätten nur ihre Schwester K. und J. überhaupt noch Zugang zu ihr gefunden.

K. sei aber kurz vor der Tat zu ihrem Freund gezogen, mit dem sie jetzt verheiratet sei, so daß sie sich nicht so häufig gesehen hätten. So sei es hauptsächlich J. gewesen, die sich die meiste Zeit mit ihr beschäftigt habe. Wenn sie allerdings zu K. gegangen sei, hätte sie sich auch immer Zeit für sie genommen, habe ihr zugehört, sie versucht zu beruhigen und zu trösten, während ihre Mutter dem allem ziemlich hilflos gegenübergestanden habe, ihr Vater habe die plötzliche Ablehnung ohnehin nicht verstanden. Da ihre Schulleistungen rapide nachgelassen hätten, habe es Zuhause für ihr Verhalten vor allem Kritik gegeben, sie hätten einfach nichts verstanden. Die mittlere Reife habe sie zwar dann doch noch geschafft, aber ihre Eltern seien eindeutig gegen das Abitur gewesen, obwohl sie vor der Tat ganz gut gewesen sei und sie es zu dem Zeitpunkt wieder gut hätte schaffen können. So habe sie eine Ausbildung gemacht und sei so zu ihrem Beruf gekommen, auch eine Auswirkung der Tat, die so bis heute ihr ganzes Leben beeinflußt habe, immer und immer wieder, jede Sekunde müsse sie damit leben, damit irgendwie fertig werden. Die Täter machen eben mal irgend etwas aus Bosheit oder ohne nachzudenken, aber die Opfer hätten ein ganzes Leben unter der Tat zu leiden. Die Tat ändere für das Opfer alles, das sei nicht mehr rückgängig zu machen, nicht mehr zu reparieren. Gut, die meisten würden sich dann wohl schon irgendwie weiter durchbeißen, aber das wie und was sei doch letztlich durch die Tat mitbestimmt. Als Opfer könne man sich nicht einfach davon befreien und es hinter sich zurücklassen. Wenn man Glück habe, wachse man daran oder gar darüber hinaus. So oder so bleibe aber immer ein dunkler Punkt oder auch ein ganzer Ozean der Finsternis im Inneren verborgen. Das werde man nicht mehr los und könne das auch nur vorsichtig und nur zum Teil anderen mitteilen und sich dadurch erleichtern. Die Tat sei nicht nur ein kurzfristiger Klotz am Bein, der einen erst einmal belaste und von dem man sich vielleicht befreien könne, das sei eine tiefe Dunkelheit, eine nie ganz heilende Verletzung im Innersten, eine Dunkelheit, die man nicht mehr gänzlich erhellen könne.

Zu K.s Mann habe sie zwar immer Distanz gehalten, allerdings habe er wohl verstanden, warum sich K. hin und wieder intensiv um sie habe kümmern müssen. Eigentlich habe sie die beiden immer bewundert, wie gut sie miteinander auskämen. Sie hätten jetzt zwei Kinder, seien ziemlich glücklich verheiratet, im Grunde ein ruhiges, gutes Leben. Wie gerne hätte sie das auch gehabt. In die beiden Kinder sei sie ganz vernarrt, sie komme gut mit ihnen aus, wenn sie einmal da sei oder diese bei ihr. Doch oft, wenn sie sie auf dem Arm gehalten oder mit ihnen gespielt habe, habe sie daran denken müssen, daß es durch den Überfall praktisch unmöglich geworden sei, daß sie jemals selbst Kinder haben werde, da sie geglaubt habe, sie werde auch nur die Nähe eines Mannes nie ertragen können, also auch keine Kinder bekommen können. Auch unter dieser Auswirkung des Überfalls auf ihr Leben habe sie leiden müssen. Wenn es mit unserer Beziehung klappe, bestehe immerhin wieder Hoffnung, wenn auch klar sei, daß es bis dahin noch ein weiter Weg sei. Selbst wenn es uns nicht gelinge, eine dauerhafte Beziehung aufzubauen, sei sie sicher, daß es ihr möglich wäre, von mir ein Kind zu empfangen, weil sie es wolle und ich jedenfalls bereit sei, mich auf den Gedanken einzulassen.

Ich gebe zu bedenken, daß mich ihr Kinderwunsch im derzeitigen Stadium unserer Beziehung erheblich überfordere.

Daraufhin dreht sie sich zu mir um, legt sanft einen ihrer Finger auf meinen Mund und meint, wenn es ihr damit Ernst werde, würde sie sicher noch ausführlich mit mir darüber sprechen, das sollten wir ja sicherlich nicht übereilen und uns erst einmal vertrauter machen und schauen, ob wir wirklich länger miteinander zurechtkämen. Allerdings müsse ich klar sehen, daß ich der einzige sei, von dem sie sich nun überhaupt vorstellen könne, ein Kind zu bekommen, aber selbst wenn unsere Beziehung nicht von Dauer sei, werde ihr so viel an einem eigenen Kind liegen, daß sie es auch großzöge ohne irgendeine weitere Beteiligung von mir. So oder so wäre das ein sehr großes Geschenk, ein großes Glück, aber auch eine große Verantwortung, daher akzeptiere und respektiere sie natürlich meine Bedenken. Das sei jetzt auch kein fester Plan von ihr gewesen, eine Hoffnung sicherlich, doch vielleicht hänge sie sich damit auch gleich viel zu schwer an mich und mache mir Angst, wo wir doch lieber erst einmal einfach genießen sollten, uns gefunden zu haben und nun zusammen zu sein. Somit habe das alles jetzt ja keine Eile, wir müßten erst einmal sehen, wie es mit uns weitergehe, dann sei irgendwann immer noch Zeit, das ins Auge zu fassen. Also entspannen, genießen, nicht zu sehr klammern, kein Druck, keine übereilten Forderungen von ihrer Seite.

Sie schmiegt sich eng an mich, ihre Finger streichen sanft über meine Lippen, meine Wange, fährt meinen Arm entlang bis zu meiner Hand, die sie mit der ihren auf ihrem Brustkorb zieht und festhält. Unsere Atemzüge sind in der Stille zu hören und von draußen ab und zu ein vorbeifahrendes Auto, irgendwann scheint sie eingeschlafen zu sein. Ich genieße ihre Nähe, zu spüren, wie sie so an mich geschmiegt liegt, daß ich das regelmäßige Heben und Senken ihrer Brust und den Luftstrom ihres Atems wahrnehmen kann.

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D