Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

13. Kröten-Bruno

Als Paul morgens erwachte, schlummerte Gundula noch eng an ihn gekuschelt. Und das fühlte sich zu gut an, als daß er sie gleich hätte wecken mögen. So blieb auch er noch ein wenig liegen und genoß ihre gleichmäßigen Atemzüge. 'Schon witzig' dachte er 'erst hat sie so energisch gefordert, das Bett zu bekommen und nun liegt sie auch hier auf dem Lager auf Heu und das Bett bleibt leer.' Er fühlte sich wohl, endlich hatte er das Gefühl, jemanden gefunden zu haben, wo er sich zugehörig fühlte. Aber es half ja nichts, er mußte sie zurückbringen in ihre Heimat, konnte sie nicht einfach bei sich behalten. Die Rückreise zu verzögern, wäre auch unfair gewesen. Zwar schien sich ihr Verhalten doch sehr zu seinen Gunsten zu entwickeln, aber er hätte es unfair gefunden, das auszunutzen oder die Situation zu manipulieren, die Reise hinauszuzögern. 'Eigentlich schade' dachte er 'sie hat sich hier trotz der Probleme gut eingelebt, fühlt sich sichtlich wohl auf dem Land, im Garten, wenn nur solche Typen wie der Ritter nicht wären, wäre alles perfekt.' Aber er allein konnte sie hier nicht schützen. Wer weiß, wer noch alles die Pläne der alten Regina mit ihrem Sohn abgehört hatte und hier auftauchte mit eigenen Plänen und Absichten. Vor den Intrigen und Machenschaften war sie hier kaum zu schützen, sie mußte zurück, dorthin, wo man damit umzugehen wußte. Hilflos und wehrlos war sie bestimmt nicht, doch zeigte der Zwischenfall mit dem Ritter, daß sie eigentlich keine spontane Kämpferin war. Mit Plan klappte alles gut, aber zuvor hatte der sie überrumpelt und nur die Verwandlung zur Kröte hatte das Blatt gewendet. Typen wie dieser Ritter waren nun nicht so einfach zu handhaben wie der Krämersohn. Solche harmlosen Verehrer würde sie schon abwehren können, da war er sich sicher, aber wenn sie ein wirklich kampferprobter Typ wie der Ritter überraschte, überrumpelte, würde es unweigerlich gefährlich werden. Und sie konnte sich nicht darauf verlassen, daß sich jeder gleich per Kuß selbst in eine Kröte verwandelte.

Gundula erwachte auch bald, so standen sie auf, machten sich frisch für den Tag und frühstückten ausgiebig. Gundula wirkte erholt. Sie war überraschend robust und regenerierte schnell, stellte Paul fest, den Zwischenfall mit dem Ritter schien sie bereits hinter sich gelassen zu haben. Sie wollte die Arbeit an Teich und Wiese zuendebringen. Paul hatte etwas Bedenken, aber Gundula winkte ab. Sie ging offenbar davon aus, daß einerseits der Ritter zu seinem Wort stand, andererseits aber sonst niemand Reginas und Brunos Pläne belauscht hatte. Und weil der Ritter berichtet hatte, daß seine Informanten den Auftrag hatten, Brunos Reisevorbereitungen zu stören, war mit dem auch noch nicht so schnell zu rechnen. Sie meinte also, Paul sollte getrost seiner Arbeit wie geplant nachgehen und sich keine Sorgen machen.

Paul wollte ja eigentlich schon am Abend zuvor zum Krämer gehen und die Schulden zurückzahlen, aber durch den Zwischenfall mit dem Ritter hatte er davon natürlich Abstand genommen. Zudem sollte er Gundula wohl noch ein oder zwei weitere Kleider mitbringen, denn das gestern beschmutzte war über Nacht getrocknet und sie hatte es schon wieder an, aber etwas zum Wechseln für die Dame schien ihm sinnvoll zu sein, wenngleich die vom Ritter beigetragene Reisekleidung auch schon recht hilfreich war. Zwar wäre es gut möglich, dem Krämersohn Karl zu begegnen, weil der meist vormittags und den frühen Nachmittag allein im Laden war, aber das war nun eben nicht zu vermeiden. Der hatte sich hoffentlich von dem Zwischenfall erholt, so daß man wieder normal mit ihm reden konnte. Vielleicht war eine Begegnung aber eigentlich gar nicht so schlecht, denn so konnte er diesen gegebenenfalls beruhigen, ihn über die Situation aufklären, um diesen nicht weiter in einem komplett verunsicherten Zustand zu lassen, was eigentlich passiert war. Die Angelegenheit würde auch nicht so lange dauern und einen guten Teil des Weges hätte er ja immerhin im Blick, wenn über diesen jemand kommen sollte. So schien ihm dieses erst einmal eine gute Lösung zu sein, ohne sich Gundulas Wunsch, einfach weiterzumachen entgegenzustellen. Ihr Wunsch, die Arbeit am Teich zuendezubringen, entsprach zweifellos auch dem Bedürfnis, die Angelegenheit mit dem Ritter innerlich abzuschließen und sich diesem allein zu stellen, um Ängste zu überwinden. Und da sie sich offenbar zutraute, sich dem alleine zu stellen, war es sicherlich gut, daß er ihr den Raum ließ, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Nachdem sie sich um das Pferd gekümmert hatten, zogen sie also erst einmal noch gemeinsam zum Teich los und Gundula begann wieder mit der Arbeit. Paul wollte noch einen kleinen Umweg über die Obstwiese machen, um gegebenenfalls die Leute in dem Flecken vom aktuellen Stand berichten zu können, so zog er also in die Richtung los. Dort angekommen, schaute er sich genau an, welche Früchte bereits reif waren und zog dann bald weiter hin zum Krämerladen im Flecken.

Gundula fühlte sich im Grunde gut und stark. Sie war mit dem Ritter fertiggeworden und in Pauls Armen zu liegen, hatte ihr sehr gut getan. Sie hatte etwas Bedenken, daß das für Paul doch zunehmend eine Zumutung sein könnte, schließlich hatte sie schon eine gewisse Wirkung auf ihn, was ihr einerseits sehr gefiel, aber sie wollte ihn auch nicht quälen, indem sie dringende, natürliche Bedürfnisse weckte, die sie so einfach nicht befriedigen konnte - oder da zögerte sie den Gedanken einen Augenblick hinaus - noch(?) nicht wollte oder durfte. Oder wollte sie eigentlich schon, traute sich aber einfach nicht? Sie hatte wohl widersprüchliche oder vielleicht gar schon eindeutige Signale an Paul gesendet, aber auch wieder zurückgenommen. Das war nicht sehr fair gegenüber Paul. Sie seufzte, aber darauf konnte sie sich jetzt einfach nicht einlassen. Das wäre so nicht angemessen gewesen. Obwohl sie sich eingestehen mußte, daß sich auch bei ihr natürliche Bedürfnisse eingestellt hatten, über welche sie vor wenigen Tagen noch sehr irritiert bis erschrocken gewesen wäre, obgleich sie aus den Büchern natürlich wußte, daß das im Grunde ganz normal war. Irgendwie war sie in die Falle getappt zu denken, sie stünde in dieser Hinsicht irgendwie über den Dingen. Und da war bereits damals die erste Monatsblutung ein schockierendes Erlebnis. Natürlich hätte sie wissen müssen, daß das kommt, aber irgendwie hatte sie sich eingebildet, daß dies unappetitliche Kapitel irgendwie an ihr vorbeigehen würde. Tat es nicht. Sie mußte sich daran gewöhnen. Und nun ahnte sie, sie mußte sich an mehr gewöhnen - und überraschend hatte sie bereits angefangen festzustellen, daß das diesmal gar nicht so unangenehm und unappetitlich zu sein schien wie vermutet - jedenfalls sofern sich die Angelegenheit auf Paul bezog. Theoretisch wußte sie natürlich, worauf das hinauslief. Sie war schließlich eine junge, gesunde erwachsene Frau, da war das ganz normal. Aber noch schreckte sie eindeutig davor zurück, da genauer zu forschen oder Paul eindeutig zu ermuntern mit Aktivitäten zu beginnen, die sie dann wohl unmöglich mehr ausbremsen konnte. Und wenn er einfach etwas versuchen würde, ohne ermuntert zu sein? Würde sie es abwehren wollen? Sie drängte den Gedanken beiseite. Gegen Paul konnte sie sich nicht wehren, er würde aber auch nichts von sich aus versuchen, würde ihre Unsicherheit rechtzeitig spüren und ihr Zeit lassen.

Sie kam gut voran, war mit dem Teich so weit fertig, gut, der sah immer noch wild aus, hatte nun aber eindeutig eine freie Wasserfläche und wirkte deutlich einladender und wie ein echter Teich. Sie hatte auch bereits die Reste dieser Aktion weggeräumt. Das Heu war bereits trocken oder trocken genug, also brachte sie es auch zur Scheune, sie wußte, zu feuchtes Heu könnte Brände verursachen oder faulen, sie sollte vorsichtshalber nachher Paul noch fragen, was der dazu meinte. Die meisten Geräte hatte sie auch bereits zum Haus zurückgebracht.

Sie kehrte noch einmal zum Teich zurück und betrachtete recht zufrieden ihre Arbeit. Gerade wollte sie den Zinkeimer und eine Harke packen, um zu gehen. Und dann sah sie plötzlich Bruno! Er irrte irgendwie mit zwei Pferden am Zügel über das Gelände. Dann sah auch er sie und kam auf sie zu. Gundula hatte wieder das hochgesteckte Haar unter einem breiten Sonnenhut verborgen, hatte inzwischen deutlich gebräunte Haut, lief barfuß herum, hatte zudem das einfache Kleid an, welches sie auch wieder recht keck ziemlich weit oben am Oberschenkel zusammengeknotet hatte. So wirkte sie von Ferne sicher eher wie eine Frau vom Lande, die mit ihrer natürlichen Ausstrahlung Eindruck zu machen wußte. Bruno jedenfalls erkannte sie nicht gleich, war aber sichtlich erfreut, den offenbar dringlich gesuchten Teich endlich gefunden zu haben. Er ließ die Pferde auf der Wiese stehen und grüßte nur mit einer Geste, und sein Blick wechselte mehrfach vom Teich auf die nackten Beine und Arme. Dann stand er starr vor Staunen, als er Gundula offenbar erkannte: "Oh! Prinzessin! Ich dachte nicht, daß ihr ... Oh! ..."
und mehr zu sich selbst: "Keine Kröte, sicher rein gar keine Kröte!"
Das wirkte nun zu lustig, von Bruno konnte sich Gundula jedenfalls nicht bedroht fühlen, zumal wenn dieser allein war und seine Mutter fern. Sie lachte vergnügt auf, als man an Brunos Gesichtsausdruck förmlich sah, wie es im Gehirnkasten rasselte, um die Idee von der Situation allmählich an den offenbaren Sachverhalt anzupassen. Das hatte ihn komplett aus dem Konzept gebracht.
Bruno war wie vom Schlag getroffen, die Prinzessin hatte nicht nur ihre menschliche Gestalt wieder, diese geballte weibliche sexuelle Ausstrahlung, diese Vitalität, die sehr freizügige Aufmachung, all das betäubte schier die Sinne und das Denken von Bruno - auch schon deshalb, weil es nun im Gehirn deutlich an Blut mangelte, was sich unwillkürlich an anderer Stelle versammelt hatte.

Gundula machte das Spaß und sie sprach: "Na ich weiß wohl, daß du mich als Kröte hast aus dem Teich fischen wollen. Sollte dir jetzt jedenfalls schwerfallen, mich noch zu fischen oder zu fangen!"

Bruno starrte sie an, wie gern hätte er hier gefischt oder gefangen, doch schien es ihm auch, als müsse er unweigerlich in ihrem Glanz verbrennen, wenn er sich ihr weiter näherte. Und irgendwie war es doch in seinen Kopf zu einer Entscheidung gekommen, offenbar erst einmal ein oder zwei Punkte im Plan seiner Mutter zu überspringen und an einer sinnvollen Stelle wieder einzusetzen: "Nun, edle Prinzessin, es freut mich sehr, euch so wohlbehalten und gut gelaunt zu sehen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, euch gesund und lachend zu sehen. Ihr seid sogar noch beeindruckender als jemals zuvor, was an sich schon ein Wunder ist, daß sich das überhaupt noch steigern ließ. Eure Erscheinung läßt mich beinahe erblinden, sie raubt mir die Sinne! Ich möchte euch ausdrücklich mein Bedauern über die Vorfälle aussprechen, die euch hierher gebracht haben. Und ferner überbringe ich euch eine tief empfundene Entschuldigung meiner Mutter, der dieser Vorfall ganz schrecklich leid tut, sie versichert euch, das alles sei nur ein Mißverständnis gewesen, welches man sicherlich schnell bereinigen könne."

Gundula antwortete: "So so, ein Mißverständnis, das ist ja mal ein Ding! Und du bist sicher gekommen, um mich aus dieser mißlichen Lage zu befreien?"
Bruno nickte zustimmend und froh, daß Gundula diesen Punkt von selbst erwähnte: "Jaja, unbedingt. Ich... ich hatte wirklich aufgrund der Informationen von meiner Mutter erwartet, daß ich euch als bedauernswerte Kröte vorfinde, aber zum Glück ist es euch offenbar besser ergangen als befürchtet."
Gundula nickte: "Jaja, ganz offenbar."

Bruno war inzwischen doch herangekommen, daß es sich für ihn anfühlte, als müsse er endgültig verbrennen. Er schaute ganz unsicher nach unten, weil dabei aber sein Blick unvermeidbar über Gundulas nackte Oberschenkel, Beine und Füße streifte, wurde er noch unsicherer und beunruhigter und nervöser. Sein Blut kochte und es fühlte sich an, als müßten dies seine letzten Sekunden sein. Der Auftrag der Mutter aber drückte ihn auch gar sehr und auf der anderen Seite stand da Gundula sehr sehr sehr eindrucksvoll und freundlich lächelnd, was ihn sehr einschüchterte, aber seine Mutter würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er den Plan nicht umsetzte. Er mußte also handeln. Der Kern des Plans war, die Prinzessin zu küssen und zurückzubringen. Gut, bei einer Kröte hörte sich das nicht angenehm an, aber irgendwie machbar. Aber jetzt stand sie leibhaftig und in voller Größe vor ihr. Was verlangte seine Mutter von ihm? Er starb schon jetzt schier vor Aufregung - und dann noch losstürmen und sie küssen? Eigentlich wollte er lieber wegstürmen und sich nie wieder blickenlassen. Alles in ihm brannte - du meine Güte, er stand direkt vor ihr und brannte lichterloh! Er war verloren, vernichtet, würde er nicht sofort aus ihrer Nähe fliehen. Aber er wagte es nicht. Wollte nicht schon wieder wie ein Versager vor seine Mutter treten. 'Oh du meine Güte!' dachte er als Gundulas Präsenz seine volle Wirkung in ihm entfaltete, das wurde mit jedem Sekundenbruchteil mehr Frau und Präsenz, als er verkraften konnte. Das war eine Göttin, die Sonne selbst. Und er? Was hatte seine Mutter befohlen? Wie konnte sie verlangen, daß er das tat, einfach so, ohne die Prinzessin zu respektieren. In der nächsten Sekunde mußte er zerschmelzen, vergehen, daher mußte er es jetzt tun! Sofort! Was folgen würde, konnte er unmöglich überleben, so oder so, aber es gab kein Zurück, keinen Ausweg! Und dann stürmte er einfach auf die überraschte Prinzessin los...

Gundula war wie gelähmt. Bruno schaute sie plötzlich mit Augen an, die aus den Höhlen zu treten drohten, dann rannte er auf sie zu und prallte mit seinen Lippen förmlich auf ihre, daß es beim Aufschlag eigentlich hätte richtig wehtun müssen, aber! 'Plopp!' und dann 'Platsch!' und es prallte nur eine kleine, warzige Kröte von ihrem Mund ab, drehte sich in Kapriolen durch die Luft und kullerte verwirrt auf den Boden, während Brunos Kleider vor ihr zu Boden gefallen waren.

Fassungslos über dieses abermalige Krötendrama schlug Gundula die Hand vor den Mund. Das konnte doch nicht wahr sein! Einmal mehr war etwas passiert, was sie so nicht hatte kommen sehen. Bruno war harmlos, trotzdem war er auf sie zugesprungen und hatte sie einfach geküßt und schon hatte sie ein neues Krötenschlamassel an der Backe! Und diesmal sprang leider(!) nicht Paul herbei, um etwas zu tun! Was hätte er getan? Blitzschnell griff sie den Zinkeimer und stülpte ihn umgekehrt erst einmal über den sichtlich konfusen Kröten-Bruno. Dann setzte sie sich ins Gras, zog die Beine an, legte das Kinn auf die Knie und umfaßte die Beine mit ihren Armen. Sie mußte überlegen. Was nun? Paul war nicht da. Sie wußte nicht, wann er zurückkommen würde. Aber Bruno konnte auch keine Kröte bleiben. Es galt ja nun keine Sippenhaft und somit war er nicht für die Taten und Pläne seiner Mutter verantwortlich. Eben hatte er deutlich unter Druck gestanden und wer weiß schon, was ihm seine Mutter für Sachen eingeredet hatte. Eine ordentliche Standpauke für den Kußversuch konnte sie ihm immer noch halten.

'Was für ein Mist!' dachte Gundula - und kein Paul weit und breit. Sie mußte sich selbst etwas einfallen lassen. Zudem war es ihr auch irgendwie sehr peinlich, schon wieder ein Verehrer als Kröte. Wie würde sie Paul wieder ansehen? Was von ihr halten, wenn sich hier ständig verflossene Verehrer zu Kröten küßten? Und er dann zudem noch wieder dafür sorgen mußte, daß die ihre normale Gestalt zurückbekamen. So konnte das doch nicht weitergehen. 'Im Grunde', so führte Gundula ihren Gedanken fort, 'haben wir es ja noch gar nicht ausprobiert. Vielleicht wenn ich küsse, verwandelt sich Bruno auch zurück. Vielleicht hat es gar nichts damit zu tun, daß Paul küßt, sondern nur damit, daß die verwandelte Kröte geküßt wird, egal von wem, auch von mir!'

Gundula zögerte noch immer, gern hätte sie diesen Teil des Dramas eigentlich doch Paul überlassen. Der war nicht da, also mußte sie handeln. Und ohnehin war es eigentlich ein Unding, daß Paul immer ihre Dramen wieder ausbügeln sollte. Auch das war nicht fair ihm gegenüber. Also mußte sie die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen, es wenigstens versuchen. Und bei dem Gedanken verzog sich ihr Gesicht in beträchtlichem Maße. Warum blieb das an ihr hängen, sie hatte diesen Fluch nicht ausgesprochen, warum klebten die ganzen Folgen dann an ihr? An ihr und an Paul, der damit nun wirklich nichts zu tun hatte? Das war ungerecht. Aber das wußte sie auch, das Leben, die Welt scherte sich nicht um Gerechtigkeit. Die Welt war keine Person, die sich um irgendwelche Dinge kümmern könnte, müßte oder sollte. Und selbst die meisten Menschen scherten sich nicht um Gerechtigkeit. So stand sie auf und näherte sich noch immer zögernd dem Zinkeimer. Wie hatte Paul das gemacht? Gundula erinnerte sich.

Und dann hob sie entschlossen erst den Zinkeimer weg, packte die Kröte und küßte sie. Und da machte es direkt vor ihrem Gesicht ein eigenartiges "Böööörks!" und sie hatte einen merkwürdigen Geruch in der Nase. Sie öffnete die Augen wieder und hielt noch immer die Kröte in der Hand, die noch einmal herzhaft rülpste. Angewidert wandte Gundula ihr Gesicht ab und aus einem Reflex heraus warf sie die Kröte - in hohem Bogen in den Teich! Und damit machte es dann wenigstens doch noch 'Platsch!', worauf Kröten-Bruno wieder aus dem Wasser auftauchte und etwas ungeschickt ein paar Sprünge im Teich machte.

Gundula war zunächst entsetzt darüber, was sie getan hatte, dann aber auch wieder erleichtert, daß der Kröten-Bruno sich nicht versehentlich bei dem Wurf an einem abgeschnittenen Schilfende aufgespießt hatte. Sie eilte um den See herum, um Kröten-Bruno wieder einzufangen, doch der sprang ängstlich in ein Schilfdickicht!

Gundula stand nun ratlos am Teich und hatte die Hände in die Seiten gestemmt. 'Was tun?' dachte sie. Wenn doch nur Paul bei ihr wäre. Hoffnungsvoll schaute sie über die Wiese in die Richtung, aus welcher sie Paul erwartete. Und wirklich, da war er und kam bereits gelaufen! Wieso eigentlich lief er? Egal, sie winkte hektisch, damit dieser sich noch mehr beeilen sollte.

Angekommen berichtete Paul gleich, nachdem er beim Krämer fertig gewesen sei - Karl sei übrigens inzwischen wieder ganz gut ansprechbar - und mit ein paar Leuten geplaudert habe, seien zwei Fremde hinzugekommen. Wie sich dann im Gespräch herausgestellt habe, seien das Diener von Regina und Bruno gewesen, die Bruno zurückerwarteten, der sie in dem Flecken zurückgelassen habe, um etwas zu suchen. Ob Gundula ihn schon getroffen habe? Dabei fiel sein Blick auch schon auf die beiden Pferde, die auf der Wiese standen und Gundula, die nun auch zu Worte kommen wollte, aber keine fand, nur energisch auf den Teich hinwies! Und da ahnte Paul schon Böses.

Gundula war recht peinlich berührt, sammelte doch noch ein paar Wörter zusammen und stammelte erst unverständlich vor sich hin, riß sich zusammen und faßte die Kurzform des Geschehenen hastig zusammen. Und Paul sah sie erneut an, als sei sie ein kleines Kind, welches einmal mehr irgendeinen Unfug angestellt hatte. 'Eine rülpsende Kröte, unglaublich!' dachte sich Paul, irgend wurde die Angelegenheit immer noch ein wenig absurder und skurriler. 'Eine Zumutung!' Aber Gundula hatte natürlich insofern recht, als das man das nicht so lassen konnte. Das hatte der dumme Bursche nun auch nicht verdient!

Zunächst standen sie beide an gegenüberliegenden Seiten des Teiches und versuchten Kröten-Bruno mit besänftigenden Worten hervorzulocken. Der schien aber wohl immer noch verwirrt und verstört zu sein oder auch einfach sehr mißtrauisch nach dem etwas impulsiven Wurf in den Teich. Da sich Gundula bereits gestern im Teich vollgesaut hatte, wollte Paul ihr das nicht noch einmal zumuten und so entschloß er sich, selbst in die Brühe zu steigen, zog sich dazu bis auf die Unterhose aus und stieg widerwillig in den Teich und durchstöberte das Schilf und die unübersichtlichen Stellen, möglichst um den Kröten-Bruno auf Gundula zuzutreiben, die bereits den bewährten Zinkeimer hinter ihrem Rücken bereithielt. Indessen hielt sich Kröten-Bruno bedeckt, zweimal hörten sie ihn springen, aber er kam nicht hervor. Allmählich wurde Gundula ungeduldig und drohte schließlich genervt: "Bruno! Schluß jetzt, wenn du nicht sofort vorkommst, gehen wir - und du kannst dir sicher sein, Storch, Reiher oder Krähen werden dich ganz sicher in kurzer Zeit finden!"

Das hatte Wirkung, allerdings sprang Bruno auf Paul zu, irgendwie war er offenbar durch Gundula noch deutlich verunsichert. Er sprang Paul brav auf die Hand, der so mit ihm aus dem Teich stieg. Auf der Wiese angekommen, folgte dann das übliche, diesmal etwas abgekürzte Ritual, weil die Kröte ja schon auf der Hand saß. Also Kuß und Schwuppdiwupp! und Wutsch! Vergeblich versuchen, diesmal die Hand rechtzeitig wegzuziehen, dafür fiel ihm der nackte, wackelige Bruno gleich in die Arme. Paul half ihm einfach, sich zu setzen, reichte ihm seine Sachen herüber, setzte sich ebenfalls neben ihn und betrachtete, wie der Schmodder von dem Teich an ihm hing, zwar weniger als gestern bei Gundula, aber für seinen Geschmack immer noch deutlich mehr als genug.

Gundula hatte gar nicht mehr hingesehen und sich stattdessen erst einmal den beiden Pferden zugewendet, denen es aber ganz gut ging. Paul unterrichtete sie per Zuruf, als Bruno wieder ordentlich angezogen war, aber immer noch ziemlich verstört neben ihm auf der Wiese saß. Gundula kam nun auch hinzu und setzte sich ebenfalls ins Gras. Sie blinzelte Bruno zornig an: "Das war eine komplett unnötige und unangemessene Aktion, mich einfach anzuspringen und zu küssen, das Krötendrama hast du dir selbst und deiner Mutter zuzuschreiben!"

Bruno traute sich nicht, sie anzusehen, er hielt den Blick gesenkt, betont weg von ihren nackten Beinen, einfach ins Gras: "Tut mir leid! Mutter hat gesagt, ich müsse dich küssen und heimbringen..."
Gundula schüttelte den Kopf: "Werd mal erwachsen und nutzte deinen Kopf selbst zum Denken, statt dich zum Spielball der Intrigen deiner Mutter machen zu lassen!"

Gundula stellte Paul erst einmal vor und berichtete kurz, daß sich dieser um sie gekümmert habe, durch seinen Kuß habe sie sich wieder von einer Kröte in einen Menschen verwandelt. Offenbar funktioniere es, wenn Paul das tue, sonst wohl nicht. Paul fragte Bruno, ob er eine Ahnung habe, wieso sich jemand in eine Kröte verwandele, wenn er wagte, Gundula zu küssen? Nur bei ihm sei es öffenbar nicht der Fall, wobei er es bislang nur bei der Krötengestalt versucht habe, nicht bei der menschlichen Gestalt. Dabei schaute er Gundula lächelnd an. Gundula ergänzte kurz, was insbesondere mit dem Ritter passiert war, welcher offenbar Bruno und Regina hatte belauschen lassen und gestern hier gewesen sei.

Bruno aber wußte von nichts, er war jedenfalls sehr erstaunt, über den Kröteneffekt: "Davon hat Mutter nichts gesagt. Aber ich glaube, sie hat längst nicht alles im Griff. Ihre Mittelchen können unerwartete Nebenwirkungen haben ... jedenfalls ist der Bann oder Fluch noch nicht gebrochen, dafür muß der richtige Mann die Prinzessin erst einmal heimbringen. Deswegen ist es mit dem anfänglichen Kuß und der Verwandlung zurück in die menschliche Gestalt nicht getan. Es fehlt noch der zweite Teil."

Paul hakte nach: "Nebenwirkungen?"
Bruno nickte traurig: "Ja, es passiert was, was sie nicht bedacht hat. Zum Glück kann der Bann der Prinzessin gebrochen werden. Das ist also nur von endlicher Dauer, wenn sie wieder daheim ist, ist wieder alles gut. Mir hat sie einmal ein Mittel gegen Pickel und Akne gegeben. Leider habe ich seitdem als Nebenwirkung immer wieder mal Sodbrennen und ich muß unappetitlich rülpsen, wenn ich sehr im Streß bin, was leider öfter mal vorkommt, wie man sich bei meiner Mutter denken kann. Der Haken ist nun, bei meinem Akne-Bann hat sie gar kein Ende eingebaut. Akne bekomme ich nicht mehr, aber das üble Rülpsen bleibt leider!"
Gundula nickte, sie erinnerte sich, plötzlich waren damals bei Bruno die Pickel weggewesen, dafür neigte er zum Rülpsen, was ihn auch unter den anderen Jungs eher zu einem Einzelgänger gemacht hatte. Zwar ist das an sich etwas, um Jungs zu imponieren, aber nicht so wie es Bruno unterlief. Gut und bei den Mädchen, mußte ein Bursche so natürlich gar nicht erst ankommen.
Bruno seufzte, als er diese Ausführungen von Gundula hören mußte. Er ergänzte noch: "Was Mutter da in ihrem Keller für scharfes Zeug zusammenbraut, ist oft eben sicher nicht so ganz richtig ausgegoren. Sie hat zwar dort viele Bücher und Mittelchen, aber das ist alles nicht so einfach. Wenn sie nur nicht immer über diesem Zeug brüten würde, wäre sie ganz harmlos und wir würden jetzt nicht in diesem Schlamassel stecken."
Gundula stellte in Aussicht: "Oh, ein guter Hinweis, Bruno. Ich denke, wenn ich wieder Zuhause bin, werden wir da helfen können, den Keller aufzuräumen und deine Mutter von dieser Bürde befreien. Und dann wird sich schon etwas finden lassen für euch beide, wo du Gelegenheit bekommen sollst, auf deine Mutter aufzupassen, damit sie sich nicht wieder so einen Keller anlegt und anfängt, Mittelchen zu brauen." Bruno nickte erfreut und geradezu erleichtert. Dies wäre ihm schon sehr recht, wenn sich die Prinzessin so für ihn und seine Mutter einsetzen könnte.

Da aber Gundula schon ein weiteres Stichwort mit der Rückreise nahegelegt hatte, so fuhr er fort, zu Paul gewendet: "Da du sie hast zurückverwandeln können, bist offenbar eindeutig du der richtige Mann und leider nicht ich! Vielleicht werden deshalb die Männer zu Kröten verwandelt, die versuchen, sie zu küssen. Du mußt sie heimbringen, um den Bann zu brechen! Ganz offenbar bin ich einmal mehr der falsche am falschen Orte."
Paul nickte: "Klar muß ich sie heimbringen, wie wollen hier ja keine Krötenplage haben! Und wer weiß schon, wer dich und deine Mutter sonst noch alles belauscht hat."
Bruno sah ihn an: "Ich glaube nicht, daß sonst noch jemand ..."
Gundula unterbrach ihn: "Bruno, komm, vermutlich hast du bei deinen Reisevorbereitungen so viel geplaudert, daß das mit der Zeit schon zu einigen von mir längst zurückgewiesenen Verehrern durchsickern wird, und vielleicht auch zu einigen neuen, die sich durch die Aussicht angezogen fühlen, daß dann was zu holen ist, mindestens eine Belohnung mit der Option auf eine Prinzessin oder ein ganzes Königreich!"
Bruno druckste kleinlaut herum: "Man hat mir geraten, mich gut auf die Reise vorzubereiten. Ich habe das organisieren lassen, habe aber nicht genau verraten, wohin es geht, das letzte Stück und die Sache mit dem Teich habe ich wirklich nicht ausgeplaudert. Mutter war entsetzt, daß ich noch immer nicht losgezogen war, als ich sie noch einmal im Kerker besucht habe, die hat dann aufgetragen, zwei von ihren Vertrauten mitzunehmen, damit ich sicher sei, die warten aber ein Stück weiter bei den Häusern dahinten, die größere Reisegesellschaft weiter weg in einem etwas größeren Ort."

Bruno begann nun noch einmal, sich ausführlich zu entschuldigen und dankte erneut für die in Aussicht gestellte Hilfe hinsichtlich der Situation seiner Mutter. Gundula akzeptierte die Entschuldigung, kratzte sich etwas verlegen am Kopf und räumte schließlich ein, es sei auch übertrieben von ihr gewesen, ihn so bloßzustellen, als er versucht habe, ihr einen Antrag zu machen. Sie habe zwar versucht, ihn zuvor etwas dezenter darauf hinzuweisen, daß sie diesbezüglich kein Interesse habe, offenbar sei das aber nicht überzeugend genug gewesen. Trotzdem habe sie dann überzogen, das müssen sie zugeben, von daher entschuldige sie sich nun auch bei ihm.

Nun schaute Bruno sie sogar an und wirkte nicht mehr ganz so traurig und er war richtig berührt, daß sich die Prinzessin ausgerechnet bei ihm entschuldigte, was ihr sichtlich gar nicht so leicht gefallen war. Er nickte also sehr dankbar. Und dann fragte Gundula, ob er ihnen nicht bei der Rückreise helfen wolle? Natürlich wollte er unbedingt und sah darin ein erstes Zeichen, daß die Prinzessin wirklich bereit war, sich für ihn einzusetzen, wenn sie ihn nicht gleich zum Teufel schickte. Sie wies auf die beiden Pferde, ob er ihnen eines überlassen könne für die Rückreise. Eifrig nickte Bruno, das eine sei ja gerade für sie gedacht gewesen, in der Satteltasche seien ja auch Kleider und einige Kleinigkeiten, die ihr sicherlich nützlich sein könnten. Er würde auch Paul das andere überlassen, denn er käme schon mit den Pferden zurecht, die die Bediensteten und die Reisegruppe hätten. Aber Paul wirkte dankend und grinsend ab, der Ritter von Drachenfels sei gestern schon so freundlich gewesen, ihnen ein Pferd für die Reise zu überlassen, damit seien sie nun komplett. Dann schlug Paul aber auch noch vor, Bruno sollte seinen Leuten erzählen, er habe seine Auftrag erledigt und werde mit ihnen zurückreisen. Sie aber würden dann in Kürze und möglichst unerkannt und ohne Aufsehen nachkommen. So könnten sie hoffentlich weitere Kröten-Zwischenfälle vermeiden. Bruno stimmte sofort und eifrig zu. Noch einmal schärften sie ihm ein, wie er sich verhalten solle, einschließlich der Bedingung, einstweilen nicht seine Mutter aufzusuchen, um ihr über die Reise und die Prinzessin zu berichten, weil sie selbst als erste mit ihr sprechen wollte. Nachdem er diesem allem explizit zugestimmt hatte und klar zu erkennen gab, alles verstanden zu haben, einschließlich des Faktums, daß es der Prinzessin sehr ernst mit ihren Forderungen war, brach er dann auf und war bald mit seinem Pferd verschwunden.

Gundula und Paul waren dann nicht unzufrieden mit der Entwicklung. Sie hatten den Eindruck gewonnen, dieser Zwischenfall habe wirklich Wirkung auf Bruno gehabt. So nahmen sie die letzten Geräte, Pauls Kleidung, das Paket, welches er noch vom Krämer mitgebracht hatte, und das Pferd und gingen zurück zum Haus.

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