Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Phönix

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-10-17/11-05, 2015-02-03/10

(1) Mittwoch Nachmittag

Von einer inneren Unruhe getrieben gehe ich durch die Stadt, ziellos durch die Geschäfte, deren Waren die Leere in mir nicht füllen können, die in ihrer Leblosigkeit keine Beziehung zu mir haben, ich schaue die Leute an. Ich schaue zu, wie sie irren, suchen, probieren, kaufen, unnütze Dinge kaufen, durch die Straßen hetzen, kaufen, hetzen, hetzen, kaufen. Auch nicht lächerlicher als mein Umhergeirre, meine vergeblichen Versuche, meine Langeweile, meine Leere in mir durch beobachten zu füllen. Es ist absurd, aber sie können offenbar nicht einmal über sich selbst lachen wie ich über mich selbst lachen kann - ha! Ich schaue zu, beobachte und amüsiere mich, nicht zuletzt über mich selbst, weil ich dem eifrigen, sinnfreien Treiben auch noch so interessiert zuschaue.

All dies Treiben ist letztlich zurückzuführen auf ein Gewusel von Atomen, die sich zusammengeplumpt haben und sich im Kollektiv ein Bewußtsein einbilden, Ziele setzen und sie verbissen verfolgen, als wären sie wirklich von Belang in den endlichen oder vielleicht gar unendlichen Weiten des Universums. Was sind wir schon als wabbeliger Schmodder, Restmüll von Sternenexplosionen, der sich in irgendeiner Ecke wieder zusammengeplumpt hat, aus dem sich dann etwas beunruhigend beängstigend Lebendiges entwickelt hat, welches sich dann gar erdreist, über sich selbst und das Universum zu reflektieren? Gut nicht alle tun das, viele kaufen lieber irgendwas ein, andere müssen hungern und kämpfen um ihr Überleben und einige wie ich beobachten eben und reflektieren über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Ich habe Zweifel, ist da wirklich mehr hinter dem schönen Schein des Seins als die Wuselei der Atome? Ist da mehr als die logische Konsequenz sich über Milliarden von Jahren selbst organisierender Molekülklumpen? Und diese überdauern dann doch nur ein paar Jahre, Jahrzehnte als Wesen, wobei ihre Bestandteile schon einem steten Austausch unterliegen. Was bleibt also letztlich von der Eile, die Ziele zu erreichen, was bleibt vom Kauf am Ende des Lebens? Was bleibt von der Hetzerei als das Vergehen der Zeit im Laufschritt ohne den Genuß der Langsamkeit, des Müßigganges? Was bringt das Umhergeirre ohne Reflexion über das eigene Tun, ohne Verständnis und Selbstkritik? Wozu all der Aufwand an Wegwerfkonsum, wenn damit unnütz vertan wird, was spätere Generationen dann noch bitter werden missen müssen? Was bleibt von der Erkenntnis über das eigene Sein, über das Universum? Was bleibt?

Und ist es nicht ohnehin besser, daß alles schnell wieder vergeht und sich in anderes konvertiert im Tanz der Atome durch die Raumzeit? Ist nicht Belanglosigkeit, Beliebigkeit, Absurdität der Kern des Universums und wir als über all das winziger reflektierender Schmodder nur ein Randwitz, eine Randnotiz, ein Moment im sich stets wandelnden Universum? Wozu also die Hetze, wozu all das Gieren und Kaufen und Denken?

Ich will mich ablenken von meinem Alltag, meinen Studien und forsche doch, studiere, was um mich herum Rätselhaftes vorgeht: Ich folge dann einer aufregend aussehenden dunkelhaarigen Frau, welche die Georgstraße vom Steintor Richtung Kröpcke entlangeilt, ich schaue, wie sie sich bewegt, wie sie auf die Uhr sieht, ich folge, um sie zu beobachten; welche Rollen spielt sie an diesem Abend in dieser Stadt? In diesem Spiel des Alltags? In ihrem Leben? Welche Irrung, welcher Zufall hat sie über meinen Weg geführt? Diese beiden bislang voneinander unabhängigen Trajektorien durch die Raumzeit überschneiden sich hier zufällig an einem belanglosen Ort zu einer belanglosen Zeit und ich lasse mich auf den Zufall ein und lasse mich treiben, hinter ihr her. Sie benutzt die Rolltreppe, gelangt in die Passerelle, ich folge ihr noch immer, doch hat sie vielleicht schon etwas gemerkt? Das könnte zu einer dramatischen Wende in unserem gemächlichen Dahinplätschern führen. Ich zögere, sie schaut sich kurz um, ändert die Richtung, geht die Passerelle hinunter Richtung Hauptbahnhof, verschwindet dann aber in einem Geschäft, ich halte einen größeren Abstand, daß ich sie beinahe aus den Augen verliere, als sie sich noch einmal kurz umdreht, mich zwar nicht sieht, aber verunsichert zu sein scheint. Ich verlasse das Geschäft wieder und betrete ein anderes Geschäft und gehe von dort zurück zur Georgstraße und weiter durch die Große Packhofstraße. Besser doch, ich lasse ihr und mein Leben weiter Dahinplätschern, es wäre doch nur ein unangenehmer Schock oder Zwischenfall, wenn ich unsere beiden Existenzen plötzlich miteinander konfrontierte.

Also lasse ich mich weiter treiben und beobachte die Menschen und wie sie durch die Stadt strömen. Diesmal fällt mir eine blonde Frau auf, ich folge auch ihr eine ganze Weile, dann in ein Kaufhaus, wo sie sich umschaut. Es ist voll, sie bemerkt mich nicht. Ich folge ihr noch immer, als sie das Kaufhaus wieder verläßt, zum Kröpcke geht, sich dort mit der Rolltreppe zur Straßenbahn begibt. Sie setzt sich auf einen Einzelplatz, ich bleibe auf dem Gelenk der Bahn ihr schräg gegenüber stehen, lehne mich an die Wand, schaue mich in der gut gefüllten Straßenbahn um, doch mein Blick kehrt immer zu ihr zurück, gleitet über ihren Körper, tastet ihr nur schräg von hinten sichtbares Gesicht bis ins Detail ab. Trotz aller Trivialität unserer Existenz, in jedem Menschen steckt ein Rätsel, ein Geheimnis, welches es wert wäre, entdeckt, gelüftet zu werden. Natürlich kann das Ergebnis auch sehr enttäuschend sein, was aber nicht immer der Fall sein muß. Verbirgt sich in ihrem Kopf ein wertvoller, wundervoller Gedanke und wird es diesem gelingen, daraus hervorzutreten, um der Allgemeinheit bekannt zu werden, uns allen eine neue Erkenntnis schenken? Oder bleibt alles im Kopf verborgen, ein nie geborgener Schatz? Oder ist solch ein wertvoller Gedanke bereits hervorgetreten und weitere lauern bereits auf eine Chance, ebenfalls bekannt zu werden? Oder dreht sich in dem hübschen Kopf doch alles um Belanglosigkeiten wie schöne Schuhe und Handtaschen, den aktuellen oder den nächsten Liebhaber, das alberne Gezänk mit Freunden, Feinden, Kollegen? Und selbst, wenn nicht mehr darin stecken würde, wäre das schlecht? Es wären dann immerhin keine finsteren Gedanken, sich die Menschheit zu unterjochen oder zu vernichten, eine Phantasie von Macht und Gewalt, stattdessen vielleicht nur bunte Schuhe mit hohen Absätzen, unpraktische, teure Handtaschen - und man muß es sagen, beides trägt sie zur Schau - aber man kann das nicht einschätzen, während sich ihre Füße der Lust oder Qual hingeben, diese unpraktischen, unbequemen Schuhe zu tragen, mögen in ihrem Kopf wundervolle philosophische Gedanken schlummern, mag etwas komplexe mathematische Beweise aufstellen, vielleicht gerade weil die Schuhe drücken, die Füße schmerzen und der gequälte Geist nach intellektueller Ablenkung dürstet. Vielleicht dürstet aber auch nichts und da ist einfach nur Durchzug. Man kann es von außen nicht erkennen, was schon an sich faszinierend ist.

Als sie sich ebenfalls gelangweilt umsieht, treffen sich unsere Blicke für einen Augenblick, ohne Eile lasse ich meinen Blick über andere Fahrgäste schweifen und ihn alsbald zu ihr zurückkehren, da sie nun nicht mehr in meine Richtung schaut. Das wiederholt sich mehrmals, wobei es mir nicht gelingt, mein Gesicht zu einem harmlosen Lächeln zu bewegen, ich weiß, ich brächte nur ein verzerrtes, aufgesetztes Grinsen zustande. Irgendwann steigt sie aus, ich ebenfalls durch eine andere Tür der Straßenbahn. Sie geht, nein sie schreitet mit äußerst eleganten Schritt ein Stück voran im Strom der anderen Leute, die ebenfalls ausgestiegen sind, ich gehe ein Stück weiter hinter ihr. Plötzlich bleibt sie stehen, tut so, als suche sie etwas in ihrer komisch unpraktischen Handtasche. Ich kann nicht stehenbleiben, muß an ihr vorbei, wahrscheinlich ahnt sie, daß ich nur ausgestiegen bin, um ihr zu folgen. Als ich an ihr vorbei bin, drehe ich mich nicht um, gehe weiter, verschwinde hinter der nächsten Straßenecke, gehe um das ganze Viertel herum zurück zur Haltestelle. Ich schaue mich um, ob sie mich verfolgt hat, oder ob sie noch in der Nähe der Haltestelle ist, was aber nicht der Fall ist. Ja was eigentlich, wenn mich jemand auf meinem Weg durch die Stadt beobachtet hätte, wie absurd wäre diesem all das erschienen, mein wahlloses Herumgeirre, zielloses Dahinplätschern, erst dieser Person ein Stück folgend, dann jener, als suche ich etwas ohne benennen, bezeichnen zu können, was es genau ist, was ich zu finden hoffe, ohne vielleicht eigentlich überhaupt zu suchen. Es gibt kein richtiges Ziel, also ergibt der Weg auch keinen Sinn. Negiert man den Sinn eines Ziels, ist auch jeglicher Weg dahin unsinnig, belanglos, absurd.

Als die Straßenbahn in die Gegenrichtung kommt, steige ich ein. Ich setze mich, fahre wieder Richtung Innenstadt. Die Straßenbahn ist ziemlich leer. Außer ein paar Leuten, die mich nicht weiter interessieren, ist da noch eine junge, rothaarige Frau, die gleich meine Aufmerksamkeit weckt, mich in ihren Bann zieht, obwohl sie ziemlich unauffällig gekleidet ist. Der Blick ihrer graugrünen Augen, die ich nur flüchtig im Vorbeigehen bewundern kann, ist gedankenverloren, starr nach draußen gerichtet, dabei ganz in sich versunken. Ihre Beine hält sie dicht zusammengepreßt, die übereinandergelegten Hände dagegengedrückt. Alles an ihr spricht zu dem Beobachter "Laß' mich in Ruh'!", deshalb will ich mich eigentlich weiter umsehen, doch es gelingt mir nicht, meine Aufmerksamkeit von ihr zu lösen. Alles an ihr sagt "Ich will unauffällig sein, bieder und eigentlich gar nicht an diesem Ort". Ihre Haare sind zu einem Knoten hochgebunden, was streng wirkt, ihre so nur mühsam gebändigten Locken haben ein sehr schönes Rot, das Gesicht ist mit Sommersprossen gesprenkelt. Je länger ich sie anschaue, desto interessanter erscheint sie mir, ja, sie ist schön, ich halte sie für sehr schön, was sie nicht verbergen kann, obwohl alles an ihr den Eindruck macht, als wolle sie so unscheinbar wie möglich sein. Ihr Aussehen ist vielleicht nicht von dieser stromlinienförmigen, austauschbaren Schönheit von Modellen, sondern sehr speziell, individuell, unverwechselbar, was sie um so interessanter erscheinen läßt. Ich sollte ihr nicht folgen, ihre ganze Erscheinung, ihr Verhalten sagt eindeutig, daß ich mich nicht weiter um sie kümmern sollte, ihr nicht lästig fallen, doch ich kann nicht anders, als sie am Kröpcke aussteigt, gehe ich ihr nach. Ein Kopf mit weiteren unergründlichen Rätseln? Wertvollen Gedanken? Bei ihr quillt allerdings das Faktum eines Geheimnisses förmlich hervor, dominiert ihr Verhalten, ihre Erscheinung.

Sie geht in einen Buchladen, stöbert nicht sehr interessiert in den Sonderangeboten. Schließlich scheint sie etwas gefunden zu haben. Sie bezahlt und geht wieder zur Straßenbahnstation zurück. Sie hat mich bisher nicht bemerkt, die Straßenbahn ist jetzt ziemlich voll, es ist bald Geschäftsschluß. Ich beobachte sie weiter, sie steht im Gang, sich an einer Schlaufe festhaltend, gedankenverloren und in sich versunken. Was um sie herum passiert, geht scheinbar ganz an ihr vorbei.

Was mir wieder auffällt, ist ihre gezwungene Haltung, als habe sie eine schwere Last zu tragen, dabei hat sie nur eine kleine Tasche und einen Papierbeutel mit dem gekauften Buch bei sich. Bis zum Aussteigen verharrt sie praktisch in völliger Bewegungslosigkeit. Draußen folge ich ihr weiter durch ein Wohnviertel, durch einen schlecht beleuchteten Park, der etwas unübersichtlich ist, da dicht mit Sträuchern und Bäumen bepflanzt, so daß es mir leicht gelingt, mich zu verbergen, doch schaut sie ohnehin weder links noch rechts noch zurück und eilt noch zügiger als zuvor in geduckter Haltung voran, weiter. Hinter dem Park geht sie noch ein Stück weiter, biegt dann zu einem Haus ein und bleibt davor stehen. Sie schließt auf, geht hinein, die Tür fällt hinter ihr zu, da ich keinen Versuch mache, sie aufzuhalten. Ich gehe auf die gegenüberliegende Straßenseite, schaue hinauf. Kurz darauf geht oben ein Licht an, es ist naheliegend, daß das ihre Wohnung ist. Draußen ist es bereits dunkel.

Ich warte noch ein paar Minuten, dann sehe ich sie, ich bin mir ziemlich sicher, sie läßt die Jalousie herunter. Ich kombiniere, begebe mich zu den Klingeln an der Haustür, vermute, welches ihr Name sein könnte, dann gehe ich zurück zur Straßenbahn und fahre nach Hause.

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