Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

20. Grenzübergang

An diesem Morgen wachte Gundula auf und fand sich wieder eng an ihren Geliebten geschmiegt in einem Bett aus Heu. Sie spürte seine friedlichen, gleichmäßigen Atemzüge. Zu was für einem Erlebnis hatte er ihr verholfen? Sie würde noch eine ganze Weile brauchen, um zu verarbeiten, zu was ihr Paul in der letzten Nacht verholfen hatte. Theoretisch wußte sie natürlich, daß es das gab, aber sie hatte ja gedacht, über den Dingen zu stehen und hatte sich damit immer wieder geirrt und seit sie Paul kannte und dann so intensiv geküßt hatte, hatte sie natürlich eigentlich bereits gewußt, daß sie sich auch in diesem Punkt geirrt hatte. Gut, prinzipiell hatte sie bedingt durch versehentliche Berührung geahnt, daß da auch etwas bei ihr passieren konnte, war aber davor zurückgeschreckt und hatte es nie selbst probiert, das vertieft, sondern im Gegenteil sofort rigoros zurückgedrängt.

Sie hatte sich Paul ganz ausgeliefert und er hatte gewagt, was sie sich selbst nicht getraut hatte. Es war also gut und richtig gewesen, alles ihm zu überlassen, sich ganz fallenzulassen und ihm zu vertrauen. Er ließ sich und ihr Zeit und ging auf sie ein. Prinzipiell hatte sie gewußt, daß man bei dieser Angelegenheit allerhand machen konnte, sie hatte aber nicht geahnt, daß das geht, was Paul getan hatte. Und wie ihr schien, hatte er es sehr gezielt getan, wobei sie eigentlich gar nicht so im Detail sagen konnte, was er im einzelnen alles getan hatte, sie hatte so im Rückblick komplett den Überblick verloren. Sie mußte das demnächst einmal mit ihm genauer untersuchen. Es war offenbar ein sehr großes, unentdecktes Land und sie vermutete sehr stark, daß er ihr nur eine paar exemplarische Wege zu jenen Aussichtspunkten gezeigt hatte und daß es da noch sehr viel zu entdecken gab, wobei sich der Weg bereits lohnte, die Aussicht aber in jedem Falle unbeschreiblich war. An solche Ausflüge könnte sie sich auf jeden Fall gewöhnen. Und da mußte Paul, wenn schon nicht immer ein kundiger Führer, so doch ein steter Begleiter sein, auf den sie sich ganz und gar verlassen können sollte, denn so ganz allein hätte sie sich in dieses wilde, schöne Land sicher nicht getraut.

In der Erinnerung stellte sie fest, daß Paul sie zwar sehr geschickt geführt hatte, aber nicht mit ihr zusammen diese Aussicht erreicht hatte, er hatte sich so liebevoll um sie gekümmert, daß er darüber seine eigenen Bedürfnisse ganz vergessen hatte. Mittel- bis langfristig war das sicher weder gut noch akzeptabel, aber er mußte intuitiv gespürt haben, daß es für gewisse Dinge für sie noch zu früh gewesen wäre. Wenn er es getan hätte, hätte sie es akzeptiert, er entschied in dieser Phase ihres Abenteuers. Daß er es nicht versucht hatte, zeigte ihr nur noch mehr, wie sehr sie auf ihn vertrauen konnte und darauf, daß er offenbar intuitiv richtig auf sie einging. Und auch das war ein wunderbares Geschenk.

Und dann hatte sie doch wieder Bedenken. Wenn wirklich geschah, was nun einmal ganz natürlich war, so würde da unvermeidlich viel mehr mit ihr passieren. Jetzt hatte er sie nur geküßt und gestreichelt, liebkost und massiert. Doch wenn es passierte, würde sie sein prächtiges Organ, welches sie nun schon mehrfach hart und eindeutig gespürt hatte, ganz in sich aufnehmen müssen. Und das schien ihr für ihren Leib wirklich reichlich zu sein. Obwohl sie aus den Büchern wußte, daß das im normalen Bereich liegen müßte und ihr Körper gut in der Lage wäre, sich daran anzupassen, es einfach zu umschließen, so war ihr die Vorstellung daran doch ziemlich unheimlich. Und doch wollte sie im Grunde ganz mit ihm zusammen sein, ihn in sich spüren, ihn ganz aufnehmen, sich mit ihm vereinen und durch diese Landschaft jagen und spielen. Würden sie es gemeinsam erleben, würde sie spüren, wenn er sich nicht mehr kontrollieren konnte und sich in ihr verlor? Doch dann würde wohl unweigerlich passieren, was dann wohl ganz natürlich war und eben passierte, weil auch sie eben nicht über den Dingen stand. Vielleicht nicht gleich sofort, aber es würde passieren. Unweigerlich würde sie von ihm schwanger werden, ein Kind würde in ihr heranwachsen und dann unweigerlichen heraus wollen aus ihrem zierlichen Leib. Und das schienen ihr schon wieder unheimliche Punkte zu sein, wieder etwas, was ihr nur zu deutlich vor Augen führen mußte, daß sie nicht über den Dingen stand. Und da schwebte ihr Gedankengang noch einen Augenblick, bis sie feststellte, daß sie ja gar nicht mehr über den Dingen stehen wollte, daß sie doch um alles in der Welt mit Paul zusammen sein wollte, ja und natürlich spürte sie bereits tief in sich eine Sehnsucht, einen Wunsch, sein Kind erst in sich zu tragen und dann in ihren Armen, dann zu sehen, wie es in seinen Armen lag. Dieser tiefe Blick auf ihre innersten Bedürfnisse, der sich nun geöffnet hatte, machte sie ganz schwindelig, unsicher. Aber Angst hatte sie nicht davor. Es sollte und es würde passieren, dafür müßte sie sorgen. Sie hatte mit Paul ihren Begleiter gefunden, mit dem sie bereit war, dieses ihr unbekannte Land bis in den letzten Winkel zu erforschen und diesen Drang gänzlich auszukosten. In vielen Büchern wurde nach dem Sinn des Lebens gefragt, den man ihm philosophisch doch nur selber geben konnte. Biologisch lief es aber darauf hinaus, dieses Land zu erobern und damit zurechtzukommen.

Wenn sie die Grenze überschritten, er auf ihrem Gebiet war, würde sie wieder mehr entscheiden können und aktiver werden. Und das wollte sie natürlich nutzen, um auch für die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu sorgen. Und sie war bereit, sehr viel zu tun, um auf seine Bedürfnisse einzugehen, um mit ihm zusammen sein zu können. Hätten sie erst ihr Ziel erreicht, würden sie über die Zukunft sprechen müssen. Und da wurde ihr etwas flau im Magen, wie konnten sie ihre tiefe, innige, gegenseitige Zuneigung mit ihren sehr unterschiedlichen sonstigen Interessen und Lebensweisen verbinden und vereinbaren? Es mußte gehen und wenn es ihr nur gelänge, ihre Angelegenheiten zu ordnen, so würde sie garantiert auf alles eingehen, was er sich auch nur vorstellte, nur um mit ihm zusammensein zu können. Wie dachte er darüber? So wie er sich sich um sie kümmerte, mußte es auch für ihn einen Weg geben, der ein gemeinsamer mit ihr war. Zunächst aber mußte sie Heim und alles klären und die Dinge auf den Weg bringen, dann würden sie schon weitersehen.

So weckte sie Paul mit einem zarten Kuß, woraus sich dann erst noch wie erhofft ein kurzes, liebevolles Zwischenspiel ergab, welches sich beide anregte und ganz erwachen ließ. So standen sie also auf, machten sich am Bach frisch, kümmerten sich auch um die Pferde und frühstückten von ihrem Proviant. Dann brachen sie entschlossen auf und zogen weiter.

Mittags rasteten sie nur kurz an einer recht übersichtlichen Stelle und zogen auch dort zügig weiter. Auf diesem Weg war ihnen niemand begegnet. Dann aber mündete der kleine Weg in einen breiteren, der von einem anderen Ort zur Grenze führte. Hier sahen sie in der Ferne vereinzelt Reisende. Tatsächlich kam ihnen bald darauf ein Händler entgegen, welchen sie freundlich grüßten und welchem sie auf Nachfrage gerne Auskunft über die aktuelle Lage gaben. Von diesem erwarben sie auch noch einiges süßes Konfekt für den Weg und zogen so mit guter Laune auf die nun nicht mehr so ferne Grenze zu. Über einen engen Paß führte dort der Weg in Gundulas Reich.

Aber bis dahin waren es noch gut zwei Stunden mit den Pferden, aber der Weg war gut geeignet für Pferde und auch für Fuhrwagen, von denen ihnen wenige weitere nach dem Händler begegneten. Auch ein paar andere Reisende waren unterwegs, aber im Großen und Ganzen war nicht viel los. Man grüßte sich freundlich und meist erbat man sich Auskunft über die aktuelle Lage, die Paul und Gundula gern erteilten.

Dann kam in der Ferne der Paß in Sicht, einschließlich einer kleinen Grenzstation. Jetzt bat Gundula Paul zur Seite zu einer kurzen Besprechung. Sie erklärte: "Von hier an mußt du einstweilen mich das Wort führen lassen. Das ist mein Reich und es wird leicht sein, mich durchzusetzen."
Paul war natürlich einverstanden und nickte: "Gut, dann sollten wir wohl ab jetzt wieder etwas förmliche Distanz halten, die Rolle als junges Paar hat ihre Schuldigkeit getan. Ich sollte dich jetzt wohl auch mit Prinzessin anreden, um Irritationen zu vermeiden, ich hoffe, du bestehst nicht auf allen Titeln?"
Gundula grinste ihn an: "Quatsch! Meist läßt sich eine direkte Anrede mit vollem Titel doch gut vermeiden, es wird wohl umgekehrt auch reichen, wenn ich dich einstweilen mit 'edler Herr' oder auch 'edler Retter' oder auch 'mein heldenhafter Retter' oder 'mein kühner Recke' anspreche, um einen gewissen Ausgleich zu schaffen. Was mich betrifft, haben wir dem Protokoll wohl genüge getan, wenn du im Falle einer unvermeidbaren direkten Ansprache einfach 'Prinzessin' verwendest, nach Geschmack auch mit einem angemessenen Adjektiv, etwas vertraulicher ist 'Prinzessin Gundula' auch in Ordnung."
Paul verbeugte sich kurz: "Sehr wohl, eure hochwohlgeborene Prinzessin, so will ich auf eurer Reise auch weiterhin euer respektvoller Begleiter und Beschützer sein und euch zum gemeinsamen Ziel begleiten."

Die Prinzessin nahm eine offizielle Haltung an und sprach: "Edler Retter, heldenhafter Paul. Dankbar bin ich für dein Angebot, auf dem weiteren Weg mein Begleiter und Beschützer zu sein. Dieses nehme ich dankbar an und freue mich bereits darauf, mit euch gemeinsam und unter eurer liebenswürdigen Anleitung den Weg zum gemeinsamen Ziel zu finden. Ich muß gestehen, ich bin in den meisten Bereichen meines Reiches selbst nicht sehr vertraut, möchte es in Zukunft aber sehr gerne ausführlich bereisen, so daß es mir eine große Hilfe und Erleichterung sein wird, euch dabei zur Seite zu haben, wenn wir gemeinsam mein Reich erforschen könnten und gemeinsam zum Ziel kommen. Ich durfte ja bereits feststellen, daß ihr mit meinem Weg und meiner Reise in mancherlei Hinsicht viel vertrauter seid als ich selbst, obgleich ihr mein Reich zuvor nie besucht habt, daher bin ich mir sicher, mit euch einen Reisebegleiter an meiner Seite zu wissen, den ich nicht mehr missen mag und auf den ich erst recht nicht mehr verzichten mag, um dann in Zukunft auch mein Reich gemeinsam mit großer Sorgfalt zu erforschen. Dieser enge Paß, diese hohle Gasse ist unser Weg in mein Reich. So laßt uns unsere Reise fortsetzen und in mein Reich vordringen, eindringen und ihr werdet sehen, ihr seid sehr willkommen. Nur laßt einstweilen mir hier an diesem engen Paß das Wort und die Führung, so werden wir die Grenze bald schon überschreiten. Wir müssen mit Kontrollen und Hemmnissen rechnen, aber gemeinsam wird es uns gelingen."

Paul war sich nicht ganz sicher, ob die Prinzessin immer noch beim selben Thema war. Sie verstand es, über zwei verschiedene Themen gleichzeitig zu reden und irgendwie lag es dann irgendwie an ihm, das im richtigen Augenblick richtig zu interpretieren, gut er wollte es versuchen: "Eure hochwohlgeborene Prinzessin, es wird mir ein großes Vergnügen sein, euch zu geleiten und zum Ziel zu führen und es ist mir eine große Ehre, in Aussicht gestellt zu bekommen, euer ganzes Reich gründlich erforschen zu dürfen, zur gemeinsamen Erbauung und um den gemeinsamen Wissensdrang ausgiebig zu stillen."

Gundula nickte, er hatte verstanden und nahm die neue Rolle an, sie war fest entschlossen, diese nicht lange dauern zu lassen und vor der Erforschung ihres Reiches alle Angelegenheiten zu klären, um dieses Unternehmen dann auch offiziell auf Augenhöhe anzugehen. So erwiderte sie: "Heldenhafter Retter, mein kühner Recke und vertrauter Freund, ich kann es kaum erwarten, mit euch gemeinsam mein Reich aufs Innigste und Gründlichste zu erforschen und zu ergründen, Wege zu finden, Aussichten zu genießen und wohl auch manches Mal einfach querfeldein über manche Wiesen zu schlendern, die uns beiden nicht vertraut sein mögen. Aber bis dahin haben wir noch einen nicht mehr so langen und wohl auch nicht mehr beschwerlichen Weg vor uns und einige Angelegenheiten sind noch zu erledigen. Bis dahin überlaßt mir also die Wortführung, dann wird uns der Grenzübergang in mein Reich zweifellos gelingen und wie ihr mich auf dem bisherigen Weg so hervorragend beschützt und behütet habt, euch so liebevoll meinem Wohlbefinden gewidmet habt, wird auch euch in meinem Reich mein Schutz eng umschließen und meine sorgfältige Fürsorge kann euch gewiß sein. Ich will euch aufnehmen und bergen in meinem Reich."
Paul nickte lächelnd und da mußte auch Gundula vergnügt auflachen, sie dachte sich, sie sollte vielleicht nicht zu dick auftragen, wovon sie keine Ahnung hatte, sondern die Entwicklung einfach erst einmal voranbringen.

So ritten sie weiter auf die Grenzstation zu, die Prinzessin voran und Paul daneben, ungefähr eine halbe Pferdelänge zurück. Es gab nur zwei Wachposten. Offenbar nahm man die Krise nicht allzu ernst oder fühlte sich nicht sonderlich betroffen, zumindest nicht an diesem Grenzübergang. Nun hatten sie ja keine passenden Papiere vorzuweisen. Aber Gundula hatte längst den Hut abgenommen, ließ die prächtigen Haare wallen, wobei wie bestellt immer mal wieder eine Windzug hindurch fuhr und die Haare in anmutige Bewegungen versetzte. Sie gab sich vor den Wachen als die Prinzessin zu erkennen. Diese kannten sie aber nicht persönlich, waren nie am Hofe gewesen. Sie waren aber gleich sehr beeindruckt von der Persönlichkeit und der Ausstrahlung der Prinzessin und wagten nicht, ihre Aussagen in Zweifel zu ziehen. Allerdings drucksten sie sehr verlegen herum und wiesen auf strenge Nachfrage durch die Prinzessin recht kleinlaut auf ihre peinliche Zwickmühle hin. Einerseits hatten sie strikte Anweisungen, niemanden ins Reich zu lassen, welcher keine passenden Papiere hatte, auch schon wegen der bekannten Krise, andererseits seien die Prinzessin und ihr edler Begleiter zweifellos keine Halunken und Strauchdiebe und jeden Verdachtes in dieser Beziehung erhaben, schon durch Auftreten, Erscheinung und Wortführung, so seien sie nun aber in großer Verlegenheit. Ließen sie sie einfach durchziehen, wäre das gegen die ausdrücklichen Anweisungen, würden sie sie aber zurückweisen, sei das ja noch fataler, denn sie könnten es ja unmöglich wagen, die vermißte und sehnlich erwartete Prinzessin zurückzuweisen.

Gundula rutschte bereits ungeduldig und impulsiv in ihrem Sattel hin und her und drohte bereits zornig zu werden. Wie sie mißbilligend schaute und die Stirn kraus zog, fürchteten die beiden schon um ihren Kopf, fürchteten, für sie würde die Angelegenheit unweigerlich böse enden, da aber räusperte sich Paul respektvoll. Gundula drehte sich rasch um, sah ihn kurz an und nickte dann, ihr Einverständnis bekundend, daß er zur Diskussion beitragen möge, wenn er eine Lösung wüßte.

Paul sprach: "Hochwohlgeborene Prinzessin, edle Herren, mir liegt es fern, mir die Kompetenz anzumaßen, zu diesem knifflige Konflikt in diesem Reiche wertvoll beitragen zu können, doch bitte ich darum in Erwägung zu ziehen, meinen Vorschlag zu erwägen."
Die als edle Herren angesprochenen Wächter hofften auf einen Strohhalm und nickten eifrig und auch de Prinzessin neigte kurz merklich den Kopf und erwiderte: "Sprecht nur edler Retter, kühner Recke, heldenhafter und besonnener Begleiter. Gut und wohlbehalten habt ihr mich bis hierher geleitet, so mag auch hier euer Rat weise und hilfreich sein, um die Lage zu beruhigen und nicht eskalieren zu lassen."
Paul nickte "Oh edle Prinzessin, Danke für euer Vertrauen, welches ich mir nicht anmaße zu verdienen, so nehme ich es als großes Glück, euch zu schwerer Stunde zur Seite stehen zu dürfen. So hört denn meinen Vorschlag: Die edlen Herren werden uns zutrauen, daß die edle Prinzessin und ich einstweilen mit einem der Herren die Grenzstation bewachen und das Reich vor Unheil schützen können, während sich der andere der edlen Herren schleunigst aufmacht, um Vorgesetzte aufzusuchen, die im besten Falle die Prinzessin persönlich kennen und für den Grenzübertritt zu bürgen bereit sind. Gern stelle ich dem betreffenden Herren mein Pferd zur Verfügung, um den Vorgang zu beschleunigen." Paul hatte dabei hinsichtlich ihrer Kompetenz der Bewachung des Grenzübergangs beiläufig auf ihre Bewaffnung hingewiesen.
Die beiden Wächter sahen da einen höchst stabilen Strohhalm im Raume stehen und nickten gemeinsam ohne Beratung und schauten zur Prinzessin, ob diese dem Vorschlag geneigt sein würde und ihn gnädig akzeptieren würde.

Gundula sprach zu Paul gewendet: "Oh edler Held und Beschützer, wie so oft, immer möchte ich sagen, sind eure Worte überlegt und weise, gern bin ich bereit, diesem Rat zu folgen und geduldig zu warten, zudem ich weiß, daß der Bürgermeister der nächsten Stadt mir persönlich aus einem Gremium bekannt ist, welches auch diesem unvergessen bleiben wird. Ich werde eine kurze Nachricht an diesen notieren und unterschreiben, wenn einer der Herren sich unter den genannten Bedingungen bereiterklären würde, dieses Schriftstück zügig zu überbringen."
Die Wächter stimmten zu, der bessere Reiter sollte los. So stiegen sie ab und in der Grenzstation schrieb die Prinzessin eilig eine kurze Notiz und unterschrieb, übergab den verschlossenen Umschlag an den reisewilligen Wächter. Als dieser schon gehen wollte, um sich auf Pauls Pferd zu schwingen, sprach Gundula noch: "Einen Moment noch, Wächter. So eilig die Angelegenheit auch ist, das Pferd werdet ihr sehr pfleglich behandeln und es schonen. Eine Stunde mehr oder weniger ist es nicht Wert, daß das so großzügig von meinem Begleiter zur Verfügung gestellte Pferd auch nur im geringsten einen Schaden erleidet."
Der betroffene Wächter schaute sie mit großen Augen an und sackte etwas zusammen, als sei ihm gerade die Bürde eines mittelschweren Mühlsteins aufgeschnallt worden: "Edle Prinzessin, seid gewiß, ich werde es liebevoll umsorgen und alle Vorsicht walten lassen, als sei es mein eigenes Kind!"
Und so war er entlassen.

Inzwischen war später Nachmittag und an der Grenzstation nichts mehr los, Reisende zogen es vor, bis zur Nacht in einer Herberge oder an ihrem Ziel zu sein, nicht in einem Bergpaß oder an einer Grenzstation. So gab es nicht viel zu bewachen. Die Prinzessin wies auf den Sachverhalt hin und auch auf ein Kartenspiel, welches verwaist in einer Ecke lag. Der Wächter war etwas verlegen, erklärte aber dann, an einigen Tagen werde hier zu dritt gewacht und in ruhigen Stunden dann auch gespielt. Die Prinzessin und auch Paul kannten das Spiel nur vom Namen her und ließen es sich erklären, überredeten dann den Grenzer zu einer kleinen Partie um kleine Beträge, denn man spielte dabei um Geld. Der Grenzer stellte sich als routinierter Spieler heraus und sie hatten den Dreh noch nicht richtig heraus und verloren so bereits einiges Geld, aber sie lernten recht schnell und bald schon war die Situation in etwa ausgeglichen, was auch daran lag, daß die Prinzessin gut darin war, in Gesichtern zu lesen, also auch in dem des Wächters, zum anderen aber auch dazu neigte, das Spiel so zu lenken, daß der Grenzer meist gegen sie und Paul spielte statt daß eine zufällige Kombination auftrat. Und Paul und Gundula waren sich inzwischen schon ganz gut vertraut. Und so begannen sie recht zügig, den Grenzer regelrecht auszunehmen, daß dieser blaß wurde und sich bereits wähnte, an Profispieler geraten zu sein. Als seine Münzen bereits zuende zu gehen drohten, druckste er etwas herum und die Prinzessin forderte ihn auf zu reden, was er habe, da wies dieser nach einigem Zögern und einiger Ermunterung darauf hin, daß er das Gefühl habe, sie würden zusammenspielen, um ihn auszunehmen. Da mußten Paul und Gundula sehr lachen, daß dem Wächter ganz mulmig wurde. Doch er bekam anstandslos all sein Geld zurück und von nun an spielten sie ernsthaft, so ernsthaft, daß gar zwischen Paul und Gundula ein richtiger Wettstreit entbrannte, von welchem wiederum der Wächter profitierte und einiges gewann.

So hatten sie allerhand Spaß und Kurzweil und tatsächlich hatte der Wächter letztlich etwas hinzugewonnen, als bereits zum Sonnenuntergang eine kleine Delegation aus der Stadt erschien. Natürlich war der besagte Bürgermeister mit dabei und dieser verbeugte sich tief und sichtlich verlegen. Und auch der Vorgesetzte der Wächter verbeugte sich tief und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten und wollte schon zu einer ordentlichen Standpauke gegenüber den Wächtern ansetzen, wie sie es hätten wagen können, die Prinzessin aufzuhalten. Schon beim ersten lauten Wort aber hob die Prinzessin mahnend die Hand und der Vorgesetzte schwieg, während die Prinzessin sprach, das Verhalten der Herren Wächter sei vorbildlich, unbestechlich und angemessen gewesen, in keinem Punkt zu kritisieren. Stattdessen hätten sie eine Belobigung verdient, in einer kniffligen Lage kühlen Kopf bewahrt zu haben, um dem Reich zu dienen und es zu schützen. Dankbar schauten die beiden Wächter zu Boden, in welchem ihr Vorgesetzter nun hätte gern versinken mögen, aber er konnte nur den Kopf senken und nicken. Er entschuldigte sich und versprach, sich persönlich um eine umgehende Belobigung zu bemühen.

So waren die Grenzangelegenheiten erledigt und Paul und Gundula zogen mit der Abordnung in die Stadt, wo sie in der frühen Nacht ankamen. Gleich schickte man Boten an den Königshof aus, bot reichlich und gutes Essen an. Es gab reichlich weitere Annehmlichkeiten, für beide auch ein warmes Bad mit reichlich Schaum, was ihnen nach der vergangenen Zeit schon beinahe etwas dekadent vorkam, aber sie genossen es, wenn auch leider natürlich getrennt.

Die Prinzessin bestand darauf, daß ihr edler Retter und Begleiter ein Zimmer gleich neben ihrem bekommen müsse, denn noch sei sie nicht daheim, noch sein Auftrag nicht erfüllt, noch sei es allein dieser, der über ihre Sicherheit wachen könne und der schließlich den Bann brechen könne. Umgedreht befinde sich dieser nun auch in ihrer direkten Obhut und sie trage für sein Wohlergehen und Wohlbefinden die unmittelbare Verantwortung. Allein mit ihm an ihrer Seite werde sie zum Ziel gelangen können. Dabei schaute sie Paul verschmitzt an, der lächelte, denn es schien ihm, daß sie wieder über zwei Dinge gleichzeitig redete.

Sie inspizierte die vorgeschlagenen Räumlichkeiten und war dann schließlich mit zwei Räumen zufrieden, während draußen auf dem Flur und vor dem Haus Wachen aufgestellt wurden. Man wollte keinesfalls riskieren, daß noch einmal ein Attentat auf die Prinzessin ausgeführt wurde. Und obgleich das ganz und gar nicht dem guten Protokoll entsprach, akzeptierte man die Wahl der Prinzessin hinsichtlich der Räumlichkeiten, bei der sie Wert darauf gelegt hatte, daß eine Verbindungstür vorhanden war, so daß ihr Retter ihr gleich zur Seite stehen würde, wenn für sie irgendeine Gefahr bestehen sollte.

Stil: 0  1. 2. 3  4  N  D