Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Entscheidung

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-07-27/08-06, 2015-01-09/18

(6) Samstag und Sonntag

Zum Frühstück esse ich Brötchen, dann treibt mich die Unruhe aus dem Haus und mit der Üstra in die Innenstadt. Ich stöbere lustlos in den Sonderangeboten der Buchläden, bis es Mittagszeit ist. Irgendwie mag ich nichts richtig anfangen. Sind das die Folgen der Liebe?

Nach dem Mittag schlendere ich durch den Georgengarten, um mich auf andere Gedanken zu bringen und laufe dann weiter bis zum Maschsee, ganz daran entlang, also nicht auf der Stadtseite, sondern auf der Seite mit der Leine, dann geht es weiter bis ich Zuhause bin. Durch den zügigen Marsch habe ich einen guten Teil meiner Unruhe ausgeschwitzt und erfrische mich unter der Dusche.

Dann ist es Zeit, weiter an der Vorbereitung des Seminars zu arbeiten: Was will ich überhaupt, wie verstehe ich das, und wie kann ich das den anderen vermitteln? Immerhin, ich zwinge mich dazu, konzentriert zu arbeiten. Und wirklich, beim Lesen von bereits vorhandenen Fachartikeln, dem Erarbeiten des Konzeptes bin ich ganz gut beschäftigt. Ich notiere mir einige weitere Artikel, Quellen, die ich unbedingt noch lesen sollte, ein paar Stichwörter, nach denen ich noch suchen sollte, um eventuell weitere Artikel zu finden.

Am Abend sehe ich wieder fern, in der Nacht fehlt mir die Nähe zu M.. Ich kann nicht recht einschlafen und drehe mich hin und her. So allein ist es zwar viel ruhiger und bequemer, als in ihrem engen Bett, aber das mag mich nicht so recht trösten, ich komme nicht zur Ruhe. Fataler Weise stelle ich mir auch noch vor, wie wir uns umarmen, streicheln und küssen, was meine Unruhe zu Erregung werden läßt. Gut, eine Lösung der Spannung wäre naheliegend, aber doch auch bedenklich. Einerseits, sonst hätte ich keine Bedenken, aber in der jetzigen Situation kann ich doch schlecht während der Selbstbefriedigung an sie denken. An eine andere wohl noch weniger. Andererseits, so ist die Prognose, werde ich sonst gar nicht zur Ruhe kommen und die Gedanken an sie lassen sich nicht so einfach wegwischen, wie man sonst so manches wegwischen könnte. Irgendwann bringe ich es dann doch irgendwie hinter mich, was nicht einmal so entspannend ist wie gedacht, immerhin bin ich dadurch etwas ruhiger und tatsächlich schlafe ich irgendwann doch endlich ein.

Vorher stellen sich mir situationsbedingt praktische ethische Fragen: Ist es in Ordnung, sich bei der Selbstbefriedigung jemanden vorzustellen, den man sehr mag, den man liebt? Und ist die Bewertung abhängig davon, ob die Zuneigung einseitig oder gegenseitig ist? Sofern eine solche Person nicht vorhanden ist oder unabhängig davon, ist es in Ordnung, sich jemanden vorzustellen, den man gut oder auch nur flüchtig kennt? Wenn man sich also vorstellt, wie es wäre, mit dieser Person sexuellen Kontakt zu haben und sich während dieses Gedankens selbst zu befriedigen? Schadet das der Würde der anderen Person? Ist es deshalb bedenklich? Oder wenn man in einem Mietshaus hört, wie es die Nachbarn gerade treiben, ist es da anstößig, erregt zu werden und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen und sich zu diesem Konzert selbst zu befriedigen?

Oder ist es nicht so, daß die Gedanken frei sind und es egal ist, solange es im eigenen Kopf bleibt? Es schadet ja niemandem. Und doch, was einmal gedacht ist, ist im Gehirn etabliert, und wer dort degradiert wird zur Vorlage zur Selbstbefriedigung, ist der nicht auch sonst in den Gedanken entwürdigt und erniedrigt zum bloßen Lustobjekt?

Allerdings, irgendwie muß man die Spannungen ja doch abbauen. Und wenn man jetzt Abbildungen von Personen nimmt, die man gar nicht kennt? Prominente? Oder auch Abbildungen in solchen Heften, die mehr oder weniger zu diesen Zwecken produziert werden? Beteiligt man sich durch den Kauf von solchen Heften nicht daran, diese Personen zu entwürdigen, zu entindividualisieren, zur bloßen Vorlage für sexuelle Bedürfnisse zu machen, sie zu prostituieren? Und jene Prominenten? Stellen die sich nicht vor, wie da vielleicht tausende von geilen Personen die Selbstbefriedigung zu ihrem Konterfei treiben? Belastet das? Provozieren diese das vielleicht sogar durch Posen und Gestik? Ist die Vorstellung, zu so einer Vorlage zu werden, eher deprimierend oder vielleicht doch eher erregend, so begehrt zu sein? Immerhin, das Begehren ist ja offenbar geweckt, ohne mit der prominenten Person persönlich bekannt zu sein, also eine rein oberflächliche Sache, bei der in die Person etwas hineinprojiziert wird, was den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen gerecht wird. Fair ist das nicht, aber wohl ein unvermeidbares Risiko der Prominenz.

Am Sonntag fahre ich nach dem Frühstück fort, meinen Seminarvortrag vorzubereiten, durchstöbere einige weitere Fachartikel, feile weiter an einem brauchbaren Konzept, welches auch nicht zu lang ist. Bekanntlich kann man ja über alles reden, nur bei solch einem Vortrag nicht über 45 Minuten.

Nach dem Mittag ruhe ich mich aus. Nachmittags bin ich nicht in der Stimmung, weiterzuarbeiten, ich denke an M., sie fehlt mir. Ich schalte den Computer ein, lade ein Spiel. Und während ich einem Eintrag in den High-Score nachjage, gelingt es mir nicht, mich von ihr abzulenken, ich sehne mich nach ihrer Nähe, noch einen ganzen Tag, bis ich sie wiedersehen, ihre Stimme hören, sie umarmen darf, ihr zuhören. Abends ist dann wieder der Fernseher an, um mich abzulenken, auch das gelingt nur zeitweilig.

In der Nacht geht es wieder an den Rechner, spielen. Das ist ziemlich unangemessen, weil ich den nächsten Morgen ja auch etwas zu tun habe, doch habe ich natürlich die begründete Befürchtung, wieder nicht einschlafen zu können, weil M. mir fehlt. Irgendwann schalte ich den Rechner dann doch ab, falle ins Bett und denke an sie, stelle sie mir vor, wie sie neben mir liegt und wir es uns gemeinsam gutgehen lassen. Das hat dann natürlich wieder unweigerlich eine Erregung zur Folge, die sich nicht so einfach ignorieren läßt. Doch dann erinnere ich mich auch an unsere wirklich innige, harmonische Umarmung, die praktisch keine sexuellen Aspekte hatte, sondern nur Geborgenheit und Zusammengehörigkeit vermittelt hat, das tut mir gut und beruhigt mich. Das sind gute Gedanken, wohltuende Gedanken - und wirklich, so bin ich bald ganz ruhig und zufrieden und es gelingt mit irgendwann wirklich einzuschlafen.

Liebe ist die einzige Sklaverei, die als Vergnügen empfunden wird.

George Bernard Shaw

Die Zärtlichkeit ist das Ruhen der Leidenschaft.

Joseph Joubert

Wenn Sex die natürlichste Sache der Welt ist, warum gibt es dann so viele Ratgeber darüber?

Bette Midler

Wenn sie mich an sich lockte,
war Rede nicht im Brauch,
und wie die Zunge stockte,
so stockt die Feder auch.

Johann Wolfgang von Goethe

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