Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Entscheidung

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-07-27/08-06, 2015-01-09/18

(12) Mittwoch Nacht

Als wir in ihrer Wohnung sind, teile ich ihr mit, daß ich morgen ab 8 ct eine Übung habe, allerdings müsse ich meine Sachen erst im Welfenschloß abholen, die ich da deponiert habe, bevor wir uns getroffen hätten, dann müsse ich noch durch den Welfengarten und noch ein Stück weiter zum Vorlesungssaal gehen, ich müsse also früh aufstehen. Auch sie muß wieder um 8 ct da sein, so stellt sie das Uhrenradio früh genug, geht dann ins Bad, anschließend ich. Als ich wieder in ihr Zimmer komme, liegt sie schon mit angezogenem Nachthemd im Bett und wartet auf mich. Ich ziehe mich aus und komme zu ihr, wir sind uns einig, heute kein Kartenziehen mehr durchzuführen und auch keine übermäßig stimulierenden Spielchen zu treiben, so lösche ich das Licht.

M. ergänzt zu A., diese sei interessanter Weise schon seit Jahren mit dem gleichen Mann zusammen, aus dem wenigen, was A. über ihn erzähle, gehe eindeutig hervor, daß es eine ganz gut funktionierende Beziehung sei. Zum allgemeinen Erstaunen hätten sie sich sogar vor ein paar Monaten offiziell verlobt, da hätte sie ihn kennengelernt, eigentlich sei er ganz nett, doch A. bringe ihn selten zu irgendwelchen Aktivitäten einmal mit.

Sie fragt nach meinem Kommentar zu A.s Theorie. Ich bestätige, sie sei eigentlich ganz plausibel, allerdings habe das kapitalistische System sicher noch größere Probleme. Zwar funktioniere es ja noch, doch das Aufrechterhalten und Absichern dieses Systems werde immer aufwendiger, denn es sei keineswegs selbststabilisierend. So sei heute schon ein gewaltiger Verwaltungsapparat notwendig, um die negativen Auswirkungen des Kapitalismus einigermaßen abzudämpfen. Gänzlich ungelöst sei das Problem der Umweltbelastung durch die produzierten Güter, so daß auch hier wieder gewaltiger Aufwand getrieben werden müsse, damit die Menschen nicht im Müll - den zuvor aufwendig produzierten und konsumierten - Produkten erstickten. Hinzu komme, daß durch die Automatisierung der Produktion die Menschen und Waren ihren marktwirtschaftlichen Wert verlören, da es durch die Automatisierung mit geringerem menschlichem Aufwand möglich sei, die Produkte herzustellen. Die Bedeutung der Menschen verlagere sich so immer mehr auf das Konsumieren und die Organisation des Konsums, doch da die Arbeit ihren Gegenwert verlöre, hätten die so arbeitslos gewordenen weniger Mittel, um zu konsumieren, so daß wieder künstlich Arbeit geschaffen werde müsse, indem man zum Beispiel die Verwaltung aufblähe und so zu einer Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft gelange. Diesen Dienstleistungen könne im Prinzip ein beliebiger Wert zugemessen werden. Dadurch werde das System aber tatsächlich immer uneffektiver, also immer mehr Menschen täten eigentlich überflüssige Dinge, die nicht zum Kreislauf von Produktion und Konsum beitragen, oder eine sinnvolle Nutzung der durch die Automatisierung eingesparten Arbeitszeit etwa als Freizeit für kreative Selbstverwirklichung werde verhindert. Im Grunde habe sich das kapitalistische System genauso wie die zentralistische Diktatur im Osten überlebt. Einzig die durch den Konkurrenzdruck hervorgerufene Eigendynamik zur Kreativität der Produzenten halte das System noch aufrecht, doch sei auch das in Gefahr, einerseits durch die Monopolisierung durch Multikonzerne, andererseits durch die Uniformierung des Geschmacks des einzelnen auf den Durchschnitt. Außerdem gebe es da noch die bevorstehenden Umweltprobleme, die vom Markt nicht bewältigt werden könnten, weil es ein kollektives Problem sei, dessen Lösung etwa durch den Verzicht auf die Produktion von überflüssigen Konsumgütern dem einzelnen Marktkonkurrenten keinen Gewinn verspreche. So etwa hätte es A. vielleicht ausgedrückt, erkläre ich.

Was die Liebe in der kapitalistischen Gesellschaft betreffe, so habe die sogenannte sexuelle Revolution leider nicht nur dazu geführt, daß die Menschen sich von veralteten, durch die Kirche vorgegebenen Verhaltensnormen gelöst hätten, die ihnen Jahrhunderte lang Schuldgefühle wegen ihres Sexualtriebes eingeredet hätte, leider sei es wohl tatsächlich so, daß die Menschen auch die Fähigkeit zur Liebe, wie sie es bezeichne, zugunsten eines ungehemmten Konsums von flüchtigen Beziehungen geopfert hätten, so daß ihr Ziel lediglich noch darin bestehe, sich gegenseitig den Sexualtrieb zu befriedigen. So werde letztlich der Mensch in dieser Gesellschaft auf den bloßen Konsumtrieb reduziert. Die Individualität des einzelnen Menschen werde in der Konsumgesellschaft nicht mehr benötigt, vielmehr durch die bereits genannten Pseudo-Alternativen ersetzt, mit welchen Individualität vorgetäuscht werde. Doch höchstens ein Individuum mit eigener Identität sei zu Liebe fähig, wie M. sie sich vorstelle. Das Erleben werde durch Konsumieren ersetzt, der Mensch werde zum dumpfen Konsumzombie, so sei es wohl in kurzen Worten zu skizzieren, was A. gesagt habe.

Allerdings dürfe man die Situation wohl nicht zu düster sehen, wie beschrieben werde das System wohl instabil werden, der reale Markt trenne sich immer mehr von der Bewertung der Produkte und der Konzerne selbst an den Börsen, wenn man also die Gesellschaft retten wolle, sei über kurz oder lang eine Umstrukturierung des Systems erforderlich. Es drohe also nicht der Untergang des Abendlandes, sondern es werde nur Zeit, das bisherige System zu verändern, das Gesellschaftsmodell besser der Realität anzupassen. Ein Problem seien allerdings die bis jetzt schon erheblichen Umweltschäden, die nicht so einfach repariert werden könnten.

Insgesamt müsse die Situation sorgfältig analysiert werden, um effektiv reagieren zu können, und es müsse wissenschaftlich nach Lösungen gesucht werden, statt an Symptomen herumzudoktern.

Sie meint, es sei doch die Wissenschaft, die so sorgfältige Analyse gewesen, die es den Menschen erst ermöglicht habe, technische Einrichtungen zu erfinden, die jetzt als Nebeneffekt die Umweltzerstörung produzierten. Das zeige doch offenbar, daß man nicht so gut analysiert habe, doch nicht so viel wisse. Was ich gesagt hätte, die durch den Menschen manipulierte Welt sei doch gerade die Konsequenz der Technik.

Ich könne ja schließlich auch nicht unsere Beziehung einfach analysieren und in ein wissenschaftliches Modell umsetzen, vielleicht sei es ja sogar irgendwann möglich, wissenschaftlich befriedigend darzustellen, was da alles in ihr passiere, wenn sie der Auffassung sei, daß sie mich liebe, doch ihr subjektives Erlebnis, das einzig Entscheidende dabei für sie, sei nicht synthetisierbar, was sie erlebe, was es heiße, sie zu sein und mich zu lieben, sei nur ihr möglich zu erleben. Wenn sie mich als Bestandteil der Außenwelt liebe, wenn sie durch mich die Vereinigung mit der Außenwelt erlebe, könne eine solche Vereinigung niemals mit der Wissenschaft erreicht werden.

Ich widerspreche: Der Mensch habe seine Umwelt seit Urzeiten manipuliert, letztlich tue das jede Spezies, allerdings habe das im Falle des Menschen, bedingt durch seine Intelligenz, ungeheuerliche Ausmaße angenommen. Und anders als andere Spezies, seien wir auch intelligent genug, um dies zu erkennen. Die Behebung oder Vermeidung von weitreichenden Umweltproblemen sei heute ja kein Problem der Erkenntnis und des Wissens mehr. In der Tat seien die meisten Umweltprobleme nur entstanden durch das Gewinnstreben der Marktteilnehmer, welches dazu geführt habe, wissenschaftliche Erkenntnisse nur oberflächlich auszunutzen für Techniken, die am kurzfristigen Profit des Kapitalisten orientiert seien.

Was die Vereinigung von Ich und Welt anbelange, so gebe ich zu bedenken, daß es in gewisser Weise auch eine Vereinigung sei, wenn man Wissen sammele und ein Modell der Welt erstelle, wenn das Modell auch immer nur approximativ sei, werde man doch mit dieser fremden Welt immer vertrauter, man lerne so viele ihrer bizarren Eigenschaften kennen, indem man es mit naturwissenschaftlichen Methoden in Erfahrung bringe, auch dieses Forschen sei ein Streben nach Vereinigung mit der Welt, allerdings sei man sich darüber klar, daß man diese Vereinigung nie wird völlig erreichen können. Trotzdem sei es ein komplett anderer Weg. Wenn ein Mensch sich mit der Außenwelt in Form eines anderen Menschen vereinige, das Getrenntsein des Ichs von der Welt durch die Liebe aufhebe, so sei das ein ganz anderer Ansatz, so könne man die Welt zwar nicht verstehen, aber man könne sie erleben, wodurch man sie kennenlerne, während man durch Modell und Experiment die Welt durch Wissen kennenlerne. Natürlich ergäben sich aus dem nur approximativen Wissen Mängel in der Anwendung, doch seien eben viele der heute auftretenden Schäden dadurch hervorgerufen worden, daß man es versäumt habe, die Folgen seines Handelns besser abzuschätzen, und selbst wenn das getan worden sei, könne immer noch das kapitalistische System dazu führen, wie angedeutet, daß ein einzelner, um seinen Profit zu maximieren, der Gemeinschaft schade, indem er eine Technik so gebrauche, daß es allen schade, ihm aber kurzfristig Gewinn bringe. Ein Paradebeispiel sei etwa die Kernkraftnutzung - ohne zu klären, was mit den Abfällen passieren solle, wurde munter Profit gemacht und über Jahrzehnte stapelt sich nun der Müll und wird noch über hunderttausende von Jahren die Umwelt verseuchen.

M. stellt die Frage, ob es nicht ohne technische Entwicklungen eine bessere Welt wäre, doch ich erwidere, daß ja gerade das Bewußtsein des Menschen, sein Abgetrenntsein von der Welt es nötig mache, sich mit Hilfsmitteln gegen die Gefahren zu wehren und um das Überleben in ihr zu kämpfen. Letztlich könne man das eine nicht ohne das andere habe. Tiere ohne das Getrenntsein von Ich und Welt benötigten auch keine technischen Hilfsmittel, um zu überleben. Diese Einheit mit der Welt sei für den Menschen nun einmal verloren, und ein Zurück gebe es nicht, denn schließlich sei die Liebe zwar ein Weg, diese Einheit wieder zu erleben, doch ein Weg um zu überleben sei das nicht.

Sie schüttelt den Kopf, das alles sei nicht notwendig so, es müsse auch den Menschen möglich sein, in Einklang mit der Natur zu leben, statt in Konkurrenz zu ihr.

Ich bestreite entschieden, daß es überhaupt möglich sei, in Konkurrenz zur Natur zu leben, es sei ja nur möglich, im Rahmen der Naturgesetze zu leben und zu handeln, man könne sich nicht gegen sie auflehnen oder etwas wider die Natur tun, insofern sei das Getrenntsein von der Welt ebenso ein subjektives Erlebnis wie die Liebe auch, das sei nur zu erleben, objektiv gebe es keine Trennung, diese Trennung bestehe nur im Denken, im Bewußtsein des Ichs. Das Ich sei lediglich eine bequemer Begriff zur Repräsentation eines Bestandteils der Welt, der in diesem Modell willkürlich von der Welt unterschieden werde. Nur für das Subjekt selbst gebe es diese Trennung, das ergebe sich ja auch schon aus dem Gedanken, daß der Geliebte als Bestandteil der Welt aufgefaßt werde, während das Ich dem entgegengestellt werde. Lediglich aus dem eigenen Erleben heraus, weil man sich selbst als ein Ich empfinde, äußerlich aber seinen Mitmenschen ähnele, billige man ihnen in der Regel ebenfalls ein Ich zu, obwohl das eigentlich subjektiv nicht wahrnehmbar sei. Wie brüchig und willkürlich eine solche Zubilligung sei, könne man in der Geschichte an der Sklaverei erkennen. Umgekehrt werde das Ich, welches da sich selbst erlebe, von dem anderen Ich auch nicht objektiv wahrgenommen, sondern höchstens zugebilligt, ob sie das verstehe?

Sie steht auf, geht auf und ab durchs Zimmer. Das Ich sei für sie elementar vorhanden, nicht, wie ich ihr einreden wolle, nur eine subjektive Sinnestäuschung. Ich könne das doch nicht ernsthaft behaupten. Mit der Existenz des Ichs gebe es auch den Gegensatz zur Außenwelt, und so entstehe der Konflikt, das Getrenntsein, das könne ich nicht einfach so mit objektiv und subjektiv wegdiskutieren. Wie ich mir denn das Denken vorstelle, es sei doch das Ich, welches Entscheidungen treffe, oder sei das für mich auch eine bloße Täuschung?

Ich erwidere, Denken und Entscheidungen beruhten wohl auf früheren Erfahrungen, aus denen Regelsysteme hervorgingen, durch die dann bei einer neuen Situation eine Bewertung vorgenommen werden könne. Letztlich bestehe der freie Wille also nur daraus, daß verschiedene Modelle, Regelsysteme, Erfahrungen gegeneinander abgewogen und auf das aktuelle Problem übertragen würden, das habe auch wenig mit Determinismus oder Indeterminismus zu tun oder gar mit einem Mysterium wie einer Seele. Denn Fluktuationen wie sie zum Beispiel in der Quantenmechanik eine Rolle spielten, sollten beim Denken nur von untergeordneter Bedeutung sein, ebenso wie vielleicht bei der Bewegung einer Straßenbahn. Andererseits sei das Denken so komplex, daß unmöglich soetwas wie Ursache und Wirkung im Sinne eine globalen Vorhersagbarkeit des Verhaltens des deterministischen Weltbildes vorhanden sei. Schon bei einfachen, streng mechanischen Modellen sei ja schon chaotisches Verhalten - das Fehlen der globalen Vorhersagbarkeit - beobachtbar, die somit nur eine Prognose für eine Nahordnung zuließen, aber dafür oft über erstaunliche Selbstordnungsmechanismen verfüge. Um auf das Ich zurückzukommen: Letztlich sei das nur eine Repräsentation der denkenden Person, die sich als solche wahrnehme, da sei nichts Mysteriöses dabei, der Mensch sei nicht mehr als ein Haufen Materie oder Energie, welche im Prinzip physikalisch-naturwissenschaftlich komplett nachweisbar sei.

M. schüttelt wieder den Kopf, sie ist aufgeregt und empört, mit so einem mageren, kalten Bild könne sie sich nicht abfinden, wenn das mein Weltbild sei, fehle ihr da etwas Entscheidendes, als zöge ich ihr damit den Boden unter den Füßen weg, sie wisse nicht, wie sie es ausdrücken solle, das Bewußtsein, das Ich sei etwas so Vertrautes, das könne nicht einfach so zu einem Nebeneffekt von biochemischen Reaktionen reduziert werden, es handele sich immerhin um den Mittel- beziehungsweise Ausgangspunkt all ihres Erlebens, ihres Lebens, und ich hätte nun behauptet, es sei gewissermaßen nur eine Selbsttäuschung.

Ich meine, es sei ja keine Selbsttäuschung, als Repräsentation dessen, was sie als Subjekt empfinde, sei es ja irgendwo als Zustand des Hirns oder besser des gesamten Menschen durchaus objektiv vorhanden, doch sei es eben auch nicht mehr als ein impliziter Bestandteil eines lebenden, funktionierenden Hirns. Die Prozesse im Hirn seien dynamische Vorgänge, die letztlich das Ich repräsentierten, welches so zwangsläufig an die Dynamik des Materiellen gebunden sei und nicht von diesem losgelöst existiere. Es handele sich letztlich nun um zwei unterschiedliche Beschreibungen des selben Phänomens, die sich nicht gegenseitig widersprechen müssen.

Sie will das bestreiten, schüttelt aber nur den Kopf, kann es offenbar nicht in Worte fassen, sie ist sehr aufgeregt. Sie müsse überlegen, ich hätte im Moment die geschicktere Argumentation, irgendetwas stimme aber nicht, sie könne aber nicht sagen, was, doch sollten wir Morgen Abend, wenn sie wacher und erholter sei, weiter darüber sprechen, jetzt sollten wir schlafen, denn es sei schon spät.

Damit legt sie sich wieder ins Bett, wendet sich von mir ab, dreht mir den Rücken zu, zieht sich ganz in sich zusammen. Diese Geste erscheint mir aber doch etwas zu hart, ich schmiege mich einfach an sie, lege meinen Arm um sie, dessen Hand sie auch nach kurzem Zögern ergreift und fest in der ihren hält, bis wir einschlafen.

Die Welt ist nicht da, um von uns erkannt zu werden , sondern um uns in ihr zu bilden.

Georg Christoph Lichtenberg

Wo ist also dieses Ich, wenn es weder im Körper, noch in der Seele ist?

Blaise Pascal

Das Ich kann nie sich selbst abstrahieren. Das Ich kann durch keine Reflexion erschöpft werden, alles im Ich ist nur Entwicklung im Ich.

Friedrich von Schlegel

Wenn das Selbst durch den Irrtum verschleiert ist, so entsteht das Gebundensein an das Nichtselbst, das persönliche Ich, und aus diesem entspringt das Leiden der Welt.

Shankara

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