Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Entscheidung

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-07-27/08-06, 2015-01-09/18

(2) Donnerstag Morgen

Das Radioprogramm ihres Weckers reißt uns aus dem viel zu kurzen Schlaf. Nach einigen Minuten Besinnung steht M. auf und geht ins Badezimmer, um sich zu waschen. Als sie wiederkommt, trägt sie wieder ihren Bademantel und bittet mich, mich wieder zur Wand umzudrehen, weil sie sich anziehen möchte, was ich auch tue. Sie verkündet, daß meine Sachen wieder so gut wie trocken seien. Während sie das Frühstück vorbereite, könne ich ins Bad, mich waschen und anziehen.

Sie fragt, ob ich heute Abend Zeit habe, sie möchte mich gerne wiedersehen, ich bin einverstanden, worauf sie erläutert, heute Nachmittag werde sie die Reparatur ihres Fahrrades zuende führen und für uns zum Abendbrot einen Salat machen, ob ich mit Salat einverstanden sei? Ich frage nach den Zutaten, die wesentlichen zählt sie aus der Erinnerung auf. Ich bin einverstanden, wir einigen uns auf 19:00.

Sie ist jetzt angezogen, ich kann mich umdrehen, Sweat-Shirt und Jeans hat sie an, sie kommt aufs Bett zu, sie lacht mich an, wobei immer diese entzückenden Grübchen entstehen, sie habe noch eine etwas heikle Bitte, sie hätte gerne etwas von mir, um mir nahe zu sein, sozusagen ein Pfand. Auf meine Frage, was sie haben möchte, weiß sie nicht gleich eine Antwort, ein Kleidungsstück, meint sie überlegend, irgendetwas von mir. Ich gebe zu bedenken, daß ich meine Kleidung brauche, um einer allgemeinen Konvention folgend angezogen durch die Öffentlichkeit zu gehen. Das erheitert sie, sie brauche aber auch etwas, wieder überlegt sie, hat dann einen Einfall: Meine Socken möchte sie haben, das sei nicht allzu auffällig für mich, zumal ich ja vor meiner Vorlesung ohnehin noch nach Hause wolle, um Papier und Bleistift zu holen, ich stimme zu, sie eilt sogleich ins Bad, bringt meine Socken wieder mit, die sie anzieht, dann ihre Schuhe, so sei ich immer bei ihr, erläutert sie schmunzelnd, worauf ich lache. Das sei eine gute, weil aufregende Idee gewesen, verteidigt sie sich, geht dann in die Küche, ich ins Bad.

Zum Frühstück gibt es Müsli, und sie erzählt, sie wohne hier zusammen mit ihrer älteren Schwester, die gerade mit ihrem jetzigen Freund in den Urlaub gefahren sei.

Den Weg zur Straßenbahn nehmen wir noch gemeinsam, an der Haltestelle trennen sich jedoch unsere Wege, sie fährt in Richtung Innenstadt, ich in die andere Richtung.

Es dauert noch eine Weile, dann erst kann ich wieder etwas klarer denken. Noch immer scheint es mir erstaunlich, unerklärlich, daß M. so großes Interesse an mir zeigt. Umgedreht, klar, da hat wohl beinahe jeder Interesse an M., wenn vielleicht auch primär sexueller Natur. Aber an jenem Abend haben wir uns verliebt, sozusagen auf den ersten Blick. Und da hatten wir uns nicht einmal miteinander unterhalten. Durch was hatte ich ihre Aufmerksamkeit auf mich gezogen, so praktisch ganz ohne Mühe? Nur ein glücklicher Zufall? Nur ein günstiger Zeitpunkt?

M. macht jedenfalls Eindruck, nicht nur durch ihre äußere Erscheinung - und sie scheint sehr entschlossen zu sein, überraschend entschlossen, daß mir ganz schwindelig davon ist. Und mir scheint, ich habe ziemliches Glück gehabt, ihre Interesse gewonnen zu haben. Ich bin verwirrt, angenehm verwirrt und hoffe, daß das weiter geht, was könnte mir besseres passieren als diese Frau?

Und doch bin ich etwas beunruhigt, wie entschlossen sie ist und die Dinge vorantreibt. Bin ich verunsichert durch ihr Selbstbewußtsein? Ich sollte doch lieber froh sein, daß sie die Initiative ergreift, denn selbst hätte ich das nicht gewagt. Da kann ich doch recht froh über die Emanzipation sein und sollte deshalb nicht verunsichert sein, einfach mal schauen, wie sich das entwickelt und genießen, statt gleich die Männlichkeit durch eine emanzipierte Frau bedroht zu sehen.

Jetzt sollte ich nur nicht zu viel falsch machen, damit ihre Begeisterung anhält. Gleichzeitig muß ich aber wohl acht geben, daß sie mich nicht komplett vereinnahmt, obwohl ich sie mag, will ich ja doch auch ich selbst bleiben. Auf sie eingehen, so weit es geht - selbstverständlich, aber ich kenne die Regeln nicht genau, muß vertrauen und mich doch nicht gänzlich in der Idee verlieren, von ihr geliebt zu werden.

Ihre Liebestheorie - authentisch verinnerlicht oder frisch angelesen? Gibt es mehr als Atome, Moleküle, Biologie und Triebe? Gibt es eine Liebe jenseits der subjektiven Illusion? Ich will es, möchte es, daß das, was ich für sie empfinde, nicht nur eine biologische Illusion der Hormone ist, sondern das, was sie verdient. Und vielleicht hat sie ja recht, wenn man sich bewußt entscheidet, ist es Liebe, nicht nur dumpfer Trieb. Kann es so einfach sein? Und ist es von Belang, wenn man eben so ehrlich empfindet? Was macht den Unterschied, wodurch das Gefühl bewirkt wird, wenn es uns zusammenführt und zusammenhält? Ist es nicht letztlich egal, wie es funktioniert, solange es klappt? Solange wir damit glücklich sind?

Was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten Bilder an deine weiße Wand! Und wenns nichts wäre als das, als vorübergehende Phantome, so machts doch immer unser Glück, wenn wir wie frische Jungen davor stehen, und uns über die Wundererscheinungen entzücken.

Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther

Ich suche irgendwas und weiß nicht wie das heißt, was nicht nur kitzelt sondern richtig beißt

Extrabreit (Glück und Geld)

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

Friedrich von Schiller (Die Glocke)

Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.

Christian Morgenstern

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