Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

22. Krötenbilanz

Das Frühstück nahmen Paul und Gundula gemeinsam ein, außer den Bediensteten sonst ohne weitere Anwesenheit. Hinsichtlich ihrer Untersuchung wurden ihnen dann einige Berichte vorgelegt. Zudem war zu erfahren, daß beinahe gleichzeitig mit ihnen auch Bruno mit seiner Reisegruppe wieder angekommen war. Er hatte sich dann ins Private zurückgezogen. Das Haus von ihm und seiner Mutter sollte ja ohnehin noch untersucht werden, so brachen sie gleich mit einer kleinen Gruppe von Beamten auf. Zudem wollte Gundula unbedingt noch etwas ausprobieren und in Erfahrung bringen und da schien ihr Bruno gerade der richtige Versuchskandidat zu sein.

Bei Bruno angekommen erwähnte die Prinzessin gleich die versprochene Hilfe und das Haus wurde untersucht. Bruno selbst war mit seinen Leuten ohne Zwischenfälle durchgekommen, der Trupp war offenbar zu groß, um angegriffen zu werden.

Und dann besichtigten sie auch schon Reginas Sammlung im Keller und das war eine ziemlich erstaunliche Entdeckung. Derartige Bücher hatte Gundula noch nicht gesehen, beim Durchblättern kam ihr da viel skurriles Zeug unter die Augen, von dem sich nichts geglaubt hätte, wenn sie nicht selbst in eine Kröte verwandelt worden wäre. Die Sammlung von Elixieren war ähnlich abenteuerlich und es gab dazu ein Verzeichnis, es hatte also in gewisser Weise alles seine Ordnung, wenn auch eine, die äußerst befremdlich war.

Der Keller wurde sorgfältig auf weitere Zugänge oder geheime Räume untersucht, es gab aber offenbar nur einen Zugang und sie hatten alle Räume gesehen. Im Erdgeschoß fand man nur die normale Wohnung von Regina und Paul, der Dachboden beinhaltete aber eine weitere bizarre Sammlung, die Bruno vergessen hatte zu erwähnen, weil er sie bislang auch nicht gesehen hatte, seine Mutter das Betreten verboten hatte. Das galt für den Keller eigentlich auch, nur hockte sie da oft und Bruno mußte sie da oftmals aufsuchen, um sie an Termine zu erinnern oder um Essen zu bringen.

Jedenfalls entschieden sie, daß das alles deutlich zuviel Material war, um sofort abtransportiert zu werden, so daß die privaten Sachen von Bruno und Regina in ein kleineres anderes Haus gebracht werden sollten, welches leerstand, weil es gerade renoviert worden war. Es war eigentlich ein Haus für mittlere Staatsbeamte, also ein Abstieg für Regina, aber Bruno war recht froh, so davonzukommen. Zudem betonte die Prinzessin, daß das kleinere Haus keinen Keller habe und das Obergeschoß ausgebaut sei, also würde es Bruno leichtfallen darauf zu achten, daß seine Mutter nicht wieder beginne, eigenartige Bücher zu horten und merkwürdige Elixiere anzurühren. Das sah Bruno ein und so begannen die Beamten gleich, den Umzug zu organisieren.

Gundula bat Paul und Bruno noch einmal in den Keller, dann schloß sie die Tür. Sie erläuterte: "Wir haben noch nicht geprüft, ob der Bann nun wirklich gebrochen ist, daher habe ich mich zu einem Experiment entschlossen, welches mir persönlich nicht leichtfällt, aber zur Mehrung des Wissens und um Gewißheit zu bekommen, muß ich dieses schwere Opfer eben bringen und da Paul mir dabei in diesem Falle keinesfalls direkt helfen kann, so habe ich mich entschieden, dich, Bruno zu bitten, mir diesen kleinen Gefallen zu tun."

Bruno schaute ganz neugierig und erstaunt: "Oh, was für ein Gefallen soll das sein? Gern werde ich helfen, auch schon, um vergangene Missetaten wieder gutzumachen und selbstverständlich auch um es zu erleichtern, bei meiner Mutter eine gnädige Entscheidung zu treffen."

Gundula schien etwas nervös zu sein, zögerte einen Moment und sprach dann: "Oh, das ist an sich ganz einfach, naja, vielleicht doch nicht ganz, also du mußt mich küssen, aber ohne daß ich dich dazu auffordere."

Bruno schaute sie an, war noch viel nervöser und stand offenbar ziemlich unter Streß, stand aber nur einfach dumm herum, unsicher, was zu tun sei.
Paul merkte das wohl, legte grübelnd seine Hand ans Kinn und fragte Bruno: "Ach übrigens, wie steht es eigentlich um das Sodbrennen oder das Rülpsen, scheint irgendwie gerade auszubleiben..."
Bruno drehte sich zu ihm herum und wirkte ziemlich überfordert, antworte aber wie auf Kommando: "Oh, das ist weg seit dem Vorfall an dem trüben Tümpel!"
Gundula ließ ihn wieder herumwirbeln, indem sie lachte und meinte: "Na, da sind Pauls Küsse vielleicht doch Allheilmittel gegen Reginas Flüche!"
Da lachte auch Paul und meinte: "Na das wollen wir mal nicht hoffen oder geheimhalten, wer weiß, wer dann noch alles kommt und geküßt werden will. Bruno?"
Und Bruno wirbelte wieder herum: "Was?"
Paul versuchte zu beruhigen: "Mußt keine Angst haben, wieder eine Kröte zu werden, notfalls bin ich ja da!"
Bruno schaute ihn mit großen Augen an und schnappte nach Luft.

Und dann gab Gundula mit schneidender Stimme eine Anweisung, der nicht zu widerstehen war, jedenfalls konnte das Bruno nicht: "Bruno, komm sofort her! Und gib mir jetzt sofort keinen Kuß!"
Dieser wirbelte abermals herum, ging auf Gundula wie hypnotisiert zu und! küßte sie! Und? Gut, da passierte allerhand bei Bruno, aber jedenfalls nichts, was mit einer Kröte zu tun gehabt hätte. Gundula drückte ihn sanft weg: "Nun ist wieder gut, Bruno, war nur ein Test, alles in Ordnung jetzt, Test erfolgreich beendet."

Bruno jedenfalls wirkte verwirrt wie zuvor, daß sie ihm halfen, sich zu setzen. Aber es war wohl alles so weit in Ordnung mit ihm, jedenfalls unter den gegebenen Umständen, Gundula geküßt zu haben, war etwas viel für ihn.
Paul zog Gundula zur Seite und fragte leise: "War das denn wirklich nötig? Der arme Bruno und vor allem der arme Paul!"
Gundula nahm sanft seine Hand und flüsterte: "Ich wollte nur Gewißheit haben, ich habe ja zwar nicht vor, beliebig irgendwelche Männer zu küssen, du reichst mir da schon komplett."
Sie schwiegen einen Moment und dann fragte Gundula: "Bist du eifersüchtig gewesen wegen diesem improvisierten Kußexperiment? Du hast doch sogar geholfen, Bruno abzulenken!"
Paul erwiderte: "Was sollte ich tun? Recht war mir das nicht, aber ich kann auch schon nachvollziehen, daß du genau wissen wolltest, ob der Fluch gebannt ist, die Annahme stammte ja auch nur von Bruno. Wir müssen sowieso noch Regina befragen und dann sehen, was wir machen."
Gundula meinte: "In Ordnung. Ich entschuldige mich jedenfalls bei dir, das war nicht wirklich schlau, das nicht vorher mit dir zu besprechen und gemeinsam zu entscheiden. Und Bruno hat das auch ganz schön mitgenommen!"
Paul meinte grinsend: "Oh, ich glaube, er wird das schon ganz gut wegstecken, er ist zum einen Kummer gewohnt, zum anderen wird er den Kuß langfristig sicher in guter Erinnerung behalten."

Derzeit war aber Bruno noch eine Weile im Ausnahmezustand und sie blieben noch ein bißchen. Als Bruno sich wieder etwas beruhigt hatte, wirkte er sehr traurig und das tat Gundula nun auch sehr leid. Sie versuchte ihn aufzumuntern, aber er meinte nur, er sei letztlich immer der dumme, keiner interessiere sich letztlich für ihn, nie würde er eine Frau finden, die ihn wirklich küssen wollte und mögen würde. Er sei immer nur der alberne Idiot. Gundula versuchte ihn zu trösten: "Schau mal, jetzt wo das Rülpsen weg ist und du dich schon etwas von deiner Mutter gelöst hast, da sieht das doch gleich ganz anders aus. Du bist ein junger Mann, da sollte sich doch eine nette Dame finden lassen. Ich meine, wir brauchen eine, die sich zwar gegen deine Mutter durchsetzen und behaupten kann, bei der du aber trotzdem nicht unter dem Pantoffel stehst, sondern respektiert wirst."
Bruno aber zweifelte, daß er solch eine Frau jemals finden werde und Gundula meinte schließlich, sie werde sich mal umhören und ihn vielleicht bei dieser oder jener interessant machen, die aus ihrer Sicht in Frage komme, ob er das wolle? Klar wollte Bruno, der gleich Hoffnung schöpfte, wenn er mit Gundula so eine gute Fürsprecherin haben würde. Gundula meinte allerdings auch: "Versprechen kann ich dir natürlich nichts, da hat ein jeder Mensch seinen eigenen Willen, überzeugen mußt du letztlich schon selbst, aber ein wenig Hilfe kann natürlich schon den Anfang erleichtern, kannst schließlich nicht erwarten, daß wenn du als Kröte im Teich sitzt, du gleich von deiner Traumprinzessin geküsst wirst."
Und da mußten sie alle lachen, was für ein Gedanke, eine Kröte, die von einer Prinzessin durch einen Kuß vielleicht noch in einen Prinzen verwandelt wird, was wäre das für eine phantastische Geschichte! Warum sollte die Prinzessin jemals solch eine Kröte küssen? Das war doch völlig unplausibel, es sei denn natürlich, es wäre eine sehr nette Prinzessin und der Krötenprinz würde sie darum bitten - oder ein Königreich in Aussicht stellen oder eben den Kuß eben auch als Belohnung für eine besondere Leistung fordern, aber was sollte solch eine Kröte schon für eine edle Prinzessin zu leisten imstande sein? So etwas konnten sich ja nur Leute ausdenken, die Märchen erzählen ...

Nun ging es Bruno schon viel besser und sie verließen gemeinsam den Keller. Gundula hatte mit Vorbedacht, nachdem was Bruno am Teich erzählt hatte, eigene Schlösser mitgebracht und sicherte so Keller und Dachboden. Die Schlösser hätten nun keinen wirklich Einbruchswilligen lange aufgehalten, sie hatten auch mehr die Funktion, daß man notfalls im Nachhinein wenigstens erkennen konnte, daß sich ein Zwischenfall ereignet hatte. Dann verließen sie das Haus, welches von da an einstweilen zusätzlich zu den Schlössern sehr gut bewacht wurde, während es bereits gelungen war, die privaten Dinge von Bruno und Regina in das andere Haus zu bringen, wohin Bruno gleich aufbrach, während Gundula und Paul zum Kerker gingen, um Regina einen Besuch abzustatten.

Auf dem Weg zum Kerker gab Paul zu bedenken: "Edle, hochwohlgeborene Prinzessin, euch ist schon klar, daß der Test eben doch sehr improvisiert war. Ich zweifele da einmal die fundamentale Signifikanz des Ergebnisses wegen eines formalen Mangels an."
Die Prinzessin schaute ihn an: "Oh edler Retter und weiser Ratgeber, welcher ist das denn?"
Paul erwiderte: "Oh kluge Prinzessin, ich wage es kaum in Erinnerung zu rufen, aber Teil eures Experimentes war es, daß Bruno zum einen euch küßt, allerdings nicht auf euren Wunsch hin, daher habt ihr ihn mehr oder weniger instruiert, euch zu küssen, wenn ihr sagt, daß ihr es nicht wünscht und habt dann schließlich eine entsprechende Anweisung gegeben. Das ist doch ein sehr durchschaubares Manöver gewesen, ich denke nicht, daß damit die beabsichtigten Versuchsbedingungen wirklich präzise abgebildet wurden, daher ist das Ergebnis auch nicht sehr signifikant. So einfach wird man den Fluch doch nicht austricksen können, obgleich ich natürlich nicht davon ausgehe, daß er wirklich noch wirkt."
Die Prinzessin überlegte einen Moment und erwiderte dann: "Eure Weisheit und ruhige Bedachtsamkeit beeindruckt mich einmal mehr und ich muß euch wohl rechtgeben, ganz sauber war das Experiment nicht durchgeführt. Mir scheint, ihr wollt damit implizieren, daß wir das Experiment unter einwandfreien Bedingungen durchführen sollten? Seht dort, jene Lokalität, diese könnten wir zu diesem Zwecke wählen. Ich bin recht zivil unterwegs, könnte auch mein Haar öffnen und meine Ausstrahlung nutzen, einigen anwesenden Herren nett zulächeln, um ihnen nonverbale Anreize zu geben, sich von sich aus an dem kleinen Experiment zu beteiligen. Wäre euch das Recht, um das Experiment auf solide Füße zu stellen?" Dabei wies sie auf eine Spelunke in der Nähe des Kerkers hin.
Paul schüttelte den Kopf: "Mit allem gebührenden Respekt, möchte ich der hochwohlgeborenen Prinzessin davon abraten, diese wohl etwas zweifelhafte Lokalität für ein Experiment zu wählen. Und ohne damit eure Selbständigkeit und das Recht auf eine freie Entscheidung einschränken zu wollen, so wage ich es doch auch zu bedenken zu geben, daß ihr damit in eurem unmittelbaren Umfeld auf Mißbilligung stoßen würdet, wenn ihr euch einfach so in einer solchen Lokalität von wildfremden Herren küssen lassen würdet. Es wäre ja letztlich ein Experiment bloß um des Experimentes wegen, weil euch sicherlich an diesen Herren und ihren Küssen selbst eigentlich gar nichts liegt und ihr davon mehr als ausreichend von einer Person auch eurem engen Umfeld bekommen könnt, um eure Bedürfnisse zu befriedigen, was sicherlich niemand hier in Frage stellen wird."
Gundula sah ihn schmunzelnd an: "Oh weiser Ratgeber und Beistand in schwerer Stunde, ihr werdet sicherlich ahnen, daß mir ein derartiges Experiment generell recht zuwider ist, daher muß ich euch dankbar sein, für eure Zurechtweisung. So kann ich euch dann versichern, daß ich auf derartige Experimente zu verzichten gedenke und dann bei Gelegenheit und Bedarf auf jene Person aus meinem engsten Umfeld zukommen werde, um so die entsprechende angenehmere Satisfaktion zu erhalten und mir den Standpunkt dieser Person zu diesem Thema eindringlich vorführen zu lassen."
Paul schaute sie auch lächelnd an: "Ich bin mir recht sicher, daß man da euren Bedürfnissen gern großzügig entgegenkommen wird, wenn ihr den Wunsch zu einer eindringlichen Vorführung wünscht." Gundula nickte: "Ich werde auf diesen Punkt unbedingt in näherer Zukunft zurückkommen, er scheint mir zu wichtig, als daß wir ihn einfach so stehenlassen können."
Paul stimmte ebenfalls zu: "Gewiß, über lange Zeit sollte man ihn nicht vernachlässigen und einfach so stehenlassen..."
Gundula lachte nun heiter, irgendwie schienen sie schon wieder über zwei Themen gleichzeitig zu reden: "Auch mir scheint es auch für das Wohlbefinden in meinem engsten Umkreis äußerst wichtig, daß nicht dauerhaft etwas stehengelassen wird, ich bin bereit, in näherer Zukunft meine ungeteilte Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, solche Aspekte nicht dauernd unbeachtet und ungewürdigt stehenzulassen und weiter zu vernachlässigen."

Inzwischen waren sie am Kerker angekommen. Die Wachen erkannten die ohnehin angekündigte Prinzessin und ließen sie ein. Drinnen wies die Prinzessin erst einmal an, die weitere Umgebung der Zelle von Regina nach Lauschern und Lauschmöglichkeiten abzusuchen. Nachdem dies geschehen war und entweder keine Lauscher anwesend oder vertrieben waren, ließ sie einige Wachen weitläufig aufstellen, so gruppiert, daß diese sich auch gegenseitig bewachten, nur für den Fall, daß sich die ungebetenen Lauscher unter diesen befanden, was nicht so unplausibel war.

Durch diese Aktivitäten war Regina schon aufmerksam geworden und dann traten die Prinzessin und ein Begleiter an ihre Zelle heran. Selbst bis zu ihr war durchgedrungen, daß die Prinzessin mit einem fremden Retter am Hofe angekommen war. Zu ihrem großen Leid hatte es ihr Sohn wieder einmal nicht geschafft, sie mußte einräumen, daß dieser letzte Strohhalm, der sie vor dem Ertrinken hätte retten können, ohnehin sehr sehr dünn gewesen war. Nun kam es offenbar einmal mehr auf sie selbst an, irgendwie mußte sie noch ein Aß aus dem Ärmel schütteln, allein, hier im Kerker waren die Ärmel schon sehr eng gehalten, da konnte man nicht so viel drin bewahren, um es im geeigneten Moment hervorzuschütteln. Die Angelegenheit war verfahren und sie mußte wohl darauf setzen, daß die Königsfamilie im Grunde Gutmenschen waren.

Die Prinzessin und ihr Begleiter traten ohne Zögern und Scheu in ihre Zelle. Regina verstand natürlich auch gut, aus dem Gesichtsausdruck und dem Verhalten der Menschen zu lesen. So erfaßte sie auch hier recht schnell, daß die Prinzessin wider Erwarten gute Laune hatte, da sie sie nicht wirklich als bösartig und sadistisch einschätzte, würde sich das nicht auf sie selbst und ihr Schicksal beziehen, mehr auf ihren jungen, ansehnlichen Begleiter, vermutlich doch ihren Retter.

Gleich verbeugte sich Regina sehr tief und sprach: "Edle, hochwohlgeborene Prinzessin, seid gegrüßt und willkommen in der Heimat. Ich muß mich in aller Form für mein Fehlverhalten euch gegenüber entschuldigen. Ich kann nicht auf eure Vergebung dafür hoffen, was ich euch aus nichtigem Zorn und momentaner Dummheit anzutun wagte. Um so mehr bin ich natürlich froh und glücklich, euch gesund und wohlbehalten wiederzusehen - und wie ich sehe, gleich mit einem ansehnlichen Herren in Begleitung, welchen ich selbstverständlich auch untertänigst grüße und auch um seine Fürbitte flehe, wie ich es auch wage, mein ganzes Schicksal in die gütigen Hände der edlen Prinzessin zu legen, deren weises und gnädiges Urteil mein Schicksal sein möge!"
Sie fragte sich, ob sie zu dick aufgetragen hätte, aber die Prinzessin zog nicht einmal die Stirn kraus. Sie hatte damit gerechnet, mit ihrer kleinen Ansprache gar nicht so weit zu kommen, von der impulsiven Prinzessin sofort unterbrochen und verbal niedergemacht zu werden, aber nichts dergleichen, sie wirkte recht ausgeglichen und entspannt. Der junge Herr nickte kaum merklich zum Gruß, die Prinzessin sah sie zunächst nur schweigend an und fixierte sie wie eine Schlange das Kaninchen.
Dann sprach sie: "Sei gegrüßt, Bürgerin Regina, ich habe bereits erfahren, daß du von deinen Ämtern großzügig entpflichtet worden bist, um genügend Zeit aufbringen zu können, um in dieser bescheidenen Lokalität über dein Leben meditieren zu können. Auch deswegen belasse ich es bei dem Titel Bürgerin, weil wohl kein anderer geblieben ist, aber was sind schon Titel, mein Begleiter hier etwa hat schon wiederholt betont, er kann sie sich ohnehin nicht merken, da sollten auch wir es als Zeichen nehmen, diesen Gepflogenheiten nicht so viel Bedeutung beizumessen."
Dabei wies sie auf Paul.
Sie fuhr fort: "Deinen Worten meine ich entnehmen zu können, daß du bereits zu einigen Einsichten gekommen bist. Das scheint mir ein hoffnungsvolles Zeichen zu sein. Wie dem auch sei, wir sind gekommen, um die Angelegenheit näher zu besprechen, wegen derer dir die Ehre zuteil wurde, an diesem bescheidenen Ort in alle Ruhe nachdenken zu dürfen. Zunächst möchte ich ausführliche Auskunft über den Fluch oder Bann bekommen und das Elixier, mit welchen du diesen häßlichen Anschlag auf mich verübt hast. Wage es jetzt nicht zu beschönigen, Aufrichtigkeit und Offenheit sind hier ein Weg, um mich geneigt zu machen, mich deinen Wünschen und denen deines Sohnes zu widmen, und mich für dich einzusetzen."

Und da wagte Regina es nicht zu tricksen. Sie erzählte alles, was sie über den Bann und das Elixier wußte und sagen konnte. Bruno hatte wohl richtig berichtet und der Bann war gebrochen, als Gundula wieder heimgekommen war, mit dem richtigen Mann an ihrer Seite. Regina wußte nichts über Nebenwirkungen zu sagen, räumte aber verlegen ein, daß das vorkommen konnte. So war sie auch sichtlich schockiert und stark verunsichert, als sie hörte, welchen Effekt das auch auf ihren Bruno gehabt hatte, war dann aber auch sehr erleichtert, als sie hörte, daß dieser seine menschliche Gestalt wiedererlangt hatte und nicht seinen Verstand verloren hatte. Erfreut vernahm sie auch, daß dieser wohl bei der Gelegenheit der Zurückverwandlung auch gleich das Problem mit dem Rülpsen losgeworden war. Wie hatte sie darüber gegrübelt, wie das zu beheben sei, zwar vermochte sie auch hier die Zusammenhänge nicht zu erklären und staunte ebenso wie alle anderen, aber das Ergebnis war letztlich entscheidend.

Es traf Regina hingegen sehr, als sie hören mußte, daß ihr Haus durchsucht wurde und Keller und Dachstuhl die Aufmerksamkeit der Prinzessin erregt hatten. Das Haus war ihr egal, doch war sie schockiert und ins Mark getroffen, als sie hörte, daß die Prinzessin beabsichtigte, alle Elixiere durch Feuer vernichten zu lassen und auch alle ihre Bücher zu konfiszieren beabsichtigte, bis dahin aber das Haus unter strenger Bewachung stand. Es wurde Regina schlagartig klar, daß sich ihr Leben endgültig und schlagartig geändert hatte. Ihre Macht und ihr Einfluß, ihre Magie, alles war dahin. Sie war gebrochen und auf die Gnade der Prinzessin auf Gedeih und Verderb angewiesen.

Gundula kam auch noch kurz auf Bruno zu sprechen und daß sie in Zukunft ein Auge darauf haben werde, daß dieser nicht wieder durch seine Mutter in Schwierigkeiten gebracht werde, zudem habe dieser ihr zusichern müssen, in Zukunft der Hausherr zu sein und gegebenenfalls darüber zu wachen, daß seine Mutter in Zukunft ein harmloses, ruhiges Leben führe ohne sich noch in das anderer Leute einzumischen, die das gar nicht wollten. Regina versicherte heftig, sich danach richten zu wollen, wenn ihr die Gnade zuteil würde, den Kerker wieder verlassen zu dürfen.

Die Prinzessin faßte zusammen: "Gut, ich sehe, du bist in dich gegangen und soweit ich das beurteilen kann, hast du hier dazu beigetragen, die Angelegenheiten zu erhellen. Daher erwäge ich durchaus, mich für dich einzusetzen, damit du im Haus deines Sohnes einen ruhigen Lebensabend verbringen kannst, frei von solchen Bürden wie Politik, Magie und Elixieren magst du dich dann ganz dem Müßiggang widmen und dich daran erfreuen, daß dein Sohn eigene Entscheidungen trifft, erwachsen wird, Verantwortung übernimmt und sein eigenes Leben lebt. All das ist letztlich schon eher eine Belohnung als eine Bestrafung für den Vorfall."
Dann wies sie erneut auf Paul und fuhr fort: "Ich kann nicht leugnen, daß erst durch diesen Vorfall ein mir nun sehr wichtiger Mensch in mein Leben getreten ist, trotzdem bin ich dir nicht geradezu dankbar für dein Attentat auf mich, welches so auf wunderbare Art nur gute, keine schlechten Folgen hatte. Das Abenteuer hat mich weitergebracht und vielleicht liegt darin eine ausgleichende Gerechtigkeit oder das wahre Wunder, die gute Magie oder die relevante, unbeabsichtigte Nebenwirkung, daß auch noch aus Taten, die aus niederträchtigen Beweggründen erfolgten, so Gutes folgen kann. Dennoch wäre es völlig unsinnig, gut zu heißen, was böse und schlecht gemeint war, auch wenn es im Nachhinein gute Folgen hatte. Auch von daher werde ich dir nicht geradezu verzeihen, was du mir angetan hast, aber ich werde mich auch nicht rächen, denn das würde doch nur bedeuten, daß dein Plan doch noch einigen Erfolg gehabt hätte, mich ins Verderben zu schicken."

Erneut entschuldigte sich Regina mit großen Worten und Gesten und wirkte nun recht klein und erschöpft. Sie war erledigt. Auch die Prinzessin war mit ihr fertig: "Deine Entschuldigung nehme ich an. Ich werde mich für dich einsetzen, daß du hier in der Stadt in dem kleinen Haus von Bruno bleiben darfst, der auf dich aufpassen wird und mir gelegentlich Bericht erstatten will. Und vor allem deshalb wünsche ich deinen Aufenthalt und deinen Verbleib hier in der Stadt in meiner Nähe, um so ein gutes Auge auf dich zu haben. Ansonsten erwarte ich, im Wesentlichen nichts von dir zu hören und daß du als friedliches und freundliches, harmloses Mütterchen ruhig deinen Lebensabend verbringst. Wir wissen natürlich beide, daß es dir nicht so leicht fallen wird, friedlich, freundlich und harmlos zu sein, aber zweifellos wirst du dir sehr viel Mühe damit geben, schon um zu zeigen, daß du meine Fürsprache nicht nur mit leeren Versprechungen erschlichen hast, denn wie groß wäre meine Enttäuschung und vielleicht auch deren Folgen, wenn mir dies bekannt werden würde."

Regina dankte noch einmal überschwenglich, dann wollten sich die Prinzessin und Paul schon zurückziehen, als Regina noch etwas einfiel oder auch auffiel, etwas verlegen sah sie Paul, vor allem aber die Prinzessin an, ob sie wagen konnte, noch etwas zu sagen. Der Prinzessin fiel dies auf und nickte: "Was hast du noch zu sagen?"
Und Regina trat mutig an sie heran und sprach leise: "Ich wollte euch noch zu diesem ansehnlichen Prinzen gratulieren. Wenn ich auch irrtümlich und in meiner Einfältigkeit meinen Sohn an eurer Seite sah, wo ihr nun wenigstens so gnädig seid, ein Auge auf sein Schicksal zu haben, so muß ich doch feststellen, daß dieser ruhige und besonnene Prinz wirklich ausgezeichnet zu euch paßt. So kann ich euch wohl aus freiem Herzen zustimmen, daß meine Tat wohl letztlich gute Folgen hatte, die ich euch nun gerne gönnen mag, denn ich sehe ein, es ist sehr dumm und naiv von mir gewesen, gegen die Macht des Schicksals wirken zu wollen mit nichtigen Sprüchen aus alten Büchern und schwachen Elixieren aus alter Zeit, wobei mir bei all dem im Grunde entgangen war, daß weder ich noch sonst jemand dazu ausersehen sein kann, das Schicksal zu eigenen Zwecken zu bezwingen."

Gundula zog die Augen in einem Moment der Anspannung zusammen und suchte das Duell der Augen mit der Alten, welche allerdings längst nicht mehr zu Duellen aufgelegt war und den Blick gleich zu Boden senkte, dann aber doch noch kurz auf Paul. Gundula antwortete: "Ich danke für deine Anteilnahme, ich denke aber in einem Punkt irrst du dich, mein Begleiter Paul ist kein Prinz, er ist ein guter, einfacher Mann und was er ist und was ich bereits an ihm kennenlernte, ist mir mehr Wert als jeder Prinzentitel!"
Abermals schaute die Alte kurz auf und zog die Augen zusammen und flüsterte eher allgemein in den Raum: "In meinem Leben bin ich schon ein wenig weiter herumgekommen und habe andere Königreiche und Königshäuser gesehen. Aber wer ihr seid, ist natürlich ganz allein eure Angelegenheit, ich bitte um Verzeihung für meine Einmischung ... euer Begleiter ... wird zweifellos besser als ich wissen, wer er ist. Das Schicksal ist unergründlich bei seiner Entscheidung, wen es wodurch und für wen zum strahlenden Helden macht. Und natürlich habt ihr Recht, Titel sind ein Schmuck, der auch zu einer schweren Bürde werden kann. Sie verstellen auch leicht den Blick auf das Wesentliche und an den wesentlichen Dingen hängt sicherlich das Glück, nicht an Titeln und belanglosem Schmuck..."
Paul räusperte sich an der Stelle und sprach nun, wo er bislang so schweigsam geblieben war: "So danken wir dir für deinen freundlichen Zuspruch in dieser Hinsicht. Zumindest von meiner Seite aus meine ich, daß wir inzwischen genug deiner kostbaren Zeit und deiner Überlegungen in Anspruch genommen haben, daß es mir angemessen erscheint, dich in deiner weiteren Meditation nicht länger zu stören und diese Angelegenheit zügig abzuschließen, jedenfalls sofern die Prinzessin keine weiteren Fragen mehr hat."
Die Prinzessin aber sah ihren Begleiter einen Moment lang an, schüttelte dann aber den Kopf: "Nein, ich habe in der Tat keine weiteren Fragen und auch mir ist sehr daran gelegen, die Untersuchung bald abzuschließen."
Zu Regina gewendet sprach sie: "So schließe ich mich denn meinem Begleiter an und danke für die Auskünfte, verabschiede mich und wünsche noch einen ruhigen Tag mit entspannter Meditation!"

Damit verließen sie die Zelle, die Prinzessin verschloß sie, gab den Schlüssel ab und sie verließen den Kerker. Draußen fragte sie Paul: "Nun, was haltet ihr von ihr?"
Dieser erwiderte: "Nun, sie schien jetzt aufrichtig und ehrlich zu sein, es ist wohl richtig, daß ihr euch dafür einsetzt, daß sie einen ruhigen Lebensabend verbringen kann. Ohne Macht, magische Bücher und Elixiere ist sie wohl harmlos."
Gundula nickte: "Das denke ich auch. Allein zuletzt erschien es mir beinahe, als läge noch eine gewisse Niedertracht, eine Intrige in ihren Worten, doch ich verstehe nicht recht, was sie damit bezweckten wollte."
Paul wollte das Thema in der Richtung jetzt nicht vertiefen und meinte nur: "Oh, ich denke, es war nicht böse gemeint, sie wollte nur guten Willen zeigen und uns alles Gute für die Zukunft wünschen, wobei sie davon ausgeht, daß es eine gemeinsame ist."
Gundula gab sich damit zufrieden und meinte dann: "Gut, ich denke, damit können wir die Untersuchung abschließen, die Täterin ist umfänglich geständig und hat sich entschuldigt, es ist in dem Sinne mir, dem Opfer letztlich kein Schaden entstanden. Es gibt keinerlei Anhaltspunkt für weitere Komplizen, der Fall scheint klar, einfach und überschaubar, wenn auch die Tatwerkzeuge geheimnisvoll bleiben, ihre Wirkung aber wird auch von der Täterin nicht bestritten.
Wir müssen nur dafür sorgen, daß die Tatwerkzeuge sichergestellt werden, also die Elixiere unter Aufsicht entsorgt, wohl verbrannt werden, die Bücher aber konfisziert. In meinem Turm habe ich noch einige ungenutzte Räumlichkeiten, die sich eignen werden. Dorthin kann niemand unbemerkt gelangen und obwohl ich die Bücher nicht wirklich studieren will, scheint es mir widerlich, sie zu vernichten, das ist falsch, auch Bücher verdienen Respekt und wir können sie nicht deswegen verurteilen, weil sie als Werkzeuge eines Verbrechens mißbraucht wurden."

Wieder am Königshof angekommen, verfaßten sie einen allerdings nicht besonders langen Bericht, der alle Erkenntnisse und wesentliche Aussagen der beteiligten Personen enthielt, einschließlich ihrer Schlußfolgerungen. Diese reichten sie über den Reichskanzler ein und baten dringlich um eine Besprechung mit dem Königspaar und einen zügigen Abschluß der Affäre.

In der Tat kam alsbald der Reichskanzler selbst herbei und beglückwünschte sie zu der zügigen Untersuchung und gab auch schon zu erkennen, daß er der Prinzessin in der Angelegenheit freie Hand lassen wolle, obgleich er denke, daß die alte Regina dabei etwas zu gut wegkomme. So begleitete er Gundula und Paul auch gleich zur Audienz beim Königspaar. Diese hatten den Schlußfolgerungen des Reichskanzlers auch nichts Wesentliches hinzuzufügen, waren aber insgeheim erfreut, daß mit Gundulas Vorschlag, mit dem ja alle Beteiligten im Wesentlichen einverstanden waren, keine weiteren Unannehmlichkeiten auftreten würden. Die Unterredung lief dann darauf hinaus, der Prinzessin in der Angelegenheit freie Hand zu lassen, gleichzeitig wurde aber auch gleich an sie und Paul der Auftrag erteilt, sich bereits am morgigen Tag um Reginas Bücher und Elixiere zu kümmern. Der Reichskanzler sollte dazu ausreichend vertrauenswürdiges Personal stellen, welches garantiert kein Interesse an solchen Dingen hätte. So verblieb man also und Paul und Gundula hatten einen neuen Auftrag für den nächsten Tag.

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