Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Entscheidung

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 1993-07-27/08-06, 2015-01-09/18

(1) Nacht von Mittwoch auf Donnerstag

Ich stelle fest, es wird eine Stunde dauern, bis die nächste Straßenbahn an der Haltestelle hält, es sei schon zu spät in der Nacht, beziehungsweise noch zu früh am Morgen.

M. erklärt, wie ärgerlich es für sie sei, daß sie ihr Fahrrad noch reparieren müsse, so daß sie heute auf die Straßenbahn angewiesen sei, und jetzt auch noch das, mitten in der Nacht stundenlang auf die nächste Straßenbahn warten ...

Ich schlage vor, wir könnten ein Stück gehen, zitiere scherzhaft nach Goethes Faust:
Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

Sie lacht, sie sei einverstanden, es sei sicher interessanter zu gehen und sich zu unterhalten, als sich hier zu langweilen, daher sei die Originalantwort
Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause gehn.

nicht passend.

Ich erwidere, ich hätte da bezüglich der Schönheit auch energisch widersprechen müssen:
Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
So etwas hab ich nie gesehn.

Sie alleine in der Nacht durch die Stadt gehen zu lassen, sei ebenfalls nicht nett. Sie lächelt verlegen. Ich frage, wo sie denn hin müsse; sie muß in die Südstadt. Bleibt nur noch der einzuschlagende Weg zu klären: Entlang der Straßenbahnlinie oder weiter rechts herüber direkt Richtung Maschsee. Sie hält letzteres für besser, wolle nicht unbedingt mitten in der Nacht durch die Innenstadt, also setzen wir uns in Richtung Sprengelmuseum in Bewegung.

Sie stellt fest: Es bleibe ein Konversationsthema zu wählen, das Theaterstück sei schon ausreichend bei C. diskutiert worden. Sie habe mich noch nie bei C. gesehen, was sie deshalb interessiere: Wie ich zu der Gruppe um C. gekommen sei.

Ich erkläre: Wir hätten uns einige Zeit aus den Augen verloren, Mittwoch Morgen jedoch zufällig wieder im Welfengarten getroffen und uns unterhalten. Sie habe mich dabei gefragt, ob ich Interesse an einer Karte für das Theaterstück habe, ihr Bekannter L. sei kurzfristig erkrankt, und ich würde vielleicht das Stück gerne sehen, wenn das bisher noch nicht geschehen sei. Ich bin einverstanden gewesen. Sie habe noch erzählt, es sei eine kleine Gruppe von Leuten. Anschließend wolle man bei ihr noch etwas plaudern, ich solle dann doch einfach mitkommen. So ist es dann ja auch geschehen.

M. erzählt, sie sei erst Anfang des Semesters durch ihre Kommilitonin und Freundin A. zu der Gruppe gestoßen, die ja auch dabei gewesen sei. An der späteren Diskussion habe sie es am interessantesten gefunden, als C. gegenüber F. habe einen Beweis bringen wollen, daß es keinen Gott gebe, zumal ja weder sie noch er an einen Gott glaubten. Daß ich dann den Beweis so energisch angegriffen habe, habe ihr gut gefallen, da sie an Gott glaube, aber in dem Moment nichts zu entgegnen gehabt habe.

Ich bin amüsiert, ich sei auch Atheist, jedoch habe ich es C. nicht so leicht machen wollen. Ihr Beweis sei ohnehin unhaltbar gewesen, so daß ich demgegenüber - um ein Wortspiel zu gebrauchen - den advocatus deo ruhig habe spielen können, da C. zudem wisse, daß ich Atheist sei, sei ihr auch klar gewesen, daß es nicht um die Verteidigung meiner persönlichen Meinung gegangen sei, sondern lediglich darum, ihre dargestellte Position zu prüfen, ob sie aus meiner Sicht haltbar sei oder nicht. Sie habe dann ja auch eingesehen, daß sie nur bewiesen habe, daß es diesen speziellen Gott, den sie hypothetisch vorausgesetzt habe, nicht geben könne. Damit habe sie aber noch lange nicht gezeigt, daß es überhaupt keinen Gott geben könne. Was sie vorgetragen habe und worüber sie mit F. zunächst gesprochen habe - Kann Gott einen Stein schaffen, den er nicht selbst aufheben kann - setze einen allmächtigen Gott voraus, ebenso gebe es Widerspruchsbeweise gegen Götter, die allwissend und allmächtig seien et cetera.

M. schaut mich erstaunt an: Ich akzeptiere also den Beweis?

Ich bestätige: Unter den Voraussetzungen schon, doch sei es ja leicht möglich, Götter mit irgendwelchen Eigenschaften vorauszusetzen, deren Widerlegung nicht so einfach oder gar nicht möglich sei.

So bleibe dem Atheisten also letztlich auch nichts anderes übrig, als an die Nicht-Existenz eines Gottes zu glauben, genau wie der Theist an die Existenz eines Gottes. Für letzteren bedeuteten die möglichen Gegenbeweise bezüglich gewisser Eigenschaften eines Gottes eigentlich nur, daß er seinen Gott darüber definieren müsse, welche Eigenschaften er nicht habe.

Sollte nicht der Mensch seine Ideen von Gott ebenso zweckmäßig weben können wie die Spinne ihr Netz zum Fliegenfang?

Georg Christoph Lichtenberg

Umgekehrt sei es allerdings den Gläubigen auch nicht möglich, einen positiven Beweis zu führen. Prominentes Beispiel sei Blaise Pascals Argumentation, warum es günstiger sei, an einen Gott zu glauben, als das nicht zu tun, etwa nach folgendem Muster:

Es sei nicht möglich, zu entscheiden, ob Gott existiere oder nicht.

Angenommen, man lehne den christlichen Glauben ab. Sei er tatsächlich falsch, bringe diese Annahme keinen Gewinn. Sei er wahr, komme man aber in die Hölle, oder es treffe einen zumindest Gottes Strafe, weil man Atheist sei.

Angenommen, man akzeptiere die christlichen Lehre. Sei sie falsch, bringe die Annahme keinen Verlust mit sich. Sei sie aber wahr, so komme man in den Himmel, beziehungsweise man werde von Gott belohnt.

Wenn man also an Gott glaube, habe man dadurch schlimmstenfalls keine Verluste, bestenfalls erspare man sich die Strafe Gottes und bekomme sogar noch eine Belohnung.

M. wirft ein, dann sei es doch erstaunlich, daß ich Atheist sei, ich erwidere jedoch, Pascal sei dabei von einer bestimmten Gottesdefinition ausgegangen, die für seine Argumentation günstig gewesen sei, um tatsächlich eine Beurteilung zu ermöglichen, müsse natürlich das ganze Spektrum der möglichen Götter berücksichtigt werden. Wenn man etwa von einem 'Antigott' ausgehe, der jene Strafe, die an ihn glaubten und jene belohne, die nicht an ihn glaubten, sei die Situation offenbar genau umgekehrt wie bei Pascal und letztlich sei man wieder am Ausgangspunkt angekommen. Man könne nicht beurteilen, was vorteilhafter sei, da ja die Hypothese der Existenz eines Gottes gleichwertig mit der eines 'Antigottes' sei, solange es eben keinen Beweis für die Existenz von genau einem von beiden gebe.

Als alternatives Gegenbeispiel denke man nur daran, daß ja viele Leute an ganz verschiedene Götter glauben. Formal könne man nicht wissen, welche es davon gäbe. Glaube man nun zufällig nicht an einen, den es gäbe, der aber alle strafe, die nicht an ihn glaubten, so sei man immer der Dumme bei Göttern mit Exklusivanspruch, denn bestenfalls stelle man davon einen zufrieden. Selbst wenn es unter all den Konzepten nur einen gäbe, sei die Wahrscheinlichkeit ja hoch, daß man gerade an den falschen glaube und man sei wahrscheinlich wieder der Dumme.

Da weiter der Gott nicht naturwissenschaftlich nachweisbar auf die Welt einwirke, egal ob er es könne oder nicht, indem plötzlich irgendwelche 'Naturgesetze' außer Kraft gesetzt werden, schränke sich für den Theisten die Möglichkeit für Eigenschaften ihres Gottes weiter ein auf eine bloße Existenz. Gott könne im Prinzip nicht mehr Beschützer der Menschen sein, da er damit nachweisbar in die Welt eingreifen müßte. Auch könne er die Menschen nicht für ihre Taten strafen, solange sie noch in dieser Welt seien. Lediglich wenn man postuliere, daß es ein Weiterleben nach dem Tode gebe - im Machtgebiet des Gottes - woran ich natürlich nicht glaube, sei dort ein Zugriff des Gottes auf den Menschen möglich, jenseits des Nachweises durch die Naturwissenschaft, also in einer komplett anderen Welt, die mit dieser in keiner Wechselwirkung stehe, deshalb sei auch unklar, wie eine Information von dieser in die andere Welt gelangen könne, wie das für ein Weiterleben nötig sei: Die Information über die Identität des Menschen müßte von dieser Welt in die andere gelangen, das hinterlasse in dieser Welt aber zwangsläufig im Prinzip meßbare Spuren.

M. wirft ein, ich könne ihr aber doch nicht vorschreiben, wie der Gott auszusehen habe, an den sie glauben könne. Ihr persönliches Gottesbild könne ihr schließlich niemand vorschreiben.

Ich stimme zu, natürlich könne das niemand, worum es im Prinzip nur gehe, sei, daß ein Gottesbild dann mit der Erfahrungswelt in Einklang stehen müsse, wenn versucht werden solle, mit einem anderen Teil der Welt in Wechselwirkung bezüglich dieses Gottesbildes zu treten, um etwa mit der Bezeichnung 'Gott' eine Kommunikation mit einem anderen Menschen zustande bringen zu können. 'Gott' als Begriff sei nur dann zur Kommunikation geeignet, wenn die beiden Kommunikationspartner in etwa das Gleiche unter dem Begriff verstehen, sonst sei es nur eine leere Worthülse.

Referenz sei letztlich die beiden objektiv zugängliche Erfahrungswelt und damit die Naturwissenschaft als approximative Beschreibung derselben. Werden nun einem Begriff 'Gott' Eigenschaften zugewiesen, die in der Erfahrungswelt, der Logik zu einem Widerspruch führen, könne dem Begriff nichts mehr zugeordnet werden, was in irgendeiner Weise mit der Erfahrungswelt in Wechselwirkung stehe. Dabei sei nicht gemeint, daß das bezeichnete Objekt nur gegensätzliche Eigenschaften enthalte, etwa könne eine Lampe hell und dunkel sein, jedoch nicht gleichzeitig bezüglich der gleichen Referenz.

Man könne sich natürlich persönliche Begriffe schaffen, ohne die Erfahrungswelt als Referenz oder mit einer sonst willkürlich gewählten Referenz, doch dann bezögen sich diese Begriffe zwangsläufig nicht auf die gemeinsame Erfahrungswelt der Kommunikationspartner. Es sei allerdings möglich, daß sich zwei Kommunikationspartner auf das gleiche, aber unabhängig von der Erfahrungswelt definierte Referenzsystem bezögen, das könne sehr interessant sein, zum Beispiel könne man so einfache mathematische Strukturen verstehen, über die man sich nur unterhalten könne, weil sie präzise und widerspruchsfrei definiert seien.

Die Mathematik handelt ausschließlich von den Beziehungen der Begriffe zueinander ohne Rücksicht auf deren Bezug zur Erfahrung.

Albert Einstein

M. fragt, wie denn meiner Meinung nach ein bezüglich der Erfahrungswelt widerspruchsfreier Gott aussehen könnte.

Ich erwidere, ich wisse es nicht, doch seien etwa Götter, die sich auf ein Leben nach dem Tode, also auf ein anderes Referenzsystem beziehen, immer möglich, oder allgemein Götter, die nicht mit diesem Universum in Wechselwirkung stehen. Meiner Meinung nach seien sie allerdings dadurch für diese Welt völlig redundant, eben weil sie nicht mit ihr wechselwirken. Hinsichtlich einer Götterwelt nach dem Tod sei aber wie gesagt nach aktuellem Erkenntnisstand auszuschließen, daß man eine Identität aus dieser Welt in eine andere ohne Rückwirkung auf diese Welt übertragen könne, womit man faktisch ausschließen könne, daß es in einer Götterwelt eine Fortsetzung dieser Welt geben könne, weil die Götterwelt keine Information über diese Welt habe.

M. gibt zu bedenken, durch die Religion werden den Menschen doch aber ethische Grundwerte geliefert, die es ermöglichen, überhaupt zusammenzuleben, wie könne ich da behaupten, daß das redundant sei.

Meine Antwort ist, es gebe ja auch äußerst destruktive religiöse Ansichten, außerdem hätten die ethischen Grundwerte ja im Prinzip nichts mit der Existenz eines Gottes zu tun, entscheidend sei nur ihr Inhalt, der natürlich für jeden von Interesse sein könne, unabhängig von einem Gott.

Es seien doch aber Gottes Gebote und Gottes Sohn Christus, der Nächstenliebe gefordert habe, also sei doch Gott unauflöslich damit verbunden. Durch Gottes Liebe gebe es doch nur die Menschen, meint sie, worauf ich sage, daß Gott ja von den Christen eigentlich nicht mehr als Handlungsmotivation für das richtige Leben gesehen werden könne, denn wäre dann nicht der Atheist, der aus eigener Überzeugung gut handele, nicht der bessere Mensch, weil er aus seinem Innersten heraus handele, ohne sich von einem Gott dafür etwas erhoffen zu können?

Ich fahre fort, darum gehe es etwa auch um eine Geschichte von Bertolt Brecht über Herrn K., der auch gefragt wird, ob es einen Gott gibt. K. macht die Relevanz der Annahme allein davon abhängig, ob dies etwas am Verhalten ändern würde. Ist das Verhalten unabhängig von der Annahme der Existenz eines Gottes, ist die Annahme redundant, ansonsten ist die Annahme der Existenz eines Gottes vorteilhaft. Bertolt Brecht scheine ebenfalls vorschnell ähnlich wie Blaise Pascal davon auszugehen, daß Glaube den Gläubigen positiv beeinflusse, ihn im Zweifelsfalle also altruistischer mache oder anderweitig vorteilhafte Konsequenzen habe. Es gebe allerdings zahllose Beispiele in der Geschichte der Menschheit, die belegen, daß aus dem Glauben auch üble Katastrophen für andere oder auch für den Gläubigen selbst folgen können, etwa bei Religionskriegen und ähnlichen Metzeleien.

Sie lächelt unsicher. Es sei ja kein Tauschgeschäft mit Gott, auch der Christ müsse aus eigener Überzeugung heraus gut handeln und dürfe für seine guten Taten nichts von Gott verlangen. Da es keine unmittelbare Belohnung für gute Taten gebe, sei es schon wahr, daß nach dem heutigen Verständnis von Gott dieser nicht direkt auf die Menschen oder die Welt einwirke. Letztlich, so stimmt sie mir zu, seien es wirklich nur die ethischen Werte, die von Bedeutung seien, insofern könnten wir einen Konsens erzielen, doch ob es einen Gott gebe oder nicht, da könne ich sie kaum überzeugen.

Ich versichere, das sei auch gar nicht meine Absicht gewesen, entscheidend sei ja nur eine Toleranz gegenüber anderen Ansichten und Menschen als Minimum an Grundwerten nach dem Motto: was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu. Die Nächstenliebe, im Sinne einer Unterstützung aller Mitmenschen sei eine noch weit darüber hinausgehende Forderung an das gute Handeln. Es sei nicht damit getan, anderen nur nicht schaden zu wollen, weil Gesetze oder allgemeine Verhaltensnormen es verlangten, es müsse tief im Menschen verankert sein, anderen nicht absichtlich Schaden zufügen zu wollen und unabsichtlichen Schaden zu vermeiden zu trachten.

Man habe so eine gewisse Verantwortung für seine Mitmenschen, man lasse sie nicht einfach im Elend neben sich liegen und gehe achtlos vorbei, wenn ihnen Leid geschehe, sondern man müsse versuchen, sie beim Überleben, vielleicht sogar bei ihrer Selbstverwirklichung zu unterstützen, statt nur auf den eigenen Vorteil zu sehen. Vor allem müsse man Achtung vor ihnen haben, denn es seien Mitmenschen, die man nicht wie Dinge behandeln dürfe, wie Ressourcen für den eigenen Vorteil oder als Punching-Ball, an dem man seine Aggressionen auslassen könne. Wenn man sie schon nicht unterstützen wolle, müsse man wenigstens den Menschen in ihnen sehen und sie entsprechend behandeln, mit Würde.

Ideal sei es natürlich, wenn man bereit sei, ihre Entwicklung zu fördern, ihnen ihr Leben zu erleichtern, wenn ihre Existenz bedroht sei, müsse man helfen, denn es seien Menschen wie man selbst. Ich müsse aber zugeben, daß das Ideal nicht leicht zu realisieren sei, wenn auf einem überbevölkerten Planeten Millionen hungerten, Kriege geführt werden und sich sonst kaum jemand daran halte. Wenn die Aussage des Philosophen Christus gewesen sei: "Seid nett zueinander", so habe das offenbar in den vergangenen 2000 Jahren nicht den erwünschten Effekt gehabt, und doch dürfe man sich nicht auf die Seite der Starken schlagen, die glaubten, sie hätten Recht, weil sie die Macht haben, ihren Willen durchzusetzen.

Sie meint, Nächstenliebe zu praktizieren, sei immer schwer gewesen, und wir schweigen, sind inzwischen am Maschsee angelangt.

Ich sage, damit sei die Gretchenfrage ja nun geklärt, doch da nur sie wisse, wie es jetzt zu ihrer Wohnung weitergehe, müsse sie die weitere Führung übernehmen, wenn sie wolle, daß ich sie in Anbetracht der frühen Stunde bis zu ihrer Haustür geleite. Sie nickt, von hier aus kenne sie den Weg genau.

Was ihr gerade noch einfalle, wir hätten ja außer über das heute gesehene Theaterstück noch über ein anderes gesprochen, sie habe nicht verstanden, warum ich bei C. diesbezüglich eine ironische Bemerkung über Frau (?) aus dem Theaterstück von G. gemacht habe.

Ich erwidere, G. habe doch in der besprochenen Szene dargestellt, wie (?) geradezu den Verstand verloren habe, als sie sich in (??) verliebt habe, sie sei offenbar zu keinem klaren Gedanken mehr fähig gewesen, in ihrer Hilflosigkeit und dadurch, daß sie sich so (??) ausliefere, habe G. aus heutiger Sicht das damalige Frauenbild treffend karikiert. Einer so rührenden Szene könne man nur mit Ironie begegnen, wenn man nicht selbst gerührt werden wolle.

Sie schaut mich von der Seite an, aber man könne sich doch nicht darüber lächerlich machen, wenn sich jemand verliebe, man könne sich doch kaum dagegen wehren, aus ihrer Sicht habe das wenig mit dem damaligen Frauenbild zu tun, einem Mann könne es doch im Prinzip genauso gehen, und die Gefühle von (?) und ihr Verhalten seien doch gut nachzuvollziehen.

Ich widerspreche, ich hätte mich ja nicht über (?)s Gefühle lächerlich gemacht, aber natürlich fordere es schon die Ironie heraus, wenn G. (?) so völlig die Kontrolle über sich verlieren lassen, sie nur noch blind ihren Gefühlen, Trieben folge, wodurch (??)s Verhalten sie ja erst so enttäuschen könne. Natürlich liege die Schuld vor allem auf (??)s Seite, der nur mit ihr gespielt habe, auch wenn er etwas anderes behauptet habe, er sei der Schuft - auch ein getroffenes Klischee, wie die Liebende, die vor Liebe den Verstand verliere.

M. fährt fort, für den Zustand des Verliebtseins sei es allerdings notwendig, 'den Verstand zu verlieren' oder sich dem Geliebten völlig auszuliefern, wenn man verliebt sein wolle. Anschließend gelte es dann, aktiv zu werden, um den Verstand wiederzufinden. Sie selbst sei sehr getroffen, wie ich sage 'gerührt' gewesen, als sie das Stück gesehen habe.

Sie zögert einen Moment, schaut mich von der Seite an, fährt dann fort: Die Darstellung des Verliebtseins erinnere sie an eine junge Frau, die sich mit Freunden und Bekannten zu einem Theaterstück habe treffen wollen. Vor dem Theater sei dann noch ein junger, ihr unbekannter Mann hinzugekommen, der ihr sofort gefallen habe. Er wird von einer Freundin C. allen anderen vorgestellt als ein alter Bekannter von ihr. Die junge Frau schaut ihn an, von oben bis unten, und der Mann gefällt ihr immer noch. Ihre Blicke treffen sich und bleiben ein paar wundervolle Augenblicke aneinander hängen, sie lächelt und schlägt verlegen die Augen nieder. In der Vorstellung gelingt es ihr kaum, sich auf das Stück zu konzentrieren. Im Halbdunkel der Sitzreihen trifft ihr Blick immer wieder sein Antlitz. Sie weiß nicht, wieso, aber offenbar hat sie sich in ihn verliebt. Nach dem Theaterbesuch will man sich noch ein wenig bei der Freundin C. unterhalten, es trifft sich, daß sie wie er auch den Weg dahin zu Fuß gehen. Sie ist froh, daß sie für diesen Abend ein schickes Kleid angezogen hat und richtet es so ein, daß sie neben A. vor ihm geht und hofft, daß er sie anschaut, während er sich mit C., soweit sie es mitbekommt, über den Fortgang seines Physikstudiums unterhält, sie scheinen dabei an ein schon begonnenes Gespräch vom Vormittag anzuschließen. Die junge Frau hofft auf seine Blicke auf ihren Beinen, ihren Armen, ihrem Po, ihrem Rücken, was ihr kalte und heiße Schauer über denselben jagt. Bei C. angekommen richtet sie es so ein, daß sie ihm gegenüber sitzt, so daß sie ihn gut sehen kann und vor allem umgekehrt. Ihre Blicke zieht es immer wieder zu ihm hin, und wenn sich ihre Blicke treffen, senkt sie den ihren immer verlegen und unmerklich lächelnd. Das müßte ihm doch hoffentlich auffallen? Seiner Stimme, seinen Worten hört sie gut zu. Einerseits ist sie so froh über seine Anwesenheit, anderseits muß sie befürchten, daß sie ihn nie wiedersehen wird. Als der allgemeine Aufbruch beginnt, trifft es sich daher gut, daß sie beide mit der Straßenbahn fahren wollen, während die anderen mit dem Fahrrad da sind oder zu Fuß gehen, weil sie in der Nähe wohnen. So sind sie alleine an der Haltestelle. Ihr Herz schlägt aufgeregt, sie fragt sich, was sie tun kann. Als sie erfährt, wie lange es dauert, bis die nächste Bahn kommt, tut sie nur so, als ärgere sie das, ein weiterer Aufschub. Als er vorschlägt, zu Fuß zu gehen, steigert sich ihre Aufregung noch und sie ist einverstanden. Kann sie sein Angebot, sie zu begleiten, als Annäherung interpretieren? Sie unterhalten sich, und einiges, was er sagt, sollte sie etwas beunruhigen, da sie anders denkt, doch sie ist verliebt, und ihr Verstand, soweit noch vorhanden, mahnt sie einerseits zur Vorsicht und nichts zu überstürzen, andererseits unterstützt er sie dabei, seine Worte so zu verstehen, daß sie in gewisser Weise mit einigem einverstanden sein kann.

M. schaut zu Boden, fragt mich, ob mir nicht Ähnliches bekannt sei, nicht lächerlich, sondern aufregend schön?

Ich überlege einen Moment, nicke. Etwas ganz ähnliches sei mir von einem jungen Mann bekannt. Eine alte Bekannte C. habe ihm vorgeschlagen, mit ihr und einigen anderen ein Theaterstück zu besuchen. Vor dem Theater habe C. ihn ihren anderen Bekannten vorgestellt, unter den attraktiven jungen Damen sei ihm eine gleich besonders aufgefallen, ein paar Jahre jünger als er, zierliche Figur, lange, dunkle, lockige Haare, insgesamt sehr schön und aufregend, vor allem aber hat sie ein interessantes Gesicht mit einem atemberaubenden Lächeln. Es gefällt ihm, wie sie sich bewegt, wie und was sie spricht, wie sie ihn anschaut, obwohl er nicht weiß, was sie mit ihren Blicken zu finden hofft. Als sich ihre Blicke treffen, ruhen ihre dunklen Augen einen Augenblick zu lange in den seinen, so daß er beinahe erleichtert ist, als sie die Augen lächelnd niederschlägt, er hätte seine nicht zu lösen vermocht. Das köstliche Lächeln ihrer Lippen aber gräbt sich in seine Erinnerung. Während des Stückes wagt er nicht, zu ihr hinüber zu schauen, vielmehr konzentriert er sich ganz auf die Darbietung der Schauspieler, er weiß, wenn er nur einmal zu ihr schaut, wird er es die ganze Vorstellung wieder tun müssen und er hätte nichts mehr vom Stück. Obwohl sie drei Stühle weiter sitzt, versetzt ihn schon das bloße Wissen ihrer Anwesenheit in eine gewisse wohlige Unruhe. Anschließend auf dem Weg zu C. wird er für seinen vorherigen Verzicht übermäßig entschädigt: sie geht vor ihm. Begierig saugen seine Blicke jede ihrer Bewegungen auf, die eleganten Schritte ihrer schlanken, nackten, wohlgeformten Beine, seine Blicke streicheln ihren ganzen Körper, gern hätte er jetzt ihre zarten Finger in seinen Händen gehalten, den Duft ihrer Haare ganz dicht bei ihr tief eingesogen. Es gelingt ihm nur mit Mühe, sich mit C. zu unterhalten. Seine Blicke tasten über ihre Arme, das enge Kleid, beinahe meint er, sie müsse seine bewundernden Blicke auf ihrer Haut spüren, befürchtet, sie werde sich jeden Moment umdrehen und ihn ertappen, wie er jeden Quadratzentimeter ihrer Haut in sich aufnimmt, jede Locke ihrer Haare mit seinen Augen umspielt, wie seine Blicke ihr das enge Kleid, unter dem sich ihr schöner Körper abzeichnet vom Leib zu zerren trachten. Bei C. angekommen, sitzt sie ihm gegenüber, so kann er sie von vorne betrachten. Ihre nackten Beine hat sie seitlich übereinandergelegt, mit einer Hand stützt sie sich am Boden ab, er folgt den Linien ihres Körpers, der sich auch vorne deutlich unter dem Kleid abzeichnet, sein Blick fährt immer wieder über ihre Beine, bis zu ihren süßen Füßen, die er sehen kann, weil sie ihre flachen Schuhe ausgezogen hat. Sein Blick streift durch ihre Haare, über ihren Busen, ihre Brüste und tiefer, er kann sich kaum noch auf das Gespräch konzentrieren, an dem sie sich kaum beteiligt, so daß er ihre Stimme nur wenig zu hören bekommt und nicht viel über sie erfährt. Säßen sie nebeneinander, könnte eine wie zufällig wirkende Berührung vielleicht zu einer Reaktion, eventuell sogar zu einem kleinen Spiel führen? überlegt er, aber so bleibt ihm nur, sie von Zeit zu Zeit zu ertappen, wie sie auch ihn anschaut. Als die Runde beschließt aufzubrechen, stellt sich heraus, daß auch sie mit der Straßenbahn fahren will, was eine Möglichkeit ergäbe, mit ihr zu sprechen, unverbindliche Konversation oder eine Chance, sie näher kennenzulernen, denkt er, doch wie das am besten anstellen? Es stellt sich heraus, daß es schon so spät ist, daß es über eine Stunde bis zur nächsten Straßenbahn dauern wird. Seinen Vorschlag zu gehen nimmt sie zum Glück an. Wie ein Pfau seine Federn breitet er seine Worte vor ihr aus, er kann nicht anders, obwohl es beinahe peinlich ist, statt sie mehr sprechen zu lassen, um mehr über sie zu erfahren, breitet er vor ihr die ihm schon lange bekannten Thesen aus.

Wir schauen uns jetzt an.

Eine zufällige Berührung, geht sie auf meine Darstellung ein, ja, berührt hätten wir uns bisher nicht, dabei fährt ihr Mittelfinger, mich kaum wirklich berührend über meinen Handrücken. Wir schauen, wie sie sich sanft berühren, stehen uns jetzt gegenüber, einen Moment wie eine Ewigkeit genießen wir das Spiel ihrer Finger auf meiner Hand, bis es plötzlich zu regnen beginnt, es schüttet ziemlich heftig, ein Sommergewitter. So packt sie entschlossen meine Hand, zieht mich hinter sich her, ruft "komm, schnell" und wir laufen ohne zu sprechen durch die Straßen dicht an den Hauswänden entlang. Ich spüre, wie sie bei jedem Donner ein wenig zusammenzuckt, bis wir dann dort angekommen sind, wo sie wohnt.

Sie schließt auf, wir treten in den Hausflur. Sie steht mir dicht gegenüber, hält in jeder ihrer Hände eine der meinen, deutlich rieche ich den Duft ihres nassen Haares. Sie schaut mir in die Augen, schluckt, beginnt zu sprechen, während ein Regentropfen über ihre Schläfe und Wange herabläuft, von ihrem Kinn herabtropft. Sie möchte diese Nacht weiter mit mir reden, anschließend in meinen Armen einschlafen, mehr aber heute nicht, ob ich einverstanden sei? fragt sie, ich nicke, und sie nimmt mich mit hoch, öffnet die Wohnungstür, wir treten ein.

Obwohl wir ganz naß sind, führt sie mich gleich in ihr Zimmer, ich solle einen Moment warten, sie geht einen Augenblick hinaus, kommt gleich mit einem Handtuch wieder. Sie werde ihre nassen Sachen im Badezimmer ausziehen, ich solle mich hier bis auf den Slip entkleiden, abtrocknen und ins Bett gehen, sie werde dann unsere Sachen zum Trocknen aufhängen. Sie geht wieder hinaus, und ich tue, was sie vorgeschlagen hat, trockne mich ab, lege mich in ihr Bett. Sie kommt bald darauf im Bademantel wieder, nimmt meine Sachen und das Handtuch und bringt alles weg, kommt dann wieder, fordert mich auf, mich zur Wand zu drehen, sie wolle ein Nachthemd anziehen. Ich tue, was sie möchte, und ich höre das aufregende Rascheln von Bademantel und Nachthemd, dann ein paar Schritte.

Ich könne mich jetzt wieder umdrehen, stellt sie fest, fragt mich, wann ich aufstehen müsse, ich erwidere, um 9 ct müsse ich zu einer Vorlesung im Institut sein, vorher müsse ich noch nach Hause, meine Tasche mit Schreibmaterial holen. Sie erklärt, sie müsse bereits um 8 ct da sein, nennt die Zeit, die sie für sich am Uhrenradio einstellen will, ob mir das reiche, ich könne hier frühstücken? Ich überlege einen Moment, sage ja. Sie stellt den Wecker, löscht das Licht.

Es ist nun ziemlich dunkel, nur vom Fenster fällt noch Licht herein, ich sehe nur ihre Umrisse, sie kommt auf mich zu, setzt sich auf das Fußende des Bettes. Um ihr Platz zu machen, ziehe ich die Beine etwas an, sie schiebt ihre Füße unter die Bettdecke. Ich spüre, wie diese noch ganz kalt über die meinen streichen, und während des folgenden Gesprächs spielen sie weiter miteinander.

Sie beginnt: Wir seien mit dem letzten Thema noch nicht fertig gewesen; sie habe immer noch nicht verstanden, wie ich so eine ironische Äußerung über die verliebte (?) machen könne, wenn uns doch gerade dasselbe passiert sei.

Ich überlege einen Moment, dann antworte ich: Der Verstand des Menschen werde im allgemeinen schon viel zu hoch eingeschätzt, doch bei der Liebe, setze er da nicht völlig aus? Seien wir dann nicht nur noch durch unsere Triebe gesteuert? Ich sehe diese schöne junge Frau M., verliebe mich in sie, begehre sie. Das Verlangen, den Geschlechtstrieb zu befriedigen werde immer größer, ich bewundere ihre Schönheit, ihren Körper, ich will sie haben, sie umarmen, Geschlechtsverkehr mit ihr haben. Nur der Verstand wehrt sich dagegen und sorgt dafür, daß ich mich anständig verhalte, so daß für sie keine Gefahr bestehe, daß die Vereinbarung an der Haustür nicht eingehalten werde. Die Frage sei aber doch, ob die Liebe nicht nur ein gedanklicher Überbau für den Geschlechts- oder Vermehrungstrieb sei, als wolle der Verstand rechtfertigen, daß er so außer Kontrolle gerate und dieser Urtrieb ihn so mühelos überflügele? Zudem, man müsse sich ja auch selbst nicht immer so ernst nehmen, warum also nicht ironisch kommentieren, was einem gerade selbst widerfahre?

Einer ihrer Füße streicht an meinem Unterschenkel hoch, auch in ihr sei das Verlangen groß, aber da ich schon sagte, daß mein Verstand sehr wohl die Kontrolle behalten könne, wenn ich das wolle, wie auch sie die Kontrolle über sich behalten könne, könne doch gar nicht die Rede davon sein, daß sich der Verstand völlig ausschalte oder sich unseren Trieben völlig unterordne. Also steuere der Trieb nicht ausschließlich unser Verhalten, und so sei auch die Liebe viel mehr als nur ein bloßer gedanklicher Überbau, eine Sublimation des Sexualtriebes. Sie gibt mir natürlich in der Hinsicht recht, als man sich selbst nicht immer so ernst nehmen muß.

Ich bitte sie, ihre These genauer zu erklären, was sie auch tut, ich lausche dem, was sie sagt, genieße ihre Stimme, ihre Worte, die Art ihrer Argumentation, ihre Nähe, die Berührungen ihre Zehen während sie spricht.

M. erläutert, es sei schwierig, die richtigen Worte zu finden, für sie sei die Liebe das Verlangen nach vollkommener Vereinigung mit genau einer Person, das beziehe sich nicht nur auf die geschlechtliche Vereinigung, es beziehe beide Menschen ganz mit ein, ihr ganzes Denken und Handeln. Im Gegensatz zu Nächstenliebe sei die erotische Liebe ausschließlich auf den Geliebten bezogen, während die schon kurz angesprochene Nächstenliebe jeden anderen Menschen mit einbeziehe. In der erotischen Liebe werde der Mensch in dieser einen Person geliebt, die ganze Intensität des Gefühls gelte diesem einen Individuum, ohne allerdings die Nächstenliebe deswegen aufgeben zu müssen, im Gegenteil, wer nicht in gewissem Maße zur Nächstenliebe, also zur Liebe eines jeden Menschen fähig sei, könne auch unmöglich die Fähigkeit besitzen, einen einzelnen zu lieben. Die Liebe falle einem so auch nicht einfach so zu, wie das wäre, wenn der Geschlechtstrieb alles wäre und der Begriff Liebe nur ein gedanklicher Überbau, eine Rechtfertigung des Verhaltens sei, vielmehr sei die Liebe eine Fähigkeit, die man erlernen müsse.

Ich hätte ja gesagt, der Verstand des Menschen werde immer überbewertet, doch immerhin sei es durch ihn erst möglich, ein Bewußtsein, ein Ich zu entwickeln, nicht nur auf die eigene Umwelt zu reagieren, sondern aktiv zu agieren. Allerdings führe dies auch gleichzeitig zu einer Trennung zwischen der Welt und dem Ich. Der Mensch stehe der Welt plötzlich allein gegenüber und sei nicht mehr Teil von ihr. Wenn der Geliebte als Teil der Außenwelt zu ihrem Repräsentanten werde, sei die Liebe eine Möglichkeit zur Vereinigung mit dieser Außenwelt, die Überwindung der Einsamkeit des Ichs. Damit könne der Liebende die Angst vor dem Alleinsein gegenüber der Welt überwinden, zumal wenn er spüre, daß er vom Geliebten wiedergeliebt werde.

Ich werfe ein, ob nicht auch die Erforschung der Zusammenhänge in der Welt, das Streben nach Erkenntnis über sie durch die Wissenschaft,
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,

ebenfalls einen Versuch zur Überwindung des Getrenntseins von Ich und Außenwelt darstelle, indem das Ich erfahre, wie diese Außenwelt funktioniere. Dadurch werde doch eine gezielte Reaktion erst möglich, durch das Wissen könne die Angst vor dem Unbekannten überwunden werden. Wenn der Mensch die Gesetze kenne, nach der die Außenwelt ablaufe, sei es ihm doch wieder möglich, eine Einheit mit ihr herzustellen, indem er gezielt diese Gesetze ausnutze. Seine Fähigkeit, seiner Umwelt eine Ordnung aufzuprägen, diene doch dazu, die Distanz zwischen dem Ich und der Außenwelt zu überbrücken.

Sie erwidert, das gewonnene Wissen über die Welt führe zwar dazu, daß man sie besser kennenlerne, die Sehnsucht nach der Vereinigung mit der Welt könne damit aber nicht gestillt werden, denn das Ausnutzen des Wissens mittels der Technik führe nicht zum Einssein mit der Welt, der Mensch schaffe sich höchstens eine eigene Umwelt, doch durch die technischen Katastrophen bleibe ihm trotzdem die Angst vor dem Getrenntsein von der Außenwelt erhalten. Außerdem blieben immer noch die anderen Menschen als Gegenüber, als das nicht Erfahrbare. Es sei nicht möglich zu wissen, wie es sei, der andere zu sein.

Ich ergänze: Das Wissen durch die Wissenschaft über die Erfahrungswelt sei ja auch immer approximativ, daher sei durch die Naturwissenschaften die Welt nur näherungsweise erfaßbar. Selbst wenn es eine Weltformel einmal geben sollte, wäre es wegen der endlichen Meß- und Rechengenauigkeit niemals möglich, zu beweisen, daß sie die Realität exakt beschreibe, außerdem sei sie dann wahrscheinlich so geartet, daß für praktische Zwecke wieder Näherungen gebraucht werden müßten.

Sie meint: Daher sei die Vereinigung mit der Welt nur erlebbar, nicht erforschbar. Das naturwissenschaftliche Modell ermögliche das Leben im Getrenntsein, nur die Liebe ermögliche das Erleben der Vereinigung. Erlebbar sei sie zum Beispiel auch im Moment der höchsten Lust bei der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau oder repräsentativ, wenn man den Geliebten durch Erleben kennenlerne, wenn man sein Ich erlebe, was möglich sei, wenn dieser dem Liebenden vertraue und sich ihm nicht nur im Liebesakt sondern auch sonst ganz öffne und hingebe.

Die Liebe dürfe nicht mit dem 'Sichverlieben', der romantischen Liebe verwechselt werden, dabei regiere tatsächlich nur der Geschlechtstrieb. Zunächst sei man fasziniert von dem anderen, die Neugier auf das Unbekannte im Gegenüber fasziniere beide, doch durch die sexuelle Bekanntschaft glaube man, den anderen schon kennengelernt zu haben, so daß nicht weiter gesucht werde, nicht mehr in dem anderen vermutet werde. So werde der Geschlechtsakt zur Gewohnheit und verliere seine Faszination, und es bleibe nur der einzige Moment der Vereinigung durch den Orgasmus. So werde der andere schnell langweilig, und es werde Zeit, sich eine neue Bekanntschaft zu suchen, die wieder unbekannt und faszinierend sei, bis auch diese flüchtige sexuelle Gemeinschaft wieder langweilig werde. Dabei blieben sich die beiden im Grunde immer fremd, lernten bestenfalls, das sexuelle Verlangen, den Trieb des anderen kurzfristig zu befriedigen.

Ihr sei das nicht genug, sie wolle jemanden richtig lieben, statt es nur mit ihm zu treiben und anschließend in Traurigkeit zu verfallen, weil außer in dem Moment der Erlösung doch wieder das Alleinsein da sei, sie so der Einsamkeit nicht entkommen könne. Die romantische Liebe sei auch eine Sehnsucht nach der Liebe des anderen, das Verlangen nach Anerkennung, nach dem Akzeptiertsein, doch sei der daraus resultierende Geschlechtsverkehr keine erotische Liebe.

Die Liebe sei auch kein Geschäft und die beiden Liebespartner auch keine Waren, die sich gegenseitig anbieten. Der Geschlechtsakt zwischen den Liebenden sei keine gegenseitige Dienstleistung.

Trotz der Exklusivität der erotischen Liebe dürfe nicht vom anderen Besitz ergriffen werden, die Individualität beider müsse gewahrt bleiben, denn die Liebe gelte ja der ganzen anderen Person. Die Liebe dürfe aber auch nicht zum Egoismus zu zweit ausarten, denn der Geliebte sei ja nur ein Repräsentant der Welt. Das Gebot der Nächstenliebe gelte weiter, wie sie schon ausgeführt habe.

Voraussetzung für die echte erotische Liebe sei, daß das ganze Ich an der Liebe beteiligt sei, die Liebe aus dem ganzen Sein des Menschen resultiere und dem ganzen Menschen gelte. Nur mit einem einzigen Menschen sei eine solche Vereinigung mit ganzer Intensität möglich. Wenn es schon schwierig sei, sich selbst zu kennen, sei dies noch erheblich schwieriger bei einem anderen und so könne das Kennenlernen durch Erleben des anderen höchstens durch volle Konzentration auf das geliebte beziehungsweise das zu liebende Individuum erreicht werden.

Liebe sei vor allem ein Akt des Willens, wenn sie mich lieben wolle, gehe dem ein eindeutiger Entschluß voraus, sie müsse sich eindeutig für mich entscheiden, so werde die Liebe nicht wie das 'Sichverlieben' der romantischen Liebe gewissermaßen erlitten, sondern sie werde durch die Entscheidung und durch das ausschließliche Bemühen um die Beziehung erschaffen. So entstehe die Liebe aus einem schöpferischen Akt. Während bei der romantischen Liebe also die Liebe für das Resultat einer spontanen emotionalen Reaktion gehalten werde, also gewissermaßen nur durch den Geschlechtstrieb erlitten werde, setze die erotische Liebe eine bewußte Entscheidung und ein planvolles Handeln und bewußtes Erleben des anderen voraus.

Im Gegensatz zur Nächstenliebe, die allen Mitmenschen gelte, weil sie das Gleiche in allen sehe, eben das Menschsein, beziehe sich die erotische Liebe auf einen Menschen mit seinen individuellen Eigenschaften, die anziehend auf den Liebenden wirken, sein Interesse wecken, seine Bereitschaft zu lieben.

Sie legt sich jetzt zu mir unter die Decke, das Bett ist für zwei Personen etwas eng, so schmiegt sie sich ohne Zögern dicht an mich, wir umarmen uns. Deutlich spüre ich die Konturen ihres Körpers, ihre Brüste, ihre Arme und Beine. Ich rieche die Nässe des Regenschauers in ihren nur flüchtig abgetrockneten und noch nicht ganz trockenen Haaren. Ich spüre ihre Hände auf meinen Schulterblättern, sie schaut mich durch die Dunkelheit an, es sei schwierig, das so zu formulieren, sie wolle mich zwar überzeugen, daß Liebe nicht nur ein gedanklicher Überbau des Geschlechtstriebes sei, doch wisse sie nicht, ob ihr Versuch so überzeugend gewesen sei.

Ich meine, vieles sei ganz plausibel, doch gebe es da auch viele bloße Thesen, die in der Kürze kaum von ihr begründet worden seien, doch immerhin müsse ich einräumen, daß sie Recht haben könne.

Ich erläutere weiter, meine anfänglichen Thesen seien ja auch nur Fragen gewesen, nicht meine Meinung, ich wisse nicht so genau wie sie, wie ich die Liebe zu verstehen habe, doch was sie vorgebracht habe, sei sicherlich ein erstrebenswertes Ziel, doch sei ich mir nicht sicher, ob es realistisch sei, ob nicht die Anforderungen an das Liebespaar sehr hoch seien, man müsse dabei ja auch sehen, daß sie mit diesen Thesen doch wohl der Mehrzahl ihrer Mitmenschen die Liebesfähigkeit im Grunde genommen abspreche.

Sie stimmt zu, es besäßen tatsächlich nicht viele Menschen die Fähigkeit zu lieben, deswegen gebe es ja immer wieder die Enttäuschungen, wenn die romantische Liebe immer wieder schnell zuende gehe, statt wie angenommen und erhofft 'ewig' zu dauern. Wenn die Liebenden dann gescheitert seien, müßten sie immer wieder mit einem neuen Partner von vorne beginnen, wie Sisyphus immer wieder den Felsbrocken den Berg hinaufwälzen müsse, der ihm dann im letzten Augenblick immer wieder entgleite.

Sie habe schon eine zeitlang nach jemandem gesucht, mit dem es sich lohne, wenigstens zu versuchen, sich in etwa so zu lieben, wie sie das versucht habe darzustellen. Auch sie sei sich klar darüber, daß das alles nur schwer zu realisieren sei, aber man werde in einer Beziehung ja auch lernen können, wenn man miteinander Geduld habe, Fehler könnten korrigiert werden, wenn sie erkannt seien, und man könne es dann besser machen. Wenn man miteinander über alles reden, auf den anderen eingehen könne, sei es vielleicht möglich, sich dem Ideal zu nähern.

Ich stimme zu, ein Ideal sei es, welches man zu erreichen trachten könne. Ich frage nach, ob sie wirklich meine, daß, um sich zu lieben, eine bewußte Entscheidung nötig sei.

Sie bestätigt, ja, davon sei sie überzeugt, das unterscheide unter anderem das Verliebtsein von der Liebe. Das 'Sichverlieben' könne einen gewissermaßen jederzeit erwischen, wie es ja wohl auch bei uns passiert sei, doch um zu lieben sei eine bewußte Entscheidung, ein Entschluß nötig.

Ich werfe ein, ob es nicht möglich sei, daß einem nur plötzlich bewußt werde, daß man diesen Entschluß schon längst getroffen habe, was sich im Verhalten schon lange niedergeschlagen habe, lediglich das Ich, das Bewußtsein habe das noch nicht mitbekommen.

Sie räumt ein, möglich sei das in gewissem Ausmaße, doch letztlich müsse man mit dem ganzen Ich, der ganzen Persönlichkeit lieben und so bleibe es letztlich dabei, durch die bewußte Entscheidung erst beginne die Liebe, beziehungsweise könne das ganze Ich an der Liebe erst teilhaben.

M. meint nun, sie sei müde, schon bald müßten wir wieder aufstehen, wir sollten versuchen zu schlafen. Ich lege mich auf den Rücken, und sie legt ihren Kopf in meine linke Armbeuge und schläft schon bald ein, wie auch ich wenig später.

Es gilt also, um alles zusammenzufassen, die Liebe dem dauernden Besitz des Guten.

Diotima im Gastmahl von Platon

Was Prügel sind, weiß jeder; was Liebe ist, hat noch niemand herausgefunden.

Heinrich Heine

Ich will geliebt sein oder ich will begriffen sein. Das ist eins.

Bettina von Arnim

Die Liebe auf den ersten Blick ist die am weitesten verbreitete Augenkrankheit.

Gino Cervi

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