Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

Die Krötenprinzessin
Ein Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Alternative Buchvariante (EPUB) mit Graphik

Geschrieben: 2015-07-15/08-03

2. Ritter-Mezzo

Jedenfalls hatte Prinzessin Gundula so weit alles ganz gut im Griff, war gut informiert und engagierte sich sogar zwangsläufig für das Reich und half, die Dinge zu ordnen, die an einigen Stellen etwas aus dem Ruder gelaufen waren. Auch daß der Ritter von Drachenfels als Kandidat auftrat, traf sie nicht gänzlich unvorbereitet. Dem war nun nicht so einfach beizukommen, wie die Recherchen ergeben hatte. Sie kannte ihn flüchtig, weil er als einflußreiche Persönlichkeit manchmal am Kronrat teilnahm und dort primär die Interessen seiner Ländereien vertrat. Auch war dieser natürlich zugegen, wenn es um Angelegenheiten ging, die das gesamte Reich betrafen, insbesondere auch die Angelegenheiten jener, die darin zu erheblichem Besitz und Reichtum gelangt waren und die von hohem Stand waren.

Der Ritter war nun deutlich älter als sie, hatte aber eben Einfluß und seine Frau war längst bei der Geburt ihres einzigen Kindes gestorben. Die Tragik des Falles wurde um so schlimmer, als dieses Kind dann auch noch einige Monate darauf starb. Offenbar hatte er bei der Geburt die Entscheidung treffen müssen, ob Kind oder Frau weiterleben sollten und hatte so mit einer Entscheidung letztlich seine ganze Familie verloren. Nach außen ließ sich der harte Mann wenig anmerken, lebte seitdem aber sehr zurückgezogen, von ihm sah man nicht viel, wenn er nicht gerade zu den besagten Anlässen bei Hofe war. Es hielt sich allerdings das Gerücht, daß er gelegentlich Damen von zweifelhaftem Ruf empfing und entlohnte.

Der Ritter von Drachenfels hatte wohl auch bei König und Königin Verdienste erworben, so daß man ihm nicht einfach diskret von seinem Ansinnen abraten konnte. Zudem machte er Druck, wegen des Alters des Königspaares, daß endlich etwas passieren müßte, damit das Reich wieder mit starker Hand geführt würde und endlich einmal aufgeräumt würde mit all dem, was über die Jahre so eingerissen sei. Das paßte natürlich an sich auch zu dem Gesamteindruck des Reichskanzlers, der sich ja auch schon etwas alt fühlte und gerne einen König gehabt hätte, der nicht alle Amtsgeschäfte, alle Ausarbeitungen ihm überließ. Allerdings hatte der Reichskanzler insgeheim etwas Bedenken bei der Person des Ritters, die beiden mochten sich nicht sonderlich, weswegen er die Prinzessin auch auf den Sachverhalt hinwies, welche aber bereits über andere Kanäle informiert war. Wenngleich das Königspaar wegen des Altersunterschiedes in dem Ritter in dieser Beziehung nicht gerade den idealen Kandidaten für ihre Tochter sahen, waren sie ihm doch aus früheren Zeiten sehr verbunden und trauten ihm zu, das Reich durch ein paar weitere Jahrzehnte zu bringen.

Diese Entwicklung behagte der Prinzessin gar nicht. Sie konnte nicht einmal genau sagen, was an dem Ritter von Drachenfels falsch war, er hatte Bildung, konnte sich unterhalten, sah wohl auch recht passabel aus, konnte auch reiten. Die Gerüchte um die zweifelhaften Damen hatten aus ihrer Sicht zwei Seiten. Sie empfand es nicht als angemessen, daß diese Damen so leben mußten, wobei sie unterstellte, daß sie es höchstwahrscheinlich nicht wollten. Allerdings, wenn der Ritter sich in dieser Weise seinen Bedürfnissen widmete, so meinte sie, in der Hinsicht wenigstens nicht mehr bedrängt zu werden als es ihre Pflicht gegenüber dem Reich gewesen wäre, falls sie zu einer Ehe gezwungen wäre - und alleine diese Pflichtübung erschien ihr schon sehr absurd, geschweige denn weitere private Kontakte zu jenem Ritter.

Es sprach also formal sogar einiges für ihn. Aber er hatte etwas an sich, was ihr unheimlich erschien. Allein schon das intensive Interesse am Posten des Königs machte ihn irgendwie verdächtig, wie konnte es jemanden nur zu diesem Amte drängen, wenn nicht aus Lust an der Macht? Gut, wenn man das Amt aus Pflicht und Tradition zugewiesen bekommen hat, konnte man sich schlecht wehren und mußte Verantwortung übernehmen, doch sich danach ohne Not zu drängen? Aber natürlich mußte auch sie an das Wohl des Reiches denken, so hatte man ihr bereits nahegelegt. Also war sie unsicher, unentschlossen. Der Ritter würde Vieles ändern, nicht nur ihr persönliches Leben.

Jedenfalls glänzte der Ritter von Drachenfels nunmehr durch nahezu permanente Anwesenheit am Hofe und suchte auch immer wieder das Gespräch mit der Prinzessin auf den Festen und Bällen, forderte sie mehr als angemessen oft zum Tanz, um seine Ansprüche gegenüber anderen Kandidaten deutlich zu machen. Aber diesmal war es wirklich nicht leicht, etwas zu finden, um einfach mit dem Kandidaten fertig zu werden. So mußte sie dulden und hoffen, daß doch noch etwas zum Vorschein kam und bis dahin so geschickt wie möglich verzögern und auf unverfängliche Konversation ausweichen.

Bei einem Reitausflug kam es dann jedoch zu einem Zwischenfall, der sie zu einem festen Entschluß brachte. Ihr war klar, daß sich der Ritter hier nicht durch mangelnde Reitkunst blamieren ließ, so versuchte sie auch keinen ernsthaften wilden Ritt. Es begab sich aber gerade, daß ein anderer junger, etwas übermütiger Prinz als weiterer Kandidat angetreten war, offenbar auch ein guter Reiter, der etwas beweisen wollte und sich offenbar mit der Konkurrenz messen wollte. Nicht sonderlich geschickt, aber dann doch erfolgreich forderte er Ritter und Prinzessin zu einem Wettrennen. Man wollte sich nicht recht darauf einlassen, willigte aber schließlich doch ein, schon weil die Prinzessin auch sonst für ihre wilden Reiteskapaden bekannt war.

Und dann ging es auch schon los, alle drei dicht zusammen. Irgendwie hatte der junge Prinz dabei dann aber doch den Ehrgeiz des Ritters angestachelt und die beiden gerieten etwas zu dicht mit den Pferden zusammen, rangelten und hetzten immer mehr, drangsalierten ihre Pferde zunehmend unangemessen, was die Prinzessin ihrem Pferd nicht zumuten wollte, den anderen auch nicht. So rief sie mahnend, die Pferde zu schonen und nicht zu verletzen, blieb schon etwas zurück in der Erwartung, daß die beiden Herren dann doch wohl auch zurückstecken würden, doch die beiden Streithähne waren so in ihren Wettkampf vertieft, daß sie nicht hörten und heftig auf ihre Pferde einschlugen, daß diese wie wild durch die Gegend schnellten.

Die Prinzessin beobachtete dann von etwas weiter hinten, was weiter geschah: Der Prinz, das war klar, hatte an sich das bessere, schnellere Tier, war offenbar vorbereitet. Doch der Ritter hatte den Ehrgeiz und den unbedingten Willen und prügelte wie von Sinnen auf sein Tier ein, um mit dem Gegner auf gleicher Höhe zu bleiben. Er peitschte und trat, daß das Blut des Tieres spritzen mußte. Entsetzt mußte die Prinzessin zusehen, wie die wilde Jagd so weiterging. Beim Sprung über eine Hecke versetzte der Ritter aber dem Pferd seines Gegners einen überraschenden Schlag, daß dieses erschreckt die Kontrolle verlor und stürzte, der zugehörige Prinz purzelte in die Landschaft, das Pferd aber brach sich offenbar mindestens ein Bein. Der Ritter aber peitschte sein Pferd weiter blutig wohl bis zum Ziel der wilden Jagd, ohne sich auch nur umzudrehen. Er war offenbar völlig außer Kontrolle geraten.

Als die Prinzessin beim Prinzen ankam, saß dieser zitternd, aber wohl unverletzt im Gras und weinte. Er kümmerte sich nicht um sein hilfloses Pferd, welches rettungslos verloren lag und verzweifelt wieherte. Die Prinzessin forderte den Prinzen auf, sich um das Pferd zu kümmern, es von seinem Elend zu erlösen. Doch der Prinz zitterte nur, versuchte aufzustehen und zog seine Pistole, schlotterte aber hilflos, als er an das arme Tier herantrat und brachte es nicht fertig. Die Prinzessin forderte noch einmal, doch der Prinz konnte es nicht tun, da riß sie ihm die Waffe aus der Hand und ging selbst zitternd dicht zum winselnden Pferd, dessen Vorderbeine blutig und irre verdreht in Richtungen zeigten, die die Hoffnungslosigkeit der Situation für das Pferd selbst für einen Idioten deutlich gemacht hätten. Es gab keine andere Möglichkeit, besser ein schnelles Ende als weiteres Leid. Sie erschoß weinend das arme Tier und wandte sich ab, nun als es getan war, zitterte sie nicht mehr. Sie war nur noch maßlos wütend. Ihr Blut kochte und zu gerne nur hätte sie dem Ritter zunächst die Arme so verdreht wie die Vorderbeine des Pferdes und ihm dann auch den Gnadenschuß gegeben. Aber bei Menschen machte man das nicht, was sie selbst in dieser Situation zu respektieren in der Lage war. Leute des hohen Standes kamen hier zudem mit so etwas ohne Folgen durch. Das war ihr klar. Und ihr war auch klar, daß sie Königin sein mußte, um das zu ändern. Es war ihr irgendwie doch nicht alles egal, was im Reich geschah, in ihr brannte der Gedanke, die Mißstände im Lande zu beheben und den einfachen Leuten, ja auch den Tieren mehr Würde zu geben, als solche Menschen ihnen zugestehen wollten.

Erst eine ganze Weile später kamen einige der Ausflugsgesellschaft hinzu. Der Unfall war nun das Ereignis des Tages und der tragische Tod des Tieres vertrieb die gute Stimmung, daß man sich nicht einmal über den noch immer weinenden und schlotternden Prinzen lustig zum machen wagte, der allerdings mehr sein Schicksal bedauerte, als das seines armen Pferdes. Er war beschmutzt, verheult und blamiert, aber äußerlich unverletzt.
Schnell war klar, daß sich die Prinzessin um das arme Tier gekümmert hatte und es war auch klar, daß sich ihr nur bestimmte Personen aus ihrem Teekränzchen sehr vorsichtig nähern durften, um sie zu beruhigen. Diese waren dann allerdings überrascht, eine sehr gefaßte, ganz erwachsene Frau vorzufinden, die entschlossener wirkte als je zuvor.

Und dann war auch der Ritter zurückgekehrt. Sein Pferd war ganz zerschunden und blutig von seiner Quälerei. Erst jetzt erkannte er wohl, was für Folgen sein Regelverstoß für den Prinzen und sein Pferd gehabt hatten. Zunächst freute er sich noch, daß sich der Prinz so blamiert hatte, der immer noch schlotternd heulte. Dann aber sah er, daß die Prinzessin noch immer die Pistole hielt, sie hatte das Pferd erlöst, dessen Blut durch den aufgesetzten Schuß über ihre Kleidung gesprenkelt war. Und der zornig flackernde Blick der Prinzessin war auf ihn gerichtet. Dem Ritter wurde schnell klar, welches Glück er hatte, daß dieser Pistolentyp nur einen Schuß hatte und dann nachgeladen werden mußte und die gesamte restliche Munition ganz offenbar irgendwo beim erbärmlich schlotternden Prinzen zu suchen war. Aber der Blick der Prinzessin fuhr ihm bis ins Mark, ihm, den so schnell nichts erschrecken konnte.

Jedenfalls nickte der Ritter noch einigen wichtigen Leuten aus der Ausflugsgesellschaft zum Abschied zu und quälte dann sein Pferd weiter, um möglichst schnell von der Bildfläche zu verschwinden. Zwar war die Prinzessin nun auch diesen Verehrer erst einmal los, doch das Erlebnis hatte auch sie sehr getroffen. Sie war schockiert und es dauerte ein paar Wochen, bis sie wieder gänzlich in ihren gewöhnlichen Alltag zurückkehren konnte.

Mit dem Reichskanzler besprach sie den Vorfall, weil sie die alten Eltern nicht damit belasten wollte. Und auch dieser war getroffen, räumte jedoch ein, dem Ritter erscheine manches angemessen, um sein Ziel zu erreichen, doch habe er hier wohl einsehen müssen, eindeutig zu weit gegangen zu sein. Unter anderem diese Maßlosigkeit und der mangelnde Respekt vor anderen sei der Grund für seine Zweifel an diesem Herren gewesen, der zweifelsohne höchst nützlich sei, wenn es darum ginge, in einer großen Krise alles auf eine Karte zu setzen und mit aller Entschlossenheit gegen wirklich bösartige Feinde vorzugehen, doch für den Frieden mit seinen üblichen Intrigen, die im Rahmen blieben, sei dieser Mann eindeutig ungeeignet. Und er schärfte ihr ein - so oder so war der Ritter ein einflußreicher, mächtiger Mann, mit dem zu rechnen war. Zwar würde sich dieser nun wohl erst einmal gesellschaftlich bedeckt halten und über die Sache Gras wachsen lassen, die Idee mit der Werbung um sie fallenlassen, doch müsse man immer damit rechnen, daß er versuchen werde, mehr Einfluß zu nehmen und Gelegenheiten zu nutzen.

Bei solchen Vorfällen fühle er sich manchmal schon recht alt und er frage sich dann, ob es nicht für ihn längst Zeit sei, die Verantwortung anderen, jüngeren Menschen zu übergeben, die in der Lage seien, ihren jugendlichen Elan zusammen mit ihrer Intelligenz der allgemeinen Sache zu widmen. Inzwischen habe er gelernt, sie zu respektieren und ihr allerhand zuzutrauen, doch als alleinige Regentin würde sie es sehr schwer haben, mit all dem Intrigentheater und all den Leuten, die noch nicht mitbekommen hätten, daß sie inzwischen erwachsen geworden sei.
Die Prinzessin nickte nur stumm, sich allein würde sie all das auch noch nicht zutrauen. Sie fühlte sich zwar stark, aber nicht so stark, um mit all dem fertig zu werden. Sie habe kein diplomatisches Geschick und es fehle einfach an Erfahrung mit Menschen wie dem Ritter, daher sei sie nicht richtig darauf gefaßt, was sie zu erwarten habe, daher könne sie auch schlecht einschätzen, wie sie richtig und angemessen reagieren solle.
Der Reichskanzler seufzte, nickte und meinte, noch sei ja Zeit, aber es sei wichtig, daß sie nun erkannt habe, welche Verantwortung letztlich bei ihr liege, die ihr niemand nehmen könne, so lange die Dinge hier eben so eingerichtet seien, wie sie nun einmal eingerichtet seien. Aber es seien nicht die schlechtesten Regenten, die ihr Amt als Bürde und Pflicht sähen, die nicht selbst zur Macht drängten. Wem so sehr an Macht gelegen sei, dem fiele es viel schwerer, auch in schwierigen Situationen Maß zu halten und für das Land zu denken, statt nur die eigene Perspektive einzunehmen.

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