Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Entscheidung

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-07-27/08-06, 2015-01-09/18

(11) Mittwoch Nachmittag und Abend

Ich muß mich beeilen, um noch pünktlich um 13 ct zu einer Vorlesung in der Quantenoptik zu kommen. Als diese um 14:45 zuende ist, begebe ich mich wieder in die TIB, schaue nach einem Fachartikel, dessen Zusammenfassung ich überfliege. Als ich sehe, daß er brauchbar ist, kopiere ich ihn, lege ihn vor mir auf den Tisch, eigentlich um ihn zu lesen, doch da ich müde bin, schließe ich die Augen und döse etwas, bis ich sogar ganz einnicke.

Erst das Signal, daß die Bibliothek in einer Viertelstunde schließt, weckt mich wieder, ich packe schnell meine Sachen zusammen, ich muß mich beeilen, um noch nach Hause zu fahren, es ist bereits spät, denn wir hatten verabredet, daß wir noch mit A. beim Griechen etwas essen wollen, bevor wir uns mit den anderen treffen. Ich haste, bringe meine Tasche ins Schließfach im Welfenschloß, eile weiter zur Üstra-Haltestelle, warte ungeduldig, dann kommt endlich eine Straßenbahn, es geht mit Nummer 4 Richtung Aegi, zum Glück muß ich dort nicht warten, kann gleich umsteigen. An der Haltestelle angekommen, an der ich immer aussteige, beeile ich mich wieder, nach Hause zu kommen, ziehe mich um, rasiere mich und bin schon wieder weg Richtung Innenstadt.

Tatsächlich komme ich etwas zu spät, M. und A. warten schon, ich entschuldige mich, M. winkt ab, sie seien selbst erst gerade gekommen. Als ich noch hinzufüge, ich sei in der TIB eingeschlafen, mahnt A. gegenüber M. scherzhaft den Zeigefinger hebend, sie solle ihren Liebhaber nicht überfordern, M. grinst mich an, wir umarmen uns endlich, küssen uns zur Begrüßung, gehen dann hinein, setzen uns, jeder mit einem Gyrosfladen, an einen kleinen Tisch.

M. schlägt vor, daß mir A. ihre Theorie über die Entfremdung von der Liebe in der kapitalistischen Gesellschaft kurz skizziere, dabei schaut sie mich schmunzelnd und mit blitzenden Augen an.

A. ist einverstanden und beginnt: Die wesentlichen Merkmale der modernen kapitalistischen Gesellschaft seien einerseits der Verlust der Individualität des einzelnen, seine Reduzierung auf die bloße Arbeitskraft, die er möglichst gut zu verkaufen trachte, denn nur ein austauschbarer Arbeiter sei optimal an die entfremdeten Arbeitsbedingungen der Industrie angepaßt. Der andere wesentliche Pfeiler des modernen Kapitalismus sei der Konsum, immer mehr Menschen müßten immer mehr und vorhersehbar und manipulierbar konsumieren, um das System aufrecht zu erhalten, außerdem sei es erforderlich für diese Berechenbarkeit des Geschmacks der Massen, daß diese durch Werbung möglichst uniform auf konsumierbare Kanäle gelenkt werden, so daß auch hier das Ziel der Verlust der Individualität zugunsten eines normierten Geschmacks sei. Durch die auf bestimmte standardisierte Konsumwünsche reduzierten Interessen werde das Verhalten der Massen leicht vorhersehbar und leicht beeinflußbar. Dabei komme es in der pluralistischen Gesellschaft darauf an, den Massen durch diverse Pseudo-Konsumalternativen Entscheidungsfreiheit und Unabhängigkeit vorzutäuschen, damit die Illusion eines eigenen Geschmackes, der Individualität erhalten bleibe, während in Wirklichkeit nur unwesentliche Konsumvarianten dieses zum Zwecke der Steigerung des Konsums vortäuschten, so daß der einzelne im Großen und Ganzen reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie von Produktion und Konsum hineinpasse. Diese Manipulation entfremde den Menschen von seinem Ich und seinen Mitmenschen, der gesamten natürlichen Umgebung, die durch eine Pseudorealität aus Konsumprodukten und Werbung ersetzt werde.

Der einzelne kontrolliere sich gewissermaßen selbst, denn er empfinde sich als anormal, wenn er von den gesellschaftlich akzeptierten Konsumkanälen abweiche, was ihm wiederum durch Propaganda durch Massenmedien und Werbung vorgegaukelt werde. So sei gewährleistet, daß alle mit dem Strom schwämmen, jede größere Abweichung müsse so zu Selbstzweifeln und Schuldgefühlen führen. Arbeit und Konsum, nicht nur von Dingen, sondern auch von Bildern und Tönen, wie zum Beispiel von völlig überflüssigen Produkten wie Gameboys und Satelliten-TV, die nur einen künstlichen Konsumbedarf weckten, der Kauf von Produkten betäube das Ich des einzelnen. Glücklich sein sei identisch mit viel konsumieren und dabei Spaß haben; auch das Konsumieren von Menschen gehöre dazu: flüchtig kennenlernen und dann wieder ablegen nach dem Ex-und-Hopp-Verfahren.

Es sei ein standardisiertes Schönheitsideal etabliert worden, etwa werde die Schönheit von Frauen auf diversen Miß-Wahlen in eine Skala gepreßt, die zum Maßstab werde, dem wieder durch Konsum von Kosmetika nachgestrebt werden müsse. Durch diese Standardisierung des einzelnen, auch seiner Kleidung durch die Mode, werde wieder der Trend zur Entindividualisierung unterstützt, außerdem könne dem Sexualpartner durch den Maßstab ein symbolischer Warenwert zugeordnet werden, so daß Menschen dadurch miteinander vergleichbar und bewertbar würden. Der Mensch werde selbst zur Ware. So würden sich also zwei potentielle Sexualpartner anhand dieser Werteskala gegenseitig ein- und abschätzen können, entscheidend sei also nicht mehr der Mensch, sondern nur noch das Finden eines Menschen mit gleicher Position auf der Werteskala, um eine Beziehung im Sinne eines Handels eingehen zu können, bei dem sich beide nur dann handelseinig seien, wenn Wert und Gegenwert von beiden Seiten als vorteilhaft beurteilt würden. Dadurch werde der Mensch zur Liebe unfähig, denn die Liebe werde durch ein bloßes Geschäft ersetzt; der einzelne biete dem möglichen Partner sein Vorzüge, seinen Status an, wenn beiden die Eigenschaften des anderen akzeptabel erscheinen, sei der Handel perfekt. Im Bett gehe das Geschäft dann weiter: Die Stimulation, die du mir gewährst, bekommst du auch von mir, die Befriedigung, die ich dir verschaffe, mußt du auch mir verschaffen. Allerdings könne man auch versuchen, den anderen auszubeuten, ein für das kapitalistische System ja allgemein charakteristisches Verhalten, was in der Regel dazu führen werde, daß ein solcher 'Betrüger' immer neue Partner suchen müsse, um weiter ausbeuten zu können, da der gleiche Partner nicht auf Dauer auf ihn hereinfallen werde. Daß das ebenfalls gut funktioniere, werde natürlich dadurch unterstützt, daß auch bei einem fairen Handel der Konsumgedanke dazu führe, daß der einmal gewählte Partner schnell langweilig werde und durch einen neuen ersetzt werden müsse, sobald man ihn auch nur oberflächlich kennengelernt habe. Der neue Sexualpartner werde dann erneut und ebenso schnell verkonsumiert, so gehe es von einer flüchtigen Beziehung zur nächsten, Sex werde zur bloßen Unterhaltung, die man zwischendurch neben anderem Freizeitkonsumgütern und Arbeit treibe, statt daß es zu einem wesentlichen Bestandteil einer Liebesbeziehung zwischen den beiden werde, die so überhaupt nicht mehr aufgebaut werde. Das Fehlen der Liebe führen zu einer gewissen Eintönigkeit von Sexualkontakten, eine flüchtige Affäre sei letztlich wie die andere, Abwechslung bringe vielleicht noch der Gebrauch von speziellen Produkten der Industrie, die den Konsumcharakter des Geschlechtsverkehrs noch weiter in der Vordergrund rückten. Endstadium sei dann eine allgemeine Frustration durch die Beziehungsunfähigkeit, die dazu führen könne, daß mit noch mehr Konsum eine kurzfristige Ersatzbefriedigung geschaffen werde, die nur durch immer mehr Konsum aufrecht erhalten werden könne.

Auch hier gelte: Wer sich nicht an diese Norm halte, werde als anormal angesehen, und es drohe ihm die Gefahr, aus der Horde ausgestoßen zu werden. Der einzelne gelange so zu der Einschätzung, wenn er im Leben nicht viele Partner ausprobiert habe, habe er etwas versäumt, ebenso wie ihm suggeriert werde, er versäume etwas, wenn er das neueste Erfrischungsgetränk nicht ausprobiere. Die Quantität des Konsumierens komme also auch bei intimen Kontakten vor der Qualität einer Liebesbeziehung. Oberflächlicher Konsum von vielen Partnern werde höher eingeschätzt als eine tiefergehende Erfahrung mit einem Menschen, wobei nur ein flüchtiges Erleben erreicht werden könne, welches nicht zufrieden stelle, sondern den Hunger nach mehr und anderem unterstütze, die Menschen seien nicht mehr fähig, die Geduld für das intensive Erlebnis einer Liebesbeziehung aufzubringen, weil sie Angst hätten, in dieser Zeit den Verbrauch anderer Produkte oder sexueller Kontakte zu versäumen. Gerade durch die Austauschbarkeit der Menschen durch die Anpassung an die Konsumgesellschaft sei es unmöglich, bei einem neuen Partner etwas prinzipiell Neues zu erleben, so daß die Unzufriedenheit und das Unbefriedigtsein sich vom alten auf den neuen Partner übertragen lasse. Entsprechend dem allgemeinen Anspruch immer mehr konsumieren zu müssen, müssen so bei der Suche nach einem Erlebnis immer mehr Sexualpartner verkonsumiert werden, ohne daß man dabei noch in der Lage sei, wirkliche Intimität und Vertrautheit aufzubauen, da es ja gar nicht mehr zwei Individuen seien, die sich liebten, sondern nur noch zwei der Gesellschaft angepaßte Maschinen, die als Maschinen zur Liebe prinzipiell schon unfähig seien.

Wir sind inzwischen mit dem Essen fertig und treten auf die Straße. Die beiden schließen ihre Fahrräder los und wir spazieren in Richtung Kino.

Ich kommentiere, ich persönlich habe nicht das Gefühl, daß es mir an Individualität fehle, auch sei mein Verlangen nach Konsum nur mäßig, der riesige Markt der Sport/Freizeit-Produkte gehe wohl gänzlich an mir vorbei, Verbrauchsgüter beschränkten sich zumeist auf das zur Ernährung nötige. Höchstens bestehe gelegentlich ein Kaufwunsch nach Fach- und Kunstbüchern, gelegentlich auch nach einem Roman. Auch läge es mir fern, M. verkonsumieren zu wollen. Ein weiterer Punkt sei noch, daß Menschen bereits seit langer Zeit in einer von Menschen veränderten Umgebung lebten, eine natürliche, nicht manipulierte Umgebung gar nicht mehr existieren, wir lebten eben in einer von Menschen angepaßten Welt, da gebe es rein praktisch keine Alternative.

A. erwidert scherzhaft, natürlich gehörten wir zur intellektuellen Elite, die über den Dingen stehe, die eine Chance hätten, diese sich selbst stabilisierenden Gesellschaftsmechanismen zu durchschauen und sich anders zu verhalten, aber sei es nicht tatsächlich so, daß ich wenn schon nicht eigentlich Produkte, so doch Wissen und kulturelle Angebote der Gesellschaft verkonsumiere? Würde ich nicht Unmengen von Wissen in mich hineinstopfen, womit ich ja letztlich auch durch meine Ausbildung einer sinnvollen Beschäftigung im Sinne dieser Konsumgesellschaft zugeführt werden solle? Mit all dem Wissen, bereite ich mich nicht darauf vor, die Welt weiter zu manipulieren und weiter vom natürlichen Ursprung zu entfernen?

Ich nicke ebenso scherzhaft, sie habe mich restlos überzeugt, zweifellos sei ich ein willenloser Konsumzombie, der ja auch gleich ins Kino gehen werde, um Töne und Bilder zu verkonsumieren, damit das Gesellschaftssystem nicht zusammenbreche, welches nur durch die selbsterzeugte Entfremdung jedes einzelnen von seinem Ich existieren könne. Allerdings sei ja auch der Mensch Teil der Natur, von daher könne man natürlich auch behaupten, es sei gar nicht möglich, sich von ihr zu entfremden, sie unnatürlich zu manipulieren.

Wir treffen jetzt auf die anderen, die mit ins Kino wollen: L. mit ihrem Freund und noch eine weitere junge Dame P., die mir schon vom Theaterbesuch her bekannt ist. Als A. und M. ihre Fahrräder wieder angekettet haben, stellt sich M. neben mich und greift nach meiner Hand und hält sie. Als L. die Karten verteilend das sieht, grinst sie und meint es sei ja nicht verantwortbar, daß das junge Glück im Kino nebeneinander sitze, sonst hätten wir beide überhaupt nichts von dem Film, deswegen sei es am Besten, sie setze uns auseinander. Sie erstickt M.s Protest im Keim, indem sie festlegt, daß sie mit ihrem Freund zwischen uns sitzen werde, A. meint jedoch, auch dieses junge Glück solle nicht leichtfertig der Gefahr der Ablenkung ausgesetzt werden, deswegen werden sie mit L. zwischen mir und M. sitzen, L.s Freund neben mir, auf M.s Seite schließlich solle P. sitzen, dazu erläutert sie zitierend:
... das Leben ist grausam und schrecklich gemein ...
Wir müssen alle lachen, doch die Sitzordnung ist festgelegt, als wir hineingehen. In der Tat bekommen wir aber so alle etwas von dem Film mit.

Anschließend, bevor wir uns trennen, plaudern wir draußen noch etwas über das Gesehene. M. schlägt dann vor, ich solle ihr Fahrrad fahren, während sie sich an mir festhaltend auf dem Gepäckträger platznehmen werde, schließlich sei es mein Problem, daß ich nicht mit dem Fahrrad gekommen sei. So muß ich uns also zu ihr fahren, was allerdings wegen fehlender Steigungen problemlos realisiert werden kann, dabei schmiegt sich M. an mich und lehnt ihren Kopf gegen meine Schulter, umarmt mich, um sich festzuhalten.

In der kapitalistischen Gesellschaft macht der gesellschaftliche Verstand sich immer erst post festum geltend.

Karl Marx

Der Konsum ist der einzige Sinn und Zweck der Produktion, und den Interessen der Produzenten sollte man nur insoweit Beachtung schenken als nötig ist, die der Verbraucher zu fördern.

Adam Smith

Man darf sagen, daß die halbe Arbeit der zivilisierten Welt der Erzeugung von Unrat dient, und daß die Hälfte ihres Einkommens aufgewendet wird, um ihn zu bezahlen.

Walther Rathenau

Die Liebe ist nur ein schmutziger Trick der Natur, um das Fortbestehen der Menschheit zu garantieren.

William Somerset Maugham

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