Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

11. Krötenritter

Plötzlich lachte jemand hinter Gundula! Sie fuhr erschrocken herum und sah den Ritter von Drachenfels mit zwei Pferden. Sie hatte sich so erschrocken, daß sie unbedacht einen Schritt zurückging, am glitschigen Ufer ausrutschte und beinahe in den Teich gefallen wäre. Jedenfalls war sie von oben bis unten beschmutzt und sah sicherlich gar nicht mehr nach einer Prinzessin aus, der Ritter von Drachenfels schien sie aber dennoch zu erkennen und meinte noch immer grinsend: "Ich hatte mir das zwar etwas anders vorgestellt mit der Verwandlung in eine Kröte, aber gut, auch das kann man wohl so durchgehen lassen!" Er stieg von seinem Pferd und kam heran, jedoch vorsichtig, denn so ganz traute er dem schmuddeligen Wesen am Teich offenbar nicht, schaute kritisch, erkannte die Prinzessin aber doch, die schließlich ihre Fassung wiedergewonnen hatte und fragte: "Sie hier? Woher wissen sie, wo ich bin?"

Der Ritter machte eine ausladende Geste und berichtete, daß er sich ja zwar nach dem tragischen Unfall mit dem Pferd, wo er eine gewisse Mitschuld durchaus einräumen müsse, vom Hofe zurückgezogen habe, keinesfalls aber seine Informanten abgezogen habe. Einer von diesen habe das Attentat der alten Regina auf sie mitbekommen, übrigens noch zwei oder drei andere Leute am Hof. Jedenfalls sei einerseits sie verschwunden gewesen, andererseits aber Regina verhaftet worden, was sicher nicht ihrem Plan entsprochen hätte. Überraschend auch, daß der Reichskanzler, der alte Gutmensch, das aufkommende Chaos wieder ganz gut hatte beruhigen können, den alten Strategen sollte man eben nicht unterschätzen. Allerdings schwieg die alte Regina im Kerker und ihre Eltern und der Reichskanzler als Gutmenschen machten auch keine Anstalten, irgendwelche Informationen mit Folter oder so aus ihr herauszupressen. Es gab korrekte Verhöre, aber die Alte schwieg. Und da war es natürlich schon sehr nett, daß sie auch noch ihr Sohn Bruno im Kerker besuchen durfte. Da hatte er natürlich schon geahnt, daß der Reginas letzter Strohhalm war, um sich doch noch zu retten. Aber wie sie beide wüßten, sei Bruno nun wirklich kein guter, zuverlässiger Teil in einem Plan. Jedenfalls setzte er darauf, daß sie Bruno verraten würde, wohin die zur Kröte verwandelte Prinzessin verschwunden sei, der Rest sei ja aus ihrem Fluch bekannt gewesen. Sie verriet es Bruno wie vermutet, zusammen mit dem Auftrag, loszureisen und sie zu retten und als ewig dankbare Braut nach Hause zu führen. Da Bruno ja nun eindeutig eher zu den Gesandten als den Geschickten gehörte, fiel es nicht schwer, dessen Abreise gehörig aufzuhalten, während er bereits die nötigsten Sachen gepackt hatte und nur noch das Ziel brauchte, um loszureiten.

Und da lachte der Ritter von Drachenfels: "Und also da bin ich, um die verwunschene Prinzessin zu retten, mit dem Bruno hättet ihr ja doch nichts anzufangen gewußt! Den Fluch der alten Schachtel aber hatte ich offenbar zu wörtlich interpretiert, ich hatte eine echte Kröte hier in dem Teich erwartet. Und ihr seht ja noch beinahe menschlich aus!"
Gundula zog empört die Stirn kraus, was man aber aufgrund des Drecks nicht einmal richtig erkennen konnte, sagte aber noch immer nichts, war noch immer erschrocken. Der Ritter aber fuhr fort, sie mit ordentlich verzogenem Gesicht skeptisch ansehend: "Na gut, mit der Erlösung von dem Fluch geht es mich auch so hart genug an, aber was tut man nicht alles!"
Daraufhin schritt er sogleich eilig und entschlossen auf sie zu, wischte mit seinem Ärmel über ihr schmutziges Gesicht. Gundula geriet nun in Bewegung wich halb zurück, halb versuchte sie ihn zu schubsen: "Geht weg! Wagt es nicht, mich anzufassen!"

Der Ritter aber lachte erneut: "Oh Prinzessin, die Zeit, in welcher ihr Anweisungen gegeben habt, ist nun vorbei, ich nehme dich zum Weib und werde König und du darfst allenfalls noch einmal beim Frühstück vorsichtig um die Butter bitten! Wenn ich mit dir hier fertig bin, wirst du genau wissen, wozu eine Frau gedacht ist, was ihre Aufgabe ist!"
Er faßte einfach und blitzschnell ihre schubsenden Hände, drehte sie, bis Gundula schmerzvoll aufschrie und einsah, daß sie dumm gewesen war und nicht richtig angegriffen hatte. Sie erkannte ihren fatalen Fehler und war böse auf sich selbst. Wozu war all das Training der Selbstverteidigung gut gewesen, wenn sie sich so einfach überrumpeln ließ? Sie war eben doch keine Kämpferin, sondern hatte die ganze Zeit nur Sport gemacht und theoretisiert, schoß es ihr durch den Kopf.

Der Ritter zögerte aber keinen Augenblick, packte sie hart an, zog sie wie eine wehrlose Puppe an sich heran, während er gleichzeitig ihre Hände und Arme nach hinten drängte, um endgültig zu vermeiden, daß sie sich wehren konnte, zudem hielt er sich etwas seitlich zu ihr, daß sie nicht gut austreten konnte und seine empfindlichste Stelle zwischen den Beinen treffen, was trotz des dortigen Schutzes immer noch schmerzhaft gewesen wäre. Er kannte diese Ratte oder Kröte, sie konnte sich wehren, wenn man ihr Zeit dazu ließ, das tat er aber nicht, machte sich zu nutze, daß sie keine Praxis, aber Skrupel hatte. Sie konnte nichts mehr tun. Seine kräftigen Arme umspannten sie bereits wie ein Schraubstock. Sie hatte bereits zum lauten Protest den Mund geöffnet, da drückte er aber bereits den seinen eigenen Mund hart und gnadenlos darauf. Doch sie spürte nur einen Augenblick den Druck seiner Lippen durch den immerhin ehrlichen Schmutz, der noch vom Teich an ihrem Gesicht haftete und nicht von ihm fortgewischt worden war. Dann aber machte es auch schon 'Plopp!' und dann 'Platsch!' und die brutale Umarmung des Ritters von Drachenfels war auch schon wieder gelöst, daß sie das Gleichgewicht verlor und beinahe auf diesen getreten wäre, als sie nach vorn stolperte, denn dieser war längst als erstaunte, verblüffte Kröte auf seinem Kleiderhaufen gelandet.

Gundula wich der Kröte gerade noch so mit ihrem Fuß aus, hielt das gleichzeitig für eine Dummheit, die Kröte nicht zu zertreten, hatte gleichzeitig aber schon Skrupel und stolperte so aber endgültig hinter diesem und fiel ...
in die Arme von Paul, der gerade hinzugerannt kam und sie auffing. Als sie sicher stand, griff er reaktionsschnell den Zinkeimer, leerte ihn und stülpte ihn kurzer Hand über den Krötenritter, der bereits ein paar Hüpfer weg von seiner Kleidung seitlich zum Teich auf die Wiese hinaus gemacht hatte, was vielleicht auch nur ein automatischer Impuls seiner bisherigen Bewegung und Kraft gewesen war, die mangels Gundulas Anwesenheit nun ins Leere ging. Gut, der Krötenritter war erst einmal im Eimer, Paul sah Gundula an und dann auf den ganzen Schmodder an ihr und was an seiner Kleidung davon hängengeblieben war, als er sie aufgefangen hatte. Paul schüttelte die Kopf.

Gundula sprach hastig: "Den Ritter habe ich nicht gerufen! Ich habe sicher auch nicht verlangt, daß er mich küßt! Ich kann nichts dafür, daß er sich in eine Kröte verwandelt hat!"
Paul schaute sie trotzdem skeptisch an, als hätte sie (wieder) etwas ausgefressen, fast wie ein kleines Kind schaute er sie an und sie schämte sich, auch als ihr bewußt wurde, wie verdreckt sie aussehen mußte und das vor Paul, sie hatte doch vorher baden wollen!
"Ich glaube, er wollte mir Gewalt antun, mich mißbrauchen!" stieß sie hervor und war den Tränen nahe, was sie aber nicht akzeptabel fand.
Sichtlich entsetzt und erst einmal wortlos schaute Paul sie bei diesen Worten an.

Gundula riß sich zusammen und erzählte Paul hastig und nur mit kleinen Unterbrechungen die Kurzfassung des Vorfalls mit dem Pferd, welche Stellung der Ritter im Reich hatte, welche nicht nur aufgrund des Vorfalls deutlich gelitten hatte. Sie wiederholte auch kurz, was der Ritter erzählt hatte, was daheim nach ihrem Verschwinden vorgefallen war. Paul hörte schweigend zu. Dann setzte er sich auf die Wiese, dort wo sie geschnitten und nicht mit Schmutz von Gundula und dem Teich beeinträchtigt war, sah Gundula freundlich an, klopfte neben sich auf den Boden. Gundula kam heran, setzt sich mit angezogenen Beinen, verschränkte die Arme um diese, legte den Kopf auf die Knie und sah Paul an. Dieser fragte nur: "Und nun?"
Er wollte erst einmal wissen, wie sie reagieren wollte, bis er einen Vorschlag machen wollte, wie man mit dem Ritter umgehen solle.

Gundula zuckte erst einmal nur die Schultern, sagte dann leise: "So lassen können wir ihn nicht, obgleich er es verdient hätte! Wieso lacht er mich so aus? Wieso bedrängt er mich so, droht mit Ungeheuerlichkeiten und küßt mich, ohne auch nur zu fragen, ob er meine Erlaubnis hat. Ja, er spricht mir gar das Recht ab, überhaupt über mich zu entscheiden! Er ist ein Mistkerl, aber so bleiben kann er nicht! Aber ganz sicher werde ich keinen einzigen Schritt mit ihm gehen, dem widerlichen Kerl traue ich nicht und schon gar nicht auf einer gemeinsamen Reise! Er muß also weg, muß kapitulieren, damit wir freie Bahn haben!"
Paul seufzte, denn er ahnte, was auf ihn zukommen würde. Gundula war im Grunde ein gutherziger Mensch, sie dachte nicht einmal daran, sich wirklich bösartig für den ekelhaften, widerlichen Angriff zu rächen. Es lief also wohl darauf hinaus, ihm wieder zu seiner alten Gestalt zu verhelfen, davon wäre sie letztlich nicht abzubringen. Aber das hier war kein harmloser Krämersohn, sondern immerhin ein echter Ritter. Er schaute Gundula an: "Also soll ich mich wieder kümmern? Und du verziehst dich?"
Nun seufzte auch Gundula: "Also, ähm, also das Küssen der Kröte müßtest du wohl schon übernehmen, das brächte bei mir ja nichts und bei dem Krämersohn hat es ja auch funktioniert. Aber das ist ja auch irgendwie mein Problem, kommt ja aus meinem Reich. Zudem ist der gefährlich, das dürfen wir nicht unterschätzen - und wie du bereits sinngemäß angemerkt hast, zu zweit sind wir stark und haben bessere Chancen. Aber wir brauchen einen Plan, was wir mit ihm anstellen, wenn er wieder seine vorherige Gestalt hat!"

Paul kratzte sich am Kopf: "Seine Waffen sollten wir auf jeden Fall außer Reichweite bringen, auch was vielleicht noch bei den Pferden ist." Gundula nickte: "Ja, räumen wir alles beiseite, ich aber stehe dort mit meinem Jagdmesser" dabei deutete sie die Richtung an und zückte das Messer bereits. "Du küßt ihn ungefähr hier und weichst zügig zurück. So stehst du vor ihm, ich hinter ihm. Du wartest und ich nutze seine Verwirrung aus, um ihn zu fixieren..."
"Zu fixieren?" fragte Paul ungläubig nach.
Gundula: "Ja ich kenne mich aus. Der Krämersohn war doch sicher verwirrt, ich war es jedenfalls nach der Verwandlung."
Paul nickte, worauf Gundula fortfuhr: "Den Moment der Verwirrung nutze ich, stoße ihn um und knie mich auf ihn. Das habe ich trainiert und ich kenne mich mit Anatomie aus ..." worauf Paul sie skeptisch ansah: "theoretisch, also jedenfalls nicht wie ein erfahrener Kämpfer und Ritter, der er ist. Da sind auch Pistolen in seinen Sachen, ich denke, ich halte die besser bereit, falls dein Plan nicht klappt und es zu Problemen mit ihm kommen sollte!"
Gundula nickte: "Gut, so wird es gemacht! Ich werde dann mit ihm reden und ihm klarmachen, daß er hier am falschen Platze ist, ja überhaupt am falschen Platze ist, wo ich auch gerade bin."

Daraufhin räumten sie alle Sachen weg und positionierten sich wie abgesprochen um den Zinkeimer herum, in welchem sich der Krötenritter befand, vermutlich in doppelter Hinsicht noch etwas im Dunkeln über seinen derartigen Zustand, also ganz sicher auch verblüfft und verwirrt, wenn Paul die Aktion begann.

Paul verzog wieder einmal das Gesicht in erheblichem Maße, als er sich vorsichtig, langsam dem Eimer näherte. Viel lieber hätte er doch die von oben bis unten schmutzige Gundula saubergeküßt, als diesen alten Krötenritter. Aber die Aufgaben waren einmal wieder verteilt und offenbar hatte er es erneut ziemlich schlecht erwischt. Würde das klappen mit Gundulas Plan? Er traute ihr ja alles zu und sicher war der Ritter verwirrt, was diesen aber auch noch wilder und unberechenbarer machen würde. In den Teich werfen und dem Storch oder dem Reiher überlassen, wäre die sicherere Option gewesen, aber zugegebenermaßen nicht korrekt gegenüber einem Menschen. Gundula schaute ihn an, bewegte sich sehr geschmeidig und konzentriert, leicht gebückt, mit all dem Dreck und dem hoch oben an den Schenkeln verknotetem Kleid sah sie wirklich wie ein gut getarnter Kämpfer aus, bewegte sich wie eine Raubkatze, kurz bevor sie einen Angriff starten würde. Paul mußte zugeben, in diesem Zustand wollte er keinesfalls dort stehen, wo sie hinzuspringen gewillt war. Auch er war verblüfft, sie so zu sehen, keine Kröte, kein Mensch, ein fast schon unheimliches, aggressives Raubtier auf der Lauer. Er traute ihr wirklich alles zu.

Paul überwand sich. Er nickte Gundula kurz zu, sie gleich zurück. Also los! Also blitzschnell und in einer einzigen Bewegung: Eimer weg, Kröte hochheben, Kröte küssen, Schwuppdiwupp! und Wutsch! abwarten, Schmerz wegdrücken, als einmal mehr seine Hand durch das Gewicht der sich verwandelnden Kröte nach unten geschleudert wird, mehrere Schritte zurückspringen, die Pistolen vom Boden aufheben und bereithalten.

Gundula hatte gelernt, die beste Grundlage für eine erfolgreiche Verhandlungsführung war, alle Trümpfe in der Hand zu haben: Praktisch in der gleichen Bewegung von Paul sprang Gundula also sogleich von hinten auf den verblüfft, regungslos und nackt stehenden Ritter zu, geschickt trat sie ihm dabei ins Kreuz, das er gleich vornüber zu Boden fiel. Gundula aber kniete auf ihm, sein Gesicht in den feuchten Schmodder drückend, den sie kurz zuvor aus dem Teich geholt hatte und provisorisch auf der Wiese deponiert hatte. Ein nacktes Knie aber hatte sie ziemlich genau ins Genick des Ritters gedrückt, das andere an anderer Stelle auf das Rückgrat. Der Ritter stöhnte verblüfft und es knackte auch etwas.

Das Jagdmesser hatte Gundula nun dicht an seine Kehle gehalten und begann entschlossen zu sprechen: "Das muß jetzt für euch alles ein wenig überraschend kommen, bevor ihr aber in Erwägung zieht, euch zu wehren, wollte ich vorsichtshalber auf einige Punkte hinweisen.
Der erste ist mein Knie an eurem Genick, wenn ich da durch Ungeschick oder eine plötzliche Bewegung abrutsche, habt ihr entweder einen schnellen, mehr oder weniger ehrenhaften Tod durch Genickbruch vor euch oder aber ein längeres, qualvolles Leben in Bewegungslosigkeit vor euch. Wenn ihr euch nicht bewegt und ich nicht ungeschickt bin, könnte ansonsten meine gute Laune entscheiden, was bezüglich dieses Punktes wirklich passiert. Und wie ihr vielleicht aufgrund eurer Informanten am Hof wißt, ich lese viel, unter anderem auch Bücher über Anatomie, ihr könnt mir also glauben, daß ich recht genau weiß, wo und wie tief euer derzeitiger Schmerz dort derzeit sitzt, aber das ist nichts dagegen, was dort passieren wird, wenn ich absichtlich oder versehentlich das Gewicht vom anderen Knie mehr auf dieses verlagere.
Der zweite Punkt betrifft das Jagdmesser an eurer Kehle. Das ist ein sehr einfaches von einem Krämer hier aus der Gegend. Wir wissen beide, obwohl neu, sind die nicht besonders scharf. Da pflegt kein kompetenter Waffenmeister die Klinge, die ich zudem noch eben in dem schmodderigen Teich genutzt habe, um überschüssige faulige Pflanzen abzutrennen. Mit einem sauberen, scharfen Messer wäre es nur ein leichter Schnitt, der euch erlösen würde und aufgrund des Vorfalls mit dem Pferd wißt ihr wohl, daß ich nicht zögern werde, auch euch im Bedarfsfalle zu erlösen. Gut, mit diesem Messer aber wird es eine Quälerei. Selbst wenn ihr mich wider erwarten überwältigen solltet, so wäre euch doch ein grober, schmutziger Schnitt sicher und mit all dem Schmutz und fauligem Zeug in der Wunde, lange würdet ihr auch das nicht überstehen.
Der dritte Punkt ist euch vermutlich schon aufgefallen, der hat sich durch den Fluch ergeben, ich bin in der Lage, jeden Gegner, der sich mir nähert, in eine Kröte zu verwandeln. Und ich gehe davon aus, ihr wollt das nicht noch einmal erleben und erst recht nicht, wie geschickt Störche, Reiher und Krähen Kröten finden und jagen können, denn davon gibt es hier in der Gegend reichlich, die Interesse an einer Kröte hätten - und sie sind besser, selbst wenn es sich bei der Kröte um einen ehemaligen Ritter und erfahrenen Kämpfer handelt."
Sie lockerte ihren Griff an seinem Kopf etwas, daß er Paul aus den Augenwinkeln sehen konnte und sie winkte kurz mit dem Jagdmesser zu diesem hinüber: "Als vierten Punkt möchte ich noch auf den jungen Herren dort hinweisen, der mir mit großer Freundlichkeit beisteht. Der hat eure Pistolen im Anschlag. Und wir wissen beide, daß die nicht nur geladen sind, sondern meist sogar treffen werden, wenn sie in die richtige Richtung gehalten werden, wozu jener junge Herr ohne Zweifel in der Lage ist, solltet ihr mich wirklich überwältigen können. So fordere ich also eure bedingungslose Kapitulation und euer Ehrenwort als Ritter, meinen Forderungen ohne Widerworte und Zögern zu folgen!"

Ritter von Drachenfels stöhnte nur gurgelnd auf, zum einen weil Gundula seinen Kopf bereits wieder in den fauligen Schmodder gedrückt hatte, zum anderen weil die angeblich nicht so scharfe Klinge inzwischen arg an seinem Halse schabte und er sich wirklich unter Schmerzen etwas zu bewegen gewagt hatte, worauf sich Gundulas Gewicht ein wenig mehr auf jenes Knie verlagert hatte, welches präzise in seinem Genick positioniert war. Gundula fragte nur zornig, aber ruhig nach: "Wie war das?"
Ritter von Drachenfels stöhnte aber wieder nur erbärmlich auf. Da schlug Paul vor: "Du solltest vielleicht noch einen Punkt in Erwägung ziehen, wenn er sowohl Nase als auch Mund tief im Dreck stecken hat, kann er nicht nur gar nicht atmen, er kann auch nicht verständlich antworten!"

Das sah Gundula ein und vorsichtig drehte sie den Kopf mit der Hand, die diesen bislang energisch in den Dreck gedrückt hatte. Tatsächlich japste nun der Ritter heftig und vernehmlich. Nachdem er eher zwangsläufig noch einen dramatischen Moment verstreichen zu lassen wagte und Gundula ein wenig und ungeduldig mit dem Knie über das Genick rutschte, schrie er geradezu heraus: "Kapitulation! Bedingungslose Kapitulation!" Gundula zog das Knie in eine etwas sicherere Position zurück, das Messer nahm sie einen Zentimeter von der Kehle weg und ließ auch seinem Kopf etwas mehr Spiel.

Ruhig formulierte sie die Kapitulationsbedingungen: "Also keine Tierquälerei mehr wie die damals bei dem Wettrennen mit den Pferden. Das ist mir sehr wichtig, ordnet das fest in eure obersten Prinzipien ein. Dann kommt mir nie wieder unter die Augen, weder hier noch daheim am Hofe. Und da ich auch durch das Reich zu reisen gedenke, empfehle ich euch dringend, nach eurer Rückkehr eure Angelegenheiten zu ordnen und irgendwohin außerhalb des Reiches umzuziehen, wo ihr mich nicht mehr mit eurer Anwesenheit belästigen könnt! Und dann - nur weil die Vertrauensbasis etwas ins Wanken geraten ist - eure Waffen behalten wir ein. Dann ist es sehr aufmerksam von euch gewesen, zweifellos für mich ein zweites Pferd mitzubringen, dieses werdet ihr mir sicherlich gern für die Heimreise überlassen, auch schon um zu zeigen, wie euch an meinem Wohlergehen gelegen ist. Eure Informanten am Hofe werdet ihr natürlich entweder abziehen oder aus dem Dienst entlassen, dafür will ich ihre Namen gar nicht wissen, solch ein Verrat wäre mir zuwider."

Der Ritter aber stöhnte immer lauter, dann brach es aus ihm heraus: "Ich schwöre euch, ich nehme die Bedingungen an, ohne wenn und aber, aber ich flehe euch an, geht bitte von meinem Rücken herunter oder macht dieser elenden Qual ein schnelles Ende! Ich bin nicht mehr so jung! Als gnadenlose Kämpferin habt ihr zweifellos meine Schwachstelle gefunden!"

Gundula schaute nach Paul und der nickte. Und so zog sie erst das Messer ab, stieß sie sich noch einmal mit dem Knie ab, welches nicht direkt im Genick positioniert war, sprang auf und einige Meter weg vom Ritter und bewegte sich dann zügig an die Seite von Paul.

Der Ritter quittierte das mit einem furchtbaren Stöhnen und sackte einfach in sich zusammen. Gundula kickte geschickt seine Kleidung zu ihm hin: "Ihr werdet wohl so zuvorkommend sein, euch zu bedecken in Gegenwart einer Dame. Währenddessen werde ich mich umdrehen und als Prinzessin auf euren Schwur vertrauen, während mein Begleiter sich leider vorsichtshalber davon überzeugen wird, daß ihr mein gnädiges Vertrauen nicht mißbraucht!"
Sie wartete keine Antwort ab, sondern drehte sich gleich um und stellte sich einfach hinter Paul, untersuchte einstweilen die restlichen Sachen des Ritters, die sie dort ausgelegt hatten.

Nur mühsam gelang es dem Ritter, aus dem schmuddeligen Bereich am Teich zum sauberen Bereich der Wiese zu kriechen, wohin Gundula seine Kleidung gekickt hatte. Er tastete vorsichtig sein Kreuz ab, rieb mit den Fingern darüber und stöhnte vor Schmerz, während er langsam begann, sich anzuziehen. Paul und Gundula mußten Geduld haben, besonders Paul, der den Bemühungen ja zusehen mußte, um aufzupassen. Selbst wenn er gewollt hätte, der Ritter hätte gar nicht angreifen können, das hätte in einer absurden Farce geendet. Als er endlich fertig war und zusammengesackt auf der Wiese saß, hatte Gundula auch seine restlichen Sachen sortiert. Paul teilte ihr den aktuellen Stand mit, also drehte sie sich um und erblickte das Jammerbild eines Ritters. Sie sprach zu ihm nun ganz ruhig und gar nicht mehr aggressiv: "Wir sind keine Räuber, ihr nehmt euer Geld, eure Papiere und Vorräte mit, nur die Waffen und das eine Pferd bleiben hier. Die Reisekleidung in der einen Satteltasche ist ja zweifellos auch für mich gedacht, ihr werdet das sicher nicht tragen wollen, sondern auch mir überlassen?"
Der Ritter nickte erschöpft und sah dabei ziemlich alt aus, älter als er wirklich war. So packte Gundula sogar nun sein Pferd und führte es zu ihm hin, in der einen Hand noch immer ihr Jagdmesser haltend, ihm mit der anderen die Zügel gebend: "Zeit zum Aufbruch, steht auf!"
Der Ritter mühte sich, hatte aber deutliche Probleme, hochzukommen. Doch noch gnädiger war Gundula nicht, blieb vorsichtig: "Aufhelfen werde ich euch nicht auch noch! Vermutlich habt ihr ja doch noch irgendwo in der Kleidung ein Messer oder dergleichen versteckt, was wir nicht gefunden haben. Aber egal, ihr sollt es behalten, werdet es brauchen können auf der Rückreise.
Eines will ich euch aber noch zugestehen, wenn ihr die Bedingungen einhaltet. Über die Geschehnisse hier und eure Niederlage, euren etwas jämmerlichen Auftritt als Krötenritter, der sich durch den Kuß einen Mannes hat retten lassen, werden wir Stillschweigen bewahren, daß ihr ehrenhaft fortziehen könnt."

Der Ritter änderte seine Strategie beim Aufstehen, beugte sich weit vornüber, stand dann zunächst auf allen Vieren, begab sich so in die Nähe seines Pferdes und zog sich langsam und mit lautem Stöhnen hinauf, bis er stand. Der Ritter sah Gundula nicht an, sprach aber: "Ihr werdet mir hoffentlich verzeihen, daß ich mich zum Abschied nicht verbeuge und werdet hoffentlich gestatten, daß ich mich erst einmal zu Fuß entferne, denn bis ich auf das Pferd komme, werden wohl noch ein paar Stunden vergehen!"
Gundula blieb ernst und erwiderte: "Selbstverständlich, die Art der Abreise bleibt eure Wahl und viel Glück dabei! Und Vorsicht mit den Halunken und Strauchdieben an der Grenze, denn ihr habt keine Waffen."
Der Ritter meinte dazu nur leise: "Oh, wenn ich mich erst wieder richtig bewegen kann, bin ich mir sicher, daß wenn ich auf diese Leute treffe und sie ernsthaft versuchen sollten, mich zu berauben, ich sie werde überzeugen können, mir ein paar nützliche Dinge für die Reise zu überlassen, nur um mich schnell ziehen zu lassen..."

Das nahmen sie ihm jedenfalls ab, obgleich es jetzt noch eine ganze Weile dauerte, bis er weiterhumpelnd irgendwann nicht mehr zu sehen war. Erst jetzt entspannte sich Gundula, seufzte tief auf und fiel Paul einfach in die Arme, wobei einiges von dem inzwischen zum großen Teil in der Sonne getrockneten Dreck von ihr abrieselte. Paul macht das nichts, er umarmte sie vorsichtig und hielt sie eine ganze Weile einfach wortlos fest.

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