Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

21. Zurück im Reich

So wurde es bald ruhig im Haus, man löschte die Lichter und ging zu Bett. Es dauerte aber nicht lange, bis die Prinzessin leise an die Verbindungstür klopfte, worauf Paul öffnete. Sie bat ihn herein, sprach leise und hielt die Form bei: "Edler Herr und Retter, ich wollte nicht säumen, euch noch allein zu sprechen, wenn ich auch nicht genau weiß, ob es nicht doch Lauscher geben mag. So möchte ich nicht missen, euch meinen tiefempfundenen Dank auszusprechen, daß es euch gelungen ist, mich ganz bis zurück in mein Reich zu geleiten. Ich möchte euch köstlichen Lohn für eure Bemühungen in Aussicht stellen, wenn ich ganz daheim angekommen bin, und ihr könnt euch gewiß sein, daß ich weiß, das materieller Lohn euch Nichts ist. So möchte ich euch einstweilen nur ganz bescheiden die Umarmung einer Prinzessin schenken, die ihrem Retter soooo dankbar ist."
Damit trat sie an ihn heran, umarmte ihn sanft, daß ihre Wangen aneinander streiften. Dann flüsterte sie in sein Ohr: "Es wurde mir schier unerträglich, dich nicht berühren und umarmen zu können, doch müssen wir einstweilen noch das Protokoll respektieren, bis die Angelegenheiten bei Hofe geklärt sind und man nicht etwa einen künstlichen Skandal aus einer natürlichen Sache macht, um doch noch mit irgendeiner Intrige durchzukommen."
Paul flüsterte zurück: "Liebste, das ist dein Reich, du kennst dich hier mit den Gepflogenheiten aus. Dir habe ich gern die Führung überlassen und gebe mich ganz in deine Hand, was hiesige Protokolle, Skandale und Intrigen anbelangt. Für erstere beide stehe ich in unserem Zusammenhang voll und ganz zur Verfügung der edlen Dame."

Gundula war zufrieden und sie dachte sich, im Dunklen sei es einerseits sicher in Ordnung, zum anderen sei es notfalls einen Skandal wert und gab ihm sogleich einen zarten Kuß auf die Wange, den er erwiderte. Sie mochte ihn noch nicht loslassen, so hielten sie sich und schließlich trafen sich ihre Lippen und Zungen, um dem Tag ein angenehmes Ende zu bereiten. Obgleich es ihnen schwerfiel, lösten sie sich dann doch wieder voneinander und jeder ging zurück in sein Zimmer, wobei die Prinzessin dafür sorgte, daß die Tür einen Spalt weit offenblieb, denn so meinte sie, ihrem Liebsten wenigstens ein kleines bißchen näher zu sein.

So trat auch bei diesen beiden endlich Ruhe ein und sie schliefen bald tief und fest in ihren Betten. Wie man es verabredet hatte, wurden sie morgens kurz nach Sonnenaufgang geweckt und sie machten sich frisch für den Tag. Auf dem Weg zum Frühstück, schon auf dem Gang berührte die Hand der Prinzessin nur ganz zufällig die Hand ihres heldenhaften Retters, sie schauten sich aus den Augenwinkeln an und lächelten.

Das Frühstück selbst nahmen sie zusammen mit einigen Damen und Herren der Stadt ein, welche die Gelegenheit nutzten, um mit der Prinzessin zu speisen. Paul und die Prinzessin beteiligten sich höflich und im Umfang angemessen an der Konversation und belohnten die Anwesenden somit mit ihrer Aufmerksamkeit, wofür diese sichtlich dankbar waren. Die Anekdote des Frühstücks mit der Prinzessin und ihrem Retter, direkt nachdem sie von der Verwünschung zurückgekommen war, war schließlich etwas, was man immer wieder würde erzählen können, zudem hatte es bislang für wenige der Anwesenden Gelegenheit gegeben, einmal zu einem Fest bei Hofe geladen zu werden und so die Prinzessin bereits persönlich kennengelernt zu haben. Und man konnte wohl eindeutig sagen, die Prinzessin machte trotz ihres sehr bescheidenen und zurückhaltendem Auftretens allein durch ihre Präsenz starken Eindruck. Und jene, die sie bereits kannten, hatten schnell den recht sicheren Eindruck, daß sie sich entwickelt hatte, nicht mehr die hochnäsige, etwas zickige Jugendliche war, sondern an der Seite ihres Retters plötzlich zu einer zwar jungen, aber doch erwachsenen Frau geworden war. Als entschlossen war sie bereits vorher bekannt, aber nun machte sie mit einem deutlich angenehmeren Auftreten und Benehmen einen guten Eindruck auf alle Anwesenden. Und so manchem am Tisch war ganz klar, sie speisten hier mit der zukünftigen Königin - und diese Zukunft lag nicht mehr fern und wirkte sicherlich nicht bedrohlich, jedenfalls sofern man keine Intrigen und Manipulationen zum eigenen Nutzen plante. Und mancher hatte auch den Eindruck - der kühne Recke an ihrer Seite paßte schon sehr gut dahin - und obwohl sie es nicht offen zeigte, so hatten einige sensiblere Damen am Tisch doch gleich die Intuition, daß die Prinzessin diesen auch gern länger an ihrer Seite behalten wollte, nicht nur bis zurück an den Königshof, um den Bann endgültig zu lösen.

Zwar hatte man vorgeschlagen, die Prinzessin möge doch auf Kutschen und Geleit vom Königshof warten, um abgeholt zu werden, doch diese bestand darauf, mit ihrem Retter auf ihren Pferden heimzureiten. Und da lohnte sich mit ihr keine Diskussion. Allerdings hatten sie nun einiges Geleit. So ritten sie durch, zunächst einmal bis zu einem kleineren Ort, wo sie zu Mittag aßen und etwas pausierten, dann ging es weiter bis zum Nachtquartier in einer weiteren Stadt. Da verlief es ähnlich wie in der vorherigen Nacht. Doch am Morgen hatten bereits Eilboten Briefe vom Hof gebracht, worin das Königspaar, der Reichskanzler und weitere Minister ihre Freude und Erleichterung bekundeten, die Prinzessin wieder daheim im Reich zu wissen.

Beim nächsten Quartier hatte sie auch bereits das Geleit erreicht, welches ihnen vom Hof entgegengesendet worden war, so daß sie von nun an mit diesem Gefolge reisten. Und es gab dann noch zwei weitere Nachtquartiere, daß es Paul und Gundula zur Qual wurde, daß sie sich unter diesen Umständen kaum ungestört und unter sich treffen konnten. Es blieb blieb nachts bei einer Umarmung und einem flüchtigen Kuß, das mußte einstweilen reichen.

Immerhin hatte so Gundula Zeit, jene Erlebnisse in der Nacht im Heu der Scheune zu verarbeiten. Das war immer noch alles einerseits sehr präsent, allerdings vermochte sie noch immer nicht genau zu rekonstruieren, was Paul genau mit ihr angestellt hatte. Also prinzipiell erinnerte sie sich schon - und sogar natürlich sehr gern! - was er getan hatte und wie heftig das auf sie gewirkt hatte. Aber wie er bewirkt hatte, daß sie empfand, was sie nun einmal empfunden hatte, und zwar ohne sich gleich verunsichert und abweisend zurückzuziehen, das war ihr nicht klar. Und wie das gewirkt hatte, war noch immer sehr überraschend für sie, verblüffend. Das Erlebte hatte sich tief eingegraben und sie zehrte noch sehr gern davon, zumal es sie sehr quälte, den Geliebten einerseits so nah zu wissen, ihn aber nicht spüren zu dürfen, sich nicht an ihn schmiegen zu dürfen, um ihn zu fühlen, ihn aufzusaugen, ihn in sich aufzunehmen mit all ihren Sinnen. Aber Disziplin und Respekt vor der Tradition war irgendwie auch wichtig. Sie wollte etwas ändern, dafür mußte sie aber auch respektierter Teil des Reiches sein. So oder so, sie näherten sich ihrem Ziel. Nachdem die Angelegenheiten mit dieser Krötenaffäre endgültig erledigt wäre, wäre endlich die Zeit gekommen, ganz auf Paul einzugehen. Bereits vorher konnte sie ihm einiges zeigen, was wichtig für sie war oder gewesen war - der Turm, der Garten, ihre kleine Welt am Hofe...
Die Vorstellung, Paul bald in ihre kleine Welt einführen zu dürfen, tröstete sie einerseits über die verbleibende Reisezeit hinweg, andererseits quälte es sie aber auch, nicht sofort handeln zu können, ihren Impulsen einfach freien Lauf lassen zu können.

Paul war es gar nicht mehr gewohnt, daß ihm Leute solche Aufmerksamkeit schenkten, die er gar nicht kannte. Irgendwie wurde er als Held herumgereicht und es gab immer allerhand Annehmlichkeiten und Köstlichkeiten, Leute die sich wichtig machten oder wichtig waren, die in der Nähe der Prinzessin sein wollten und auch in der Nähe des Retters, um sich vielleicht auch ein wenig in der aufkommenden Legende zu sonnen und sich ihren kleinen Platz darin zu sichern. Sie konnten irgendwann sagen, daß sie dabei gewesen waren. Das amüsierte ihn auch ein wenig. Was hatten er und Gundula im Grunde getan? Nicht viel mehr, als eben notwendig war, um wieder in Ordnung zu bringen, was in Unordnung war, zudem hatten sie nur ganz bescheiden begonnen, ihren Weg selbständig zu gehen. Wenn man das alles schon als Heldentat sah, was würde man erst zu denen sagen, die etwa Bractland aus Elend und Chaos zu retten vermochten? Er fühlte sich natürlich nicht als großer Retter und Held schon gar nicht. Er und ein Held, das war schon ein ziemlich lächerlicher Gedanke. Aber das war ein Aspekt, den er Gundula noch anvertrauen mußte, falls diese ihre Angelegenheit nicht doch als erledigt ansah, wenn sie wieder daheim war und der Bann endgültig gebrochen war. Allerdings vertraute er ihr und ging nicht davon aus, daß sie ihre Angelegenheit als erledigt betrachten würde, also würde er ihr schon noch erklären müssen, wie wenig er sich zur Rolle des Helden eignete.
Auf solch einen Heldenstatus wollte er gern verzichten, der Rest aber war eine sehr dicke Kröte, der er sich da widmen mußte, um im Bilde zu bleiben.

Die Zeit schien sich bei der Reise durch das Reich endlos zu dehnen, aber dann waren sie da, der Köngshof war in Sicht, gut es war eher eine große Schloßanlage mit etwas wie einem Palast - und tatsächlich alles überragte ein stattlicher Turm, wohl der Elfenbeinturm der Prinzessin. Zumindest ein Teil der Anlage samt Turm mußte eine Trutzburg sein, die für Angreifer schwer zu erobern wäre, die mit bösen Absichten kamen. Der größere Teil der Anlage waren aber freundlichere, einladendere, neuere Gebäude, denen man ansah, daß man hier keinen Feind ernsthaft fürchtete, der offen würde angreifen wollen.

Am Hofe folgte irgendwie auch die Wiedersehensfreude einem Protokoll. Jedenfalls bezog man zunächst wieder Quartier, wobei die Prinzessin wieder einmal mehr dafür sorgte, daß Paul ruhig und nicht allzu weit von ihr untergebracht wurde, wobei es allerdings die Gegebenheiten und das Protokoll am Hof keineswegs zuließen, daß sie wieder benachbarte Zimmer bekamen. Jedenfalls wurde erst einquartiert und frisch gemacht, dann wurde zur Audienz beim Königspaar geladen, welche ihre Tochter und auch Paul sehr freundlich begrüßten, ihr aber nicht glücklich um den Hals fielen, sondern sich irgendwie innerlich und sehr verkniffen freuten und ihre große Erleichterung hinter bewährten Floskeln verbargen. Allmählich meinte Paul zu verstehen, warum Gundula so gewesen war, wie sie nun einmal gewesen war und warum dann schließlich aus ihr geradezu herausgeschossen kam, was irgendwann herauskommen mußte. Hier jedenfalls schien man Stöcke verschluckt zu haben und behielt in jeder Lage (dieselbe) Haltung. Auch eine Methode, um als Regent zu überleben, wenn man alles mit einem freundlichen Lächeln an sich abprallen ließ, egal ob katastrophal oder erfreulich.

Der Reichskanzler war ein etwas anderer Typ, zwar hielt er sich auch an das Hofprotokoll, aber als er die Prinzessin wohlbehalten sah, sah man regelrecht, wie ihm ein Mühlstein vom Herzen fiel, vielleicht auch, wie ihm eiserne Zwingen um die Brust zersprangen. Er klopfte sogar Paul anerkennend auf die Schulter und beglückwünschte ihn. Natürlich hatte es der alte Bursche faustdick hinter den Ohren und bei dieser Audienz prüfte er sogleich, wie es inzwischen stand, merkte schnell, daß die Prinzessin reifer geworden war und spürte wohl auch irgendwie die starke Bindung zwischen Gundula und Paul, auch wenn diese sich nur ab und an flüchtige Blicke zuwarfen. Bei der Erzählung ihres Abenteuers allerdings ergänzten sie sich gut und wechselten wie eingeübt, als würden sie sich bereits ein ganzes Leben kennen und hätten die Geschichte schon viele Male erzählt.

Der Reichskanzler, der schlaue Fuchs registrierte das ganz genau und als die Erzählung geendet hatte, nahm er Paul zur Seite und stellte so diese oder jene beiläufige Frage, um herauszubekommen, wie sehr sich dieser Kandidat wohl eignen mochte für ein vakantes Amt an der Seite der Prinzessin - und er fand ihn sehr vernünftig, ruhig und bedacht, eine gute Ergänzung zur Prinzessin, zusammen würden sie das Land ein ganzes Stück voranbringen können und ihm hoffentlich auch einige Arbeit abnehmen können. Und für ihn war klar, auch wenn man den jungen Leuten noch ein wenig Zeit geben mußte, um sich zu orientieren und ihre persönlichen Angelegenheiten zu klären, die nicht durch ein Protokoll geregelt werden konnten, da bestand wirklich eine sehr gute Chance, die vakante Stelle gut zu besetzen, an ihm sollte es jedenfalls nicht liegen, daß da Probleme auftreten sollten, im Gegenteil, er würde schon sehen, daß da niemand Stolpersteine auslegte. So war der Reichskanzler sehr zufrieden mit der Entwicklung der Dinge, wobei er nicht so weit gegangen wäre, daß er der alten Schachtel Regina nun dankbar dafür gewesen wäre.

Auch das Königspaar war recht angetan von dem jungen Mann und obwohl sie sich nichts anmerken ließen, war ihnen auch nicht entgangen, daß sich da etwas entwickelte, was nicht aufzuhalten war, was sie auch gar nicht aufhalten mußten. Das schien dann doch endlich mal ein Kandidat zu sein, den ihre Tochter nicht gleich in den Wind schoß, im Gegenteil sogar. Sie trauten ihrer Tochter allerhand zu, und was diesen jungen Mann betraf, beziehungsweise sie beide zusammen betraf, so merkten sie wohl, da würde sich ihre Tochter keine Mitsprache erlauben. Sollte sie. Dann konnte er sich mit ihrem Temperament beschäftigen und sie besänftigen, es war ja offenbar ein ruhiger, bedachter Mann, die beiden ergänzten sich gut, nicht nur bei der abenteuerlichen Erzählung, welche sie hier boten.

Paul und Gundula blieben natürlich ganz von selbst bei einer Version der Geschichte, die dem Protokoll angemessen war und ließen die pikanteren und privaten Kapitel kurzerhand aus, das ging dann ja sonst niemanden etwas an. Und dabei hätte Gundula schon sehr gern bereits jetzt alles herausgeschrien, wäre Paul gerne sofort um den Hals gefallen, um allen Anwesenden klarzumachen, daß sie ihn nicht mehr loslassen würde.
Paul indessen war gespannt, wie es weitergehen würde. Gundula hatte die Führung übernommen und obwohl es ihm schwerfiel, die ungewohnte Distanz zu ihr auszuhalten, fand er es doch ganz gut, daß einstweilen sie die Verantwortung und Kontrolle übernommen hatte. In ihrer impulsiven Art war sie sicher keine Freundin des hiesigen Protokolls, aber sie kannte es offenbar. Gut, er kannte Ähnliches, aber das gehörte einstweilen nicht hierher. Er war jemand, der auf einem einfachen Gut gelebt hatte und so dieses und jenes gelernt hatte und wußte. Nichts besonderes also. Sie war die Expertin für diese Angelegenheiten hier.

Jedenfalls wußte man hier über den Ritter von Drachenfels zu berichten, daß er tatsächlich begonnen hatte, seine Angelegenheiten zu regeln und zum Erstaunen der Allgemeinheit seine Güter zum Verkauf anbot. Paul und Gundula hatten über die näheren Umstände der Begegnung mit dem Ritter wie verabredet geschwiegen, Gundula deutete aber unmißverständlich an, daß der Rückzug des Ritters ihre ungeteilte Zustimmung fand. So entschloß man sich also auf Gundulas Wunsch hin, ihn gewähren zu lassen und abzuwarten, wie sich das entwickelte und wo er dann abbleiben mochte.

Auch über Regina unterhielt man sich und das Königspaar und der Reichskanzler waren nicht geradezu begeistert, als sie hörten, daß Gundula Bruno zugesichert hatte, sich für sie einzusetzen. Aber so wie die Dinge lagen, ließ man ihr und Paul die Aufgabe der weiteren Untersuchung.

Nach der Audienz zeigte die Prinzessin ihrem Retter noch den Garten und stellte ihn einigen Damen aus ihrem Gefolge vor, die sich schnell einfanden und Gundula schon herzlicher begrüßten. Einige weinten gar und es gab sogar Umarmungen. Gut, für Paul gab es leider keine Umarmungen, die hatte er auch jetzt nicht erwartet. Dafür bekam er eine Menge Namen und Titel genannt, die er sich gar nicht richtig merken konnte. Für ihn wäre es eine große Erleichterung gewesen, wenn die Damen sich alle auf einen Namen hätten einigen können, egal ob nun Maria, Katharina oder auch Eugenia oder Wiebke, Dörthe oder was auch immer, denn er hatte es nicht so mit Namen. Unter anderen Umständen hätten ihn ein paar der netten, teils auch etwas albernen jungen Damen schon interessieren können, aber er hatte eigentlich nur Blicke für Gundula übrig. Einige der Damen hatten offenbar auch gleich Verehrer im Schlepptau, die ein ähnliches Problem mit langen Namen und Titeln hatten und er stellte sich amüsiert eine Hochzeit zwischen dieser oder jenem vor, wo man sicher über eine geschlagene Stunde einplanen mußte, um die kompletten Namen dieser und der Trauzeugen zu nennen. Und wenn die sich nachher auch noch im privaten Umfeld offiziell betitelten, wäre die Nacht vorbei, bevor noch richtige Aufregung hätte eintreten können.

Jedenfalls bekam er auch einen sehr schönen Garten gezeigt und da Gundula führte und ihm all die schönen Blüten und Pflanzen und die gemütlichen kleinen Ecken und verborgenen Geheimnisse und Schätze ihres Gartens zeigte, war er schnell versöhnt mit der Welt und dem Protokoll am Hof, wenngleich dieses in Form eines Teils der versammelten Gesellschaft immer unweigerlich anwesend war. Aber Gundula war immerhin auch anwesend und sie war von ihrem prächtigen Audienzkleid zu einem etwas einfacheren Gartenkleid gewechselt, wo man immerhin noch Andeutungen davon erkennen konnte, wie sich ihr Körper bewegte, wie sie atmete und lebte und strahlte, glücklich war, ihrem Liebsten ihren schönen Garten präsentieren zu dürfen.

Abends gab es dann noch ein improvisiertes Bankett. Abermals wurden sie wieder durch allerhand Leute durchgereicht, deren Namen und Titel man sich auf keinen Fall merken konnte. Immerhin, bei einigen der Damen und Herren fiel Paul auch auf, daß diese einheitliche Anstecker von begrenzter Größe und mit normierter Schriftgröße trugen, worauf Namen und Titel oder Amt in Kurzform notiert wurden. Meist handelte es sich dabei um Minister und Verwaltungsbeamte des Hofes. Zur Prinzessin meinte er: "Die Einrichtung mit den Namensschildchen ist wirklich sehr lobenswert, sie zwingen zur Kürze und gleich weiß man den Namen und mit wem man es ungefähr zu tun hat."
Die Prinzessin lachte und meinte: "Da habt ihr sicher Recht, edler Retter, heldenhafter Paul, wenn euch daran gelegen ist, könnte ich euch wohl auch solch ein Schildchen organisieren, nur mit dem Titel oder Amt müßten wir uns noch einigen, 'Held' oder 'Retter' oder auch 'kühner Recke' ist zwar kurz, aber wäre auch irgendwie ein wenig komisch."
Paul lachte: "Oh edle Prinzessin, funkelndster Stern auf diesem Bankett, ich glaube, so wie unsere kleine Geschichte derzeit im Gespräch ist, bedarf es des Schildchens heute wohl nicht - und über eine Amtswürde sollten wir wohl nicht hier auf dem Bankett reden."
Die Prinzessing erwiderte: "Edler Herr, einmal mehr habe ich das Vergnügen, Zeuge eurer Weisheit zu sein, einstweilen werden wir uns Morgen wohl erst einmal dem Amt und den Geschäften eines Kommissars widmen müssen, um diese krötige Angelegenheit endgültig zu den Akten legen zu können. Ich freue mich bereits auf eure wohlwollende Unterstützung und euren Beistand bei dieser heiklen Aufgabe."
Worauf Paul anmerkte: "Ich könnte mir keine größere Ehre vorstellen, als euch beizustehen und zu unterstützen, welche Aufgabe es auch immer sei! Ich kann sicher nicht immer für eine Lösung garantieren, aber ich will schon tun, was ich kann, um der edlen Prinzessin ein befriedigendes Resumé des Tages zu bescheren!"
Gundula sprach daraufhin: "Edler Herr, ich kann euch versichern, nichts könnte mir lieber und befriedigender sein, als solcher Beistand von eurer Seite!"
Und irgendwie redeten sie nun beide über zwei Themen gleichzeitig.

Dann aber wurden sie bereits wieder getrennt und plauderten wieder mit anderen Personen. Das Bankett dauerte lange, bis spät in die Nacht. Paul lag dann irgendwann ziemlich müde in seinem Bett, als es an einer Tür plötzlich leise kratzte, die ihm an dem Zimmer zuvor gar nicht aufgefallen war. Schnell stand er auf und öffnete diese und Gundula huschte herein, nur mit einem Nachhemd bekleidet. Er schloß sogleich wieder die Tür und schon lag ihm die Liebste in den Armen und küßte ihn innig, daß ihnen beiden bald er Atem wegblieb. Gundula hatte den Raum also wohl mit Bedacht ausgewählt, denn es führte wohl ein kaum benutzter oder halbwegs geheimer Gang von ihren Gemächern bis kurz vor das Zimmer ihres Liebsten, was sich ja so ganz gut traf, daß es zweifellos Absicht war. So genossen sie ihre Zusammenkunft innig und intensiv und Paul hob sie schließlich einfach auf und trug sie zum Bett, wo sie sich eine Weile weiter liebkosten, küßten und streichelten.

Gundula meinte dann allerdings: "Ich fürchte, heute ist noch nicht die Zeit für ein gänzlich befriedigendes Resumé des Tages, aber ich bin bereits sehr erfreut und erleichtert, wenigstens schon einmal zu dieser erfreulichen Zwischenbilanz gekommen zu sein. Ich denke, darauf werden wir in den kommenden Tagen noch gut aufbauen können. Einstweilen bin ich jedenfalls noch viel zu angespannt, um mich richtig fallenlassen zu können, um mich in deinen Armen ganz zu vergessen. Morgen gilt es erst einmal, die Krötenbilanz zu ziehen, ich bin gespannt, wie wir das hinbekommen!"
Paul gab ihr einverstanden einen Kuß auf die Wange und gestand, die Leute hier so auf einmal, das sei schon ein wenig viel für ihn, er sei inzwischen das ruhige, eher einsame Landleben gewohnt, da sei es schon etwas verwirrend, plötzlich so im Mittelpunkt zu stehen.

Gundula wurde da etwas bange. Wollte er gehen? Ihr ging auch viel davon auf die Nerven, aber sie war das gewöhnt, daher hatte sie gar nicht daran gedacht, wie das alles auf den armen Paul wirken mußte, schnell fragte sie nach: "Aber auch wenn du mich bereits erfolgreich heimgebracht hast, du bleibst doch noch? Wir müssen noch einiges klären. Ich bitte dich, Geduld zu haben, mit mir und dem allen hier, bitte!"

Paul spürte, wie unsicher sie geworden war, nahm sie schnell fest in dem Arm und meinte dazu: "So schlimm ist es auch nicht, daß ich mich so schnell von deiner Seite vertreiben ließe, es sei denn, du wärest es, die mir nahelegt, das Weite zu suchen."

Gundula packte ihn nun sehr fest und versicherte energisch: "Ich würde dir das bestimmt nicht nahelegen. Im Gegenteil, wenn du gingest, ich würde dir den ganzen Weg nachlaufen und du müßtest mich dann wohl wieder zurückbringen. Und das ginge immer so weiter, wenn wir keine andere Lösung finden."

Paul aber meinte, nun schon scherzend: "Na, wenn du mir nachläufst, warum sollte ich so dumm sein, dich zurückzubringen? Wenn du so anhänglich bist, so kann ich dich ja behalten, wo ich es für richtig befinde!"
Gundula kicherte erleichtert bei dem Gedanken: "Nun, wir werden sehen und wenn es schlimmer nicht kommt, so will ich mich wohl von dir behalten lassen, finden wir keine andere Lösung."

Und dann küßten und streichelten sie sich wieder. So erfreuten sie sich noch ein wenig und dann verschwand Gundula auch schon wieder auf dem Wege, den sie gekommen war.

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