Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

7. Schwuppdiwupp! und Wutsch!

Paul öffnete vorsichtig ein Auge und linste auf die Kröte, die immer noch etwas zappelig in seiner Hand saß, sich aber nicht rührte. Paul fluchte innerlich, mit der Kröte so dicht vor dem Mund wollte er aber selbigen nicht öffnen, um zu antworten. Bestimmt wollte er nicht riskieren, eine Kröte zu schlucken, diese hier wäre durchgedreht genug, um es zu versuchen! Kurzentschlossen führte er nun aber die Kröte zu den noch immer gespitzten Lippen und! Küßte sie nur gerade eben mit wieder geschlossenen Augen! Er wollte das Elend gar nicht sehen!

Schwuppdiwupp! und Wutsch! machte es! Augenblicklich wurde seine Hand nach unten gerissen, erschrocken wich er ein paar Schritte zurück. Und dann öffnete er die Augen wieder. Es dauerte einen Augenblick, bis er die Informationen seiner Augen verarbeitet und eingeordnet hatte. 'Hmmm gar nicht mal so übel!' dachte er. Etwas desorientiert stand da eine nackte junge Frau mitten im Raum. Die lockigen Haare bedeckten nicht wirklich ihre Blöße. Das lockige Kopfhaar umschmeichelte ihre Brüste, die wohl trotzdem als wohlgeformt und nicht besonders groß zu erkennen waren. Auch ihr Schambereich war durch eine Lockenpracht zwar durchaus bedeckt, die war aber nicht sonderlich dicht, so daß man gut alles ahnen konnte. Ansonsten, was ihrer weiblichen Erscheinung eher zum Vorteil gereichte, sie aber um so nackter erscheinen ließ, barg kaum noch ein Härchen die junge, nackte, zarte Haut, welche in der Tat weder Schrumpel noch Warzen aufwies. In dieser Hinsicht hatte die Prinzessin sich also ebenfalls zutreffend beschrieben und hatte sicher nicht übertrieben. Paul schaute erst einmal genau hin, nicht mager, aber auch nicht dick, hübsche Beine, wohlgeformter Po, den man durch ihre leicht seitliche Aufstellung gerade so ausmachen konnte. Muskeln zeichneten sich ansatzweise unter ihrer Haut ab, sie war offenbar trainiert, aber das war nur so weit ausgeprägt, daß es ihre weiblichen Reize noch deutlich unterstrich. Das Gesicht war auch hübsch, obwohl derzeit doch zu einer Grimasse verzogen und sichtlich verwirrt. Aber die kraus gezogene Nase durchaus süß, auch das Kinn und natürlich lockte dieser Mund schon deutlich mehr zum Kuß als der vorherige Krötenschlund. Das war auf jeden Fall ein hervorragender Tausch, was sich da aus der Kröte entwickelt hatte. Rein optisch war er schon einmal beeindruckt davon, was für einen Fang er da gemacht hatte - oder hatte doch diese Kröte eher ihn gefangen und manipuliert? Und wenn auch die äußere Gestalt schwer beeindruckte, so zweifelte er doch daran, daß sich auch an ihrem Verhalten etwas gewandelt haben würde. Aber gut, solange sie den Mund hielt, war mit ihr alles in Ordnung, das war nun klar. Und ein zweiter Kuß mit diesem Mund würde wohl auch schon deutlich besser schmecken, da würde er nicht lange zögern - und da würde er auch in der Hinsicht zu Kompromissen gern bereit sein, daß sie den Mund auch einmal aufmachen dürfte, solange er sie nur mit seinen Lippen schlösse. Aber er zog auch in Betracht, daß sie vermutlich bissig war, Haare auf den Zähnen hatte und für sie das Thema Kuß wohl erst einmal erledigt war. Damit würde sich der gute Fang in der Beurteilung also wieder deutlich relativieren. Dann war der Fang in der Erscheinung deutlich nervenaufreibender als die Kröte.

Allmählich kehrten normale Überlegungen in seinen Kopf zurück und auch gewisse Bedenken, immerhin war das an sich kein angemessener Auftritt für eine Prinzessin, die er ihr so erst einmal abnahm, wobei das im Grunde ganz egal war, was sich da verwandelt hatte, war auf jeden Fall gegenüber der Kröte ein ganz großer Gewinn. Auch das würde sich voraussichtlich sofort etwas relativieren, wenn sie feststellte, daß sie komplett nackt im Raum stand und er sie unbekümmert und bis ins Detail ansah. Nun, er war aber auch nur, was er eben war, bei so etwas mußte er eben schauen und wenn sich die Gelegenheit bot, eben ganz genau.

Paul resümierte über den Kuß selbst, gut, im Grunde hatten sie sich kaum berührt, nicht so dramatisch an sich, eine Kröte zu küssen, wenn es nicht mehr war, aber jetzt, in der Erinnerung meinte er einen Moment menschliche Lippen gespürt zu haben, ein heftiges Prickeln schon während oder direkt nach dem Schwuppdiwupp! und Wutsch! Und gut, diese Lippen, dieser Mund, da wäre es schon in Ordnung gewesen, etwas intensiver, sorgfältiger zu kosten, mußte er einräumen, zumal sie dann ja auch zwangsläufig einmal den Mund hielte und nicht herumkommandieren würde. Auch so war sie derzeit noch still und bewegungslos, ein prachtvoller Anblick und so still, zart und hilflos einfach unwiderstehlich, aber er wußte natürlich, welch ein Unwetter über ihn hereinbrechen würde, wenn er versuchen würde, die offenbar noch ganz verwirrte Prinzessin schützend und beruhigend in den Arm zu nehmen. So blieb auch er bewegungslos stehen und schaute und wartete erst einmal ab, ob sie sich nicht von selbst regen würde.

Gundula war noch immer erstarrt und stand einfach nur, als sich Paul vorsichtig räusperte, aber recht ungeniert weiter schaute. Sein Räuspern löste irgendwie ihre Erstarrung und sie fühlte erst vorsichtig schaute dann blinzelnd erst auf ihn und dann auf sich herunter. Alles da wie gehabt. Sie wollte gleich erleichtert aufjubeln, da aber schoß ihr durch den Kopf, daß sie komplett nackt war und der Kerl starrte sie ungeniert an, was für ein Mistkerl! So brüllte sie gleich los: "Was wagst du, mich so anzuschauen! Schau weg, Schau weg, das ist peinlich und völlig unangemessen!"

Paul hatte es ja längst eingesehen, senkte nun schnell den Blick. Und es war ihm selbst etwas peinlich, so genau hingesehen zu haben. Und diese Prinzessin war ja auch gleich immer so aufgeregt. Und wirklich, gleich hatte sie wieder ihren Befehlston gefunden, während sie gleich die Beine umeinander geschlungen hatte, einen Arm dicht vor ihre Brüste gedrückt, mit der Hand des anderen Arms provisorisch die Locken zwischen ihren Beinen verdeckend, was nicht komplett gelang, aber immerhin den heikelsten Bereich verdeckte: "Geh! Geh doch! Hol mir Kleidung zum Anziehen."

Wirklich eilte Paul gleich in den Nebenraum, abgewendet riet er ihr aber: "Draußen, gleich zwischen der Hecke ist eine Wanne mit sauberem Wasser und einer Pumpe. Das ist zwar kalt, aber wird dir helfen, den restlichen Schleim und Glibber loszuwerden. Draußen ist niemand in der Nähe, es muß dir also nicht peinlich sein. Ich gucke nach Sachen, habe aber nur welche für mich, also Männerkleidung, sollte aber ungefähr passen, du bist nicht viel kleiner und was die offensichtlichen Unterschiede anbelangt, die Sachen sind bequem und nicht eng, das wird schon gehen!"
Beim Stichwort 'offensichtlich' oder doch 'offen sichtlich' biß sich Paul einen Moment lang auf die Lippen, war aber erleichtert, weil Gundula sich in dieser Hinsicht offenbar jetzt einen Kommentar sparte.

Gundula war natürlich gleich einverstanden und rannte hinaus, fand die Wanne und die Pumpe und stieg ohne zu zögern ins Wasser, was nicht mehr gänzlich kalt war, denn es war ja Sommer und die Sonne schien. Das Wasser aus der Pumpe war natürlich sehr kalt, aber trotzdem genoß sie das frische Wasser auf ihrem Körper, spürte es prickeln und spürte überhaupt, daß alles wieder richtig war. Sie tauchte wieder in der Wanne unter, wusch alles ab, spürte und streichelte ihren ganze Körper und fand alles richtig. Und wieder ließ sie das kalte Wasser aus der Pumpe über ihren Kopf, ihre Haare strömen. Es zog sich in ihr alles zusammen und sie bekam eine ordentliche Gänsehaut, was sie nur kurz erschreckte, weil sie das ganz kurz an die raue Krötenhaut erinnerte. Aber dann war es in Ordnung und sie stieg aus der Wanne. Auch die körperliche Anstrengung bei der Betätigung der mechanischen Pumpe hatten ihr ganz gut getan, das erhitzte sie etwas und sie fühlte sich lebendig.

Jetzt dachte sie an den Kuß und spülte heftig, etwas zu heftig vielleicht Lippen und Mund mit dem frischen Wasser aus der Pumpe, obgleich der Kuß selbst im Grunde nichts gewesen war, kaum eine Berührung - und doch auch ein heftiges Prickeln - aber dann machte es in ihr auch gleich ein innerliches Kawumms und alles geriet durch die Verwandlung durcheinander und sie war verwirrt. Das war aber sicher nicht das Prickeln und die Verwirrung eines richtigen Kusses, von dem sie gelesen, gehört hatte, das war der Zauber, die Verwandlung, hatte also mit Paul rein gar nichts zu tun, der war nur Mittel zum Zweck, ein Werkzeug, welches sie benötigte, um sich zu verwandeln. Das war rein gar nicht romantisch oder emotional, das war nur ein ganz zweckmäßiger Kuß gewesen, also hätte sie sich keine Gedanken darüber machen sollen, tat es aber doch, was sie verwirrte. Sie hatten sich kaum berührt, es war also im Grunde gar nichts zwischen ihnen passiert, es hatte nichts zu bedeuten, das heftig pochende Herz, die innere Aufwühlung nur eine Folge des Zaubers, der Verwandlung. Erleichtert nickte sie, so mußte es sein, sie war eine Prinzessin und Paul, gut, Paul war eben Paul, lebte in dieser Wildnis hier in einem einfachen, kleinen Haus, nichts besonderes, Mittel zum Zweck.

Paul stand abgewendet an der Haustür und wartete geduldig. Als das Geplätscher nachließ räusperte er sich erneut und meinte: "Hallo, ich könnte bei Bedarf erst einmal ein Handtuch reichen..."
Gundula erklärte sich einverstanden und Paul reichte das Handtuch abgewendet und mit langer Hand durch die Lücke in der Hecke. Gundula griff einfach danach und sagte nichts weiter. Erst als sie sich abgetrocknet hatte, forderte sie die Kleider und Paul reichte sie ihr wieder durch die Hecke, dann auch ein paar Schuhe, die glücklicher Weise tragbar waren, obwohl sie im Grunde zu groß waren.

Gundula stellte fest, daß ihr prachtvoll gelocktes Haar durch den unerfreulichen Aufenthalt im Teich doch etwas verfilzt war, weniger als man befürchten mochte, aber doch nicht zu dulden. Immerhin, so überlegte sie, Kröten haben ja keine Lockenpracht, vermutlich ist deswegen nicht so viel Schmodder hängengeblieben. Jedenfalls forderte sie sogleich von Paul: "Ich brauche einen guten und sauberen Kamm!"
Paul antworte: "Einen Moment, ich hole einen. Meine Auswahl ist allerdings begrenzt. Einen Kamm extra für eitle Prinzessinnen kann ich daher nicht bieten, keinen mit güldenen Zinken und einem Griff aus Elfenbein, mehr die einfache Machart. Und ist er dir nicht sauber genug, so spülst du ihn im Wasser aus, ich gebe dir gleich zwei, dann kannst du sie gegenseitig abziehen!"
Gundula dachte da natürlich 'Was für eine Zumutung! Was denkt sich der Kerl?' Aber als er zurückkam und ihr zwei Kämme reichte, sahen die ziemlich sauber aus, kaum ein Haar dran, kein Filz. Also beruhigte sie sich wieder und spülte sie wie vorgeschlagen aus. Das Kämmen selbst ging ihr nicht so gut von der Hand, ab und an blieb sie an filzigen Stellen hängen. Offenbar war sie einmal mehr auf Pauls Hilfe angewiesen, was sie ein wenig ärgerte. Zwar hatte sie sonst natürlich Lakaien, die sehr kompetent ihr Haar kämmten, aber bei Paul schien ihr das irgendwie nicht so selbstverständlich, beinahe so arg wie der Gedanke an einen Kuß.

Als sie aus der Hecke hervortrat, sah sie natürlich auch bekleidet recht attraktiv aus, daran hätte auch kaum eine Kleidung etwas ändern können. Sie hatte einfach in allem Ausstrahlung und wirkte selbstbewußt und wie eine Prinzessin. Sie hatte das komplett verinnerlicht und man vermochte das nicht mehr zu bezweifeln, wenn man sie sah. Haltung bewahrte sie stets, so auch hier. Und sie guckte routiniert streng. Der Vollständigkeit halber wies Paul auch gleich in eine Richtung zu einem kleinen Häuschen, der Toilette des Gebäudes und ergänzte schmunzelnd "...falls da Bedarf aufkommen sollte und um dringlichen Nachfragen zuvorzukommen..."
Gundula rümpfte die Nase und wollte den Ort eigentlich gar nicht so genau kennenlernen. Zum Glück hatte sie derzeit keinen Bedarf, als Kröte hatte sie ja auch gefastet. Irgendwann würde sie sich dem Ort schon stellen müssen, das würde dann schon schlimm genug sein.

Die Situation schien ansonsten so weit in Ordnung zu sein, die nackte Angelegenheit wurde nicht weiter angesprochen. Gundula war erleichtert, sie hatte einen großen Schritt voran geschafft. Wieder auf zwei Beinen war sie auf gutem Wege zurück in ihr Reich, ihr Heim.

Gundula stellte fest, es gäbe ein paar filzige Stellen in ihrem Haar, die offenbar unter dem Aufenthalt im sumpfigen Teich gelitten hätten, er müsse ihr beim Kämmen helfen. Paul lachte, sie habe ja im Grunde Glück gehabt, nach der Verwandlung überhaupt Haare zu haben, denn solch eine Kröte sei da ja eher spärlich ausgestattet. "Aber vermutlich ist solch eine zauberhafte Verwünschung ja komplett reversibel, die Person, die man zuvor zur Kröte verwandelt hat, kommt nachher auch wieder heraus. Gut, die Verfilzungen deuten vielleicht an, daß die Verwandlung nur nahezu reversibel ist."

Sie gingen ins Haus und Gundula setzte sich, reichte Paul einen der Kämme. Paul nahm ihn und begann vorsichtig mit der Arbeit. Natürlich blieb er bald an einer filzigen Stelle hängen und Gundula beklagte sich über die grobe Behandlung. Paul schlug vor, er könne ja die filzigen Stellen herausschneiden. Gundula brauste auf: "Wenn du es wagst, an meinen Haaren herumzuschnipseln, wirst du dir wünschen, nicht geboren worden zu sein! Gib dir gefälligst Mühe und sei vorsichtig!"

Die zimperliche Zickerei wollte Paul natürlich nicht ganz so einfach durchgehen lassen und gab zu bedenken, so lange Haare seien hier auf dem Lande sowieso sehr unpraktisch, ein Kurzhaarschnitt würde ihr sicher auch stehen und wäre der Situation angemessen. Das Haar trockne nach dem Waschen schneller, sie bleibe nirgends hängen und die filzigen Stellen seien auch erledigt. Aber da hatte er eine empfindliche Stelle der Prinzessin getroffen, denn sie wurde nun wirklich ärgerlich und drohte ihm erneut böse Folgen an, wenn er sich erdreistete, ihre Haare abzuschneiden. Seine Aufgabe sei es lediglich, die filzigen Stellen sorgfältig zu entwirren, mehr nicht.

Paul verstand das Drama um die Haare nicht so ganz, zwar machten die wirklich Eindruck, aber im Moment eben auch ganz offenbar einige Arbeit, die an ihm hängenblieb. Und was hatte er eigentlich mit diesen Haaren zu schaffen? Trotzdem gab er sich ohne zu murren Mühe und entwirrte diese und jene Stelle. Hielt das Haar entschlossen vor dem Kopf fest, wenn er weiter unten entschlossener durch eine filzige Stelle kämmen mußte. So kam er langsam voran, was aber bis zur Abenddämmerung dauerte. Aber die Arbeit lohnte sich, das mußte er in Gedanken zugeben. Gundula entspannte sich offenbar und hielt den Mund bei der Arbeit, was auch schon mal etwas Wert war. Das Haar war weich, duftete gut und fertig gekämmt entfaltete es seine volle Pracht, wie es für eine stattliche Prinzessin wohl angemessen war.

Gundula war nach vollendeter Arbeit aber noch nicht ganz zufrieden. Sie hatte den Gedanken sehr wohl aufgegriffen, daß offen getragenes Haar hier draußen sehr unpraktisch sein würde. So forderte sie, er müsse ihr Zöpfe flechten. Paul gab allerdings zu verstehen, daß er damit sicher gar keine Erfahrung habe, so mußte sie es ihm erst zeigen und vorführen, was noch ganz gut ging, als sie einen seitlichen Zopf flocht. Paul mußte genau beobachten und dann nachmachen. Gundula kommentierte und griff dann ungestüm ein, wenn ihr etwas nicht gefiel. Dabei berührten sich ihre Hände und ein Schauer und ein heftiges Prickeln ließ sie zurückzucken. Aber es mußte getan werden und so zeigte sie ihm weiter, wie er richtig flechten mußte. Und wenn sie dabei seine Hand berührte oder er die ihre, so war das Prickeln gar nicht so unangenehm. Wie übrigens an sich der Sachverhalt, daß er ihre Haare kämmte und sie dann flocht. Ihr Herz schlug schneller und nach anfänglicher Unruhe entspannte sie mehr und mehr, ließ ihn dann einfach machen und genoß, daß er sich um sie kümmerte. Aber, das war ja im Grunde ganz klar, so dachte sie, immerhin war sie die Prinzessin, da war es doch selbstverständlich, daß man sich um ihr Wohlbefinden kümmerte. Daran war nichts Besonderes. Nichts anderes wäre zu erwarten. Paul trieb dann noch irgendwie geeignete Klammern auf, mit welchen sie die geflochtenen Zöpfe im Kopfhaar fixieren konnte, damit sie wirklich nicht mit ihrem langen Haar irgendwo draußen im Gestrüpp hängenblieb. Die Klammern waren zwar nicht besonders schön, sie waren einfach und schmucklos, eigentlich nicht angemessen für eine Prinzessin, aber unter den gegebenen Umständen wohl das beste, was sie derzeit bekommen konnte.

Paul lud sie dann zum Abendessen ein, nun nicht nur Brotstücke, obwohl frisches Brot auch dabei war, dazu auch Gemüse und Obst und Tee. Gundula konnte gut etwas zu essen gebrauchen und griff ohne Umstände mit der Selbstverständlichkeit einer Prinzessin zu, der irgendwie sowieso alles gehörte. Das Essen war einfach, aber gut und nahrhaft. Und aufgrund der guten Fortschritte wollte Gundula auch nicht mäkeln, mehr als solch ein einfaches Mahl konnte sie hier auch nicht erwarten - und im Grunde mochte sie die frischen Dinge aus dem Garten, das war etwas Unmittelbares, Wahrhaftiges. Das war etwas ganz anderes als das aufwendige Essen auf den Banketten am Hof - vielleicht war das alles wirklich etwas dekadent dort und sie zeigte, daß sie das Mahl hier zu schätzen wußte, indem sie noch einmal gut zugriff. Paul staunte schon etwas, daß sie bei der guten Figur so ordentlich zugriff, doch er wußte das zu schätzen, denn immerhin schien sie nicht so ein albernes Püppchen bei Hofe zu sein, zwar kompliziert in ihrer Art, aber doch auch recht authentisch und direkt.

Sie ließen sich Zeit und plauderten ein wenig über das Essen und über einige Belanglosigkeiten, wobei Gundula auch über ihr Leben am Hof berichtete, um noch einmal in aller Deutlichkeit zu unterstreichen, wer sie war. Dabei war sie natürlich so mit ihrem eigenen Schicksal und der Darstellung der eigenen Person beschäftigt, daß sie nicht einmal daran dachte, nach Paul und dessen Leben zu fragen. Das war doch nicht von Belang. Was jetzt wichtig war, war ihr Heimweg als nächster Schritt.

Aber zunächst mußte sie feststellen, daß das bisherige Abenteuer sie doch sehr ermüdet hatte. Sie brauchte ein ordentliches Nachtlager, ein angenehmes Bett. Auch Paul machte sich bereits Gedanken, wie er seinen Gast zur Nacht unterbringen konnte. Da sie nun keine Kröte mehr war, war die Option mit der gemütlich gemachten Fensterbank natürlich erledigt. Aber er hatte hier nur ein Bett für sich selbst. Was also tun? Jedenfalls tat er den Sachverhalt erst einmal kund, daß er leider kein Gästebett habe, sie also improvisieren müßten.

Das behagte Gundula gar nicht. Sie erwiderte nur kurz: "Wo schläfst du? Zeig mir das!" Paul fragte erst einmal nicht nach, sondern führte sie in den anderen Raum, in welchem auch sein Bett stand. Gundula sah sich um, inspizierte kritisch und mit spitzen Fingern erst die weitere Umgebung des Bettes, dann dieses selbst, resümierte schließlich: "Das wird für mich und heute schon gehen, aber du mußt es natürlich frisch beziehen! Dann kannst du dich zurückziehen!"

Nun war Paul schon etwas aufgebracht. Natürlich hätte er ihr das Bett schon angeboten und hätte selbst nebenan mit ein paar Decken improvisiert, aber diese Selbstverständlichkeit, mit der sie hier kommandierte, ging ihm nun doch schon ordentlich gegen den Strich: "Also, ich habe dir das Bett nicht angeboten, ich wollte dir eher nebenan ein paar Decken auf den Boden legen, vielleicht etwas Heu darunter, damit du es bequem hast."

Gundula schaute ihn streng an, konnte es nicht fassen, was für ein Bauerntölpel! Sie erwiderte aber nur knapp: "Das ist nicht akzeptabel! Ich bin eine Prinzessin! Du kannst mich nicht am Boden im Heu schlafen lassen!"

Paul zog mittlerweile genau dies ernsthaft in Erwägung, oder auch, sie einfach vor die Tür zu setzen. Es war Sommer, das würde sie schon überstehen. Er konnte ihr ja eine Decke mitgeben. Er zog die Stirn kraus: "Du bist keine häßliche Kröte, sondern eine lästige Laus, eine fette Zecke am Wohlstandssack, ein verzogenes Gör. Du bist kein bißchen dankbar, für dich ist jede Hilfe selbstverständlich. Reicht man dir den kleinen Finger, nimmst du gleich die ganze Hand! Warum, ja warum sollte ich dich nicht einfach hinauswerfen, um wieder meine Ruhe zu haben?"

Erst empört, dann aber doch verunsichert schaute Gundula ihn an. Das würde er ihr doch nicht antun, sie einfach vor die Tür setzen, schutzlos in die Nacht hinausjagen. Sie war eine Prinzessin! Sie zitterte, lief dann in den anderen Raum, setzte sich an den Tisch und schlug die Hände vor das Gesicht. Sie war jetzt nicht der Typ, der heulte, flennte und bettelte, aber nun hatte sie doch etwas Angst, wieder ganz allein zu sein. Dieser Paul war nicht so harmlos und einfach, wie sie gedacht hatte, beziehungsweise, eigentlich hatte sie das gar nicht gedacht, sondern war einfach darüber hinweggegangen, was er sein mochte. Und nun drohte er, sie hinauszuwerfen. Mußte sie jetzt nachgeben? Kompromisse eingehen? Sie war ganz unsicher geworden.

Paul war etwas überrascht, daß sie nichts gesagt hatte, er hatte fest mit weiterem Gezeter und empörten Anweisungen gerechnet. Aber nein, jetzt saß sie erst einmal brav und still am Tisch. Eine Lösung war das nicht, aber schon einmal ein Fortschritt. Offenbar hatte er sie wenigstens ein wenig verunsichert, ihren etwas fiesen, arroganten, hochnäsigen Zug ausgebremst. Nun, so dachte er, sie ist kein Kind mehr, also zu spät für Erziehung. Sie hat ihre eigene Persönlichkeit, das mußte er respektieren, sich aber deswegen noch lange nicht alles gefallen lassen. Er ließ sie erst einmal sitzen, ging zurück ins andere Zimmer und bezog schon einmal das Bett neu, denn die weitere Entwicklung schien ihm klar, die Zicke würde sowieso im Bett landen und er im Heu, aber ein wenig Drama vorher konnte ihr sicher nicht schaden.

Als er fertig war, ging er zurück ins andere Zimmer, wo Gundula noch immer mit dem Händen vor dem Gesicht reglos am Tisch saß. Das tat ihm schon beinahe ein wenig leid, aber auch nur beinahe. Dachte sie wirklich, er würde sie hinauswerfen? Sie hätte ja nur das Angebot mit dem Decken im Heu annehmen müssen, um die Situation zu lösen. Wortlos setzte er sich auch an den Tisch, ihr gegenüber. Das hatte sie wohl mitbekommen. Eine Weile war Stille, bedrückende Stille.

Paul wollte schon etwas sagen und einknicken, um dann doch noch zu etwas Schlaf zu kommen, aber da nahm Gundula endlich die Hände vom Gesicht und fragte sehr leise: "Gilt das Angebot mit den Decken und dem Heu noch? Du wirfst mich doch nicht raus?"
Sie schauten sich beide tief in die Augen. Aber diesmal war Gundula ziemlich erledigt und hatte keine Kraft für solch ein Duell. Schnell und verlegen schlug sie die Augen nieder. Irgendwie hatte sie den Bogen überspannt, ganz offenbar ließ sich Paul nicht alles bieten.

Paul antwortete nach einer Pause: "Du kannst mir helfen, Heu von nebenan zu holen. Dann legen wird Decken drüber und das Nachtlager ist fertig."
Gundula nickte nur wortlos und folgte ihm. Zusammen schafften sie eine ordentliche Menge Heu herbei und aus dem anderen Zimmer aus einem Schrank ein paar Decken. Das Ergebnis sah dann auch ganz akzeptabel aus. Paul reichte ihr auch eine Zahnbürste und sie machten sich für die Nacht fertig. Als sich Gundula schon in das improvisierte Nachtlager legen wollte, grinste Paul aber und sprach: "Ich habe das Bett längst frisch bezogen, kannst natürlich da schlafen."

Gundula öffnete den Mund, war aber sprachlos, nickte nur, lief in das andere Zimmer und kuschelte sich tief in das weiche Bett mit einem guten, frischen Geruch. Sie durfte nicht mehr so herumkommandieren, sah sie nun ein. Paul hatte ihr eine Lektion erteilt. Sie mußte lernen, sich zu benehmen, ihn zu respektieren. Sie sah ein, sie war sein Gast, sie war auf ihn angewiesen. Aber er hatte ihr auch letztlich das Bett überlassen. Das verbuchte sie aber nicht mehr als ihren Sieg, mehr als ein Geschenk. Und hier in dem weichen Bett ließ sie nun plötzlich los und akzeptierte ihre Lage und auch Paul als eigene Persönlichkeit. Doch sie war jetzt viel zu müde, um weiter nachzudenken. Sie drehte sich im Bett herum und vergrub sich tief darin und schlief gleich ein.

Als Gundula wortlos in den anderen Raum gegangen war und sich im Bett versteckt hatte, löschte er in diesem Raum das Licht und schloß die Tür, schüttelte den Kopf, räumte noch etwas auf, schloß auch die Haustür und löschte alle Lichter und legte sich ins improvisierte Nachtlager, welches übrigens recht bequem war. Er überdachte die Geschehnisse des Tages nur kurz, war aber auch müde und schlief ebenfalls schnell ein.

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