Der Prinz und der Gloeckner
Geschichten

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sprachlos
(Zweite Variation zum Text ‚Augenblick‘)

Geschrieben: 1995-09-10

Find a way to my heart, and I will always be with you
from wherever you are, I'll be waiting
I'll keep a place in my heart, you will see it shining through
so find a way to my heart, and I will, I will follow you

Phil Collins (Find A Way to My Heart)

Birtes Stimmung ist wirklich ausgezeichnet. Wie abgesprochen war sie nach der letzten Vorlesung am Nachmittag mit ihrer Kommilitonin und Freundin in die Stadt gefahren, um einen Einkaufsbummel zu unternehmen, es ist ein vergnüglicher sowie entspannender Nachmittag geworden, beide hatten viel Spaß dabei.
Schoppen ist nun keineswegs geradezu eine exzessive Leidenschaft von ihnen beiden, aber gelegentlich ist es mal ganz schön, einfach herumzugucken, was gefallen könnte, sich etwas zu gönnen, einfach der Lust am Neuen, am Besitz zu frönen und sich hernach gemeinsam ein wenig dafür zu schämen, einmal mehr Geld für belanglosen Kram verschleudert zu haben, welcher nicht wirklich gebraucht wird, allerdings ein gutes Gefühl ausgelöst hat, jedenfalls für ein paar Minuten. Nicht viel, aber wirklich teuer ist der Modekram ja auch nicht, dafür hält er auch keineswegs viel länger als das jeweilige Interesse daran.
Schon klar, hinsichtlich der Nachhaltigkeit und effizienten Ressourcennutzung ist dies Verhalten suboptimal, Birte ist sich unterdessen mit ihrer Freundin sicher, daß beide ihr Konsumverhalten noch gut im Griff haben, nicht überziehen, alles im Rahmen bleibt.

Auf dem Untergrund-Bahnsteig hatten beide sich voneinander verabschiedet, nun soll es nach Hause gehen. Birte sitzt an einem Fensterplatz in der Bahn. Morgen am Samstag wollen beide sich noch einmal bei ihr treffen, später zu ihrer Freundin gehen, jeweils um eine kleine Modeschau ihrer neuen zusammen mit alten Kleidungsstücken zu probieren. Großartig wird das nicht, aber kreativ kombiniert läßt sich auch aus ihren eher geringen Besitzständen allerhand machen, was ihre Persönlichkeiten unterstreicht, da sind sich beide ganz sicher. Diese kleine Schau ist eben ein harmloser Spaß, Kurzweil, Zeitvertreib, Vergnügen, auch um auf andere Gedanken zu kommen, auszuspannen.

Birte ist noch ganz in Gedanken, als ihre Bahn in der nächsten Station hält und sie bemerkt, daß ein Mann aus einer anderen Bahn zu ihr hinüberschaut, genau in ihre Augen. Zunächst ist sie einen Moment irritiert, doch der Mann ist ihr vom ersten Augenblick an prinzipiell sowie spontan sympathisch, sie lächelt ihn einfach an, ist dabei selbst über ihren Mut und ihr Tun überrascht, aber was ist eigentlich schon dabei …

Und er lächelt tatsächlich zurück!

Ihr Interesse sowie ihre Aufmerksamkeit sind nun endgültig geweckt, ‚jener Typ gefällt mir‘, denkt Birte, schade, daß er in einer anderen Bahn sitzt, sie hätte nichts gegen ein näheres Kennenlernen gehabt. Birte merkt, daß ihre Wangen bei diesem Gedanken rot werden, unwillkürlich will sie diesen Sachverhalt mit einer Hand vor ihrem Gesicht verbergen, schaut ihn jedoch weiter an.
Ist ja eigentlich albern, oberflächlich, bloß auf einen Blick hin Interesse zu zeigen – ist das schon schiere Biologie, das Walten von Hormonen oder lediglich Übermut?

Ihre Bahn fährt schon an. ‚Schade‘, denkt Birte, ‚wir werden uns wohl nie wiedersehen.‘ Ihrem aufmerksamen Blicken entgeht in letzten Moment aber keineswegs, wie jener adrette Bursche aufspringt, ihren Blick im Lauf zur Tür kurz erwidert. Dadurch kommt eine unerwartete Dynamik, eine interessante Wende ins Spiel. Welche Entschlußkraft, welcher Drang, hätte Birte auf den ersten Blick gar nicht vermutet.

Uiuiui!
Oioioi!
Ufffff!
Mein lieber Herr Gesangsverein samt Kokoschinsky!
Wie ist dies nun zu verstehen?
Bei Birte wirbeln die Gedanken, Überlegungen, Hypothesen durch den Kopf.
Birtes Herz klopft ganz aufgeregt, hat jener hübsche Bursche das gleiche gedacht wie sie?
Will er ihr nach?
Soll sie ihn zu treffen versuchen?
Sie kennt ihn doch gar nicht!
Könnten beide ja ändern – könnten sie? sollten sie?
Wie könnten beide sich wiedersehen?
Was könnte er jetzt gerade dazu tun, was wäre ihrerseits zu tun?
Gedanken sortieren sich, Optionen werden durchgegangen.

Nein, die Situation ist doch unmöglich, ist ihr nächster Gedanke, sie sollte einfach weiterfahren. Es kann nicht gelingen, wie sollten es gelingen, sich wiederzusehen. Ihre Blicke haben sich doch nur ein paar Sekunden getroffen, da kann doch nicht gleich irgendeine Hoffnung aufkeimen, wie sollten beide sich auch ganz praktisch wiedertreffen.
Ist doch unmöglich, unwahrscheinlich jedenfalls, wäre schon ein Ding, ohne beider Zutun wohl ausgeschlossen, aber, jedoch, allerdings – hätten beide einen ähnlichen Wunsch, einen ähnliche Gedanken, zielgerichtet allein dadurch koordiniert, daß ihre Optionen begrenzt sind, es hinzubekommen – vielleicht doch gar nicht so abwegig!

Birte wird ganz unruhig, was könnte passieren, wie sollten beide einander wiederfinden können?

Als ihre Bahn an der nächsten Station hält, findet Birte sich ohne bewußtes eigenes Zutun an der Tür wieder, wie von allein tragen sie ihre Füße hinaus auf den Bahnsteig.
‚Was tue ich da?‘, denkt Birte.
Sie glaubt nicht, was mit ihr geschieht, wie eine Marionette von unsichtbaren Fäden geführt steht Birtes Person plötzlich in dieser Untergrundbahnstation.

Ein Gedanke schießt durch ihren Kopf: Es ist völlig verrückt, sie hat ihm doch nur für Sekunden in seine Augen geschaut, nur ein Augenblick. Birte ist trotzdem ausgestiegen.
Birte weiß nicht, wie sie reagieren soll, wenn er wirklich hier auftaucht, und warum sollte er eigentlich?
Warum sollte er ihr nachlaufen?
Warum denn glauben, sie so wiederzufinden?
Das ist völlig abwegig. Ihr Entschluß steht fest: Mit der nächsten Bahn wird es weitergehen.

Birte ist nun allein auf dem Bahnsteig, noch immer schlägt das Herz ganz aufgeregt. Ihre Überlegungen gehen weiter:
Ist doch albern, daß sie hier ausgestiegen ist, lächerlich, was sollte denn schon passieren?
Ohne Absprache kann das doch niemals gelingen, was für eine blödsinnige Idee, was für eine unmögliche Situation. Wenn jemand mitbekäme, was in ihr vorgeht, was Birte hier veranstaltet – ‚völlig bescheuert‘ wäre doch das Urteil dieses Publikums ihrer spontanen Verirrung, Verwirrung.

Im gleichen Moment ist ihre Überraschung perfekt, als von der Treppe Geräusche von hastigen Schritten ans Ohr dringen.
Sollte das etwa doch jener hübsche Kerl ihrer frisch aufgemunterten, vagen Hoffnungen sein?
Zwei mit demselben Gedanken, wie es gehen könnte?
Wenn dem tatsächlich so wäre, wüßte Birte mitnichten, wie sich aufgrund dessen verhalten, eine völlig absurde Situation, in welche sie da geraten ist. Birte versteckt sich hinter einer Säule. Birtes Herz aber klopft, wummert unterm Busen vor Aufregung über die Vorstellung, was sein könnte, wie ihre Imagination jetzt jeden Moment mit einer doch meist profanen Realität konfrontiert sein wird.

Eine Affäre, eine Beziehung kann Birte nun wirklich nicht gebrauchen, da ist das Studium, welches sie voll beschäftigt. Was will sie hier eigentlich, denkt Birte noch, schaut vorsichtig um die Säule herum. Aber ach – das Herz schlägt, die Phantasie macht wilde Sprünge im Haupt, dängelt von einem Stoß an der Hirnschale zur anderen Seite und macht eigenartige Gefühle im ganzen Leib – völlig abwegig aufgrund eines Blickwechsels. Was so heftig wirkt, so belebt, so wach, frisch macht, kann jedoch wohl nicht gänzlich verkehrt sein. Besser, viel heftiger, lebendiger, eindrücklicher als jener vorherige kleine Einkaufsbummel. Plötzlich geht es um etwas, was Birte wirklich etwas angehen könnte, nicht bloß seichte Kurzweil, Ablenkung für Minuten.

Tatsächlich!

Es ist jener Mann!
Oh – der ist knuffelig, ein hübscher, stattlicher Fang – wenn dieser denn zu fangen wäre, ihren vagen Erwartungen entspräche, gut unterwegs scheint er ja schon zu sein.
Birte kann es nicht fassen.
Völlig außer Atem hat dieser Bursche ihres frischen Interesses sich inzwischen auf eine Bank gesetzt, hat sich vorher bestimmt auch umgeschaut!
Wie konnte er wissen, daß Birte hier sein würde?
Es war doch nur dieser Augenblick zwischen ihnen, wieso ist dies flotte Kuschelchen hier?
Tatsächlich der gleiche Gedanke, eine ähnliche Hoffnung, gar Sehnsucht bei beiden auf die Idee destilliert, daß es so gehen könnte?

Noch weniger als vorher weiß Birte, was jetzt zu tun wäre.
Er muß zu Fuß hierher gelaufen sein!
Es kann doch nicht ihretwegen sein.
Aber wenn – uiuiui … oohuuuuiij – ein wenig geschmeichelt könnte sie sich fühlen, wobei – ausgestiegen ist ihre Wenigkeit ja ebenso, jener mutmaßliche, verheißungsvolle Verehrer ist gar gehetzt, bloß ihretwegen‽
Sicher doch bloß ein Zufall, denkt Birte, es wäre die restlose Blamage, wenn sie jetzt hinter dieser Säule hervorkäme – und dieser stattliche, rasante, dynamische Bursche gar nichts in Bezug auf sie im Sinn gehabt hätte.
Wäre ihre Mißinterpretation der Sachlage aber so eindeutig, wenn sich beide begegneten, so hier und jetzt im dieser U-Bahn-Haltestelle?
Hoffentlich sieht er sie nicht, das wäre wirklich peinlich, falls alles doch ganz anders wäre als inzwischen von Birte ersehnt, vielleicht allerdings doch bloß eingebildet.

Und doch: schließlich ist er zu dieser Station gelaufen, genauso wie Birte ausgestiegen ist. Aber wenn es nun doch nicht ihretwegen ist. Was soll er dann von ihr denken, wenn sie sich ihm zeigt, dieses innere Gefühlschaos damit vor diesem Fremden schutzlos offenlegt, welches sie selbst mitnichten versteht, geschweige denn in den Griff bekommt.
Denn was ist im Grunde schon passiert, was wissen beide voneinander?
Ein Augenblick kann doch keine Basis sein!
Aber was kann denn im schlimmsten Fall passieren?
Aber was soll er von ihr denken?
Was kann sie tun?
Was ist bloß los?
Sonst ist Birte doch nicht so unsicher, kann mit Verehrern, Galanen schon souverän umgehen, diese auf Distanz halten, Selbstsicherheit ausstrahlen, mit einem Blick peinliche Kontaktversuche bereits im Vorfeld frustrieren. Nun fühlt sich ihr Stand aus unerfindlichen Gründen schwammig, unsicher an, irgendwas an dem Burschen hat Birte aus dem Gleichgewicht gebracht – unglaublich – dennoch, nichtsdestoweniger sowie gerade deswegen ein Grund, diesem Phänomen auf den Grund gehen zu müssen …

Die nächste Bahn unterbricht ihre Überlegungen. Birte weiß, jetzt muß etwas passieren, denn offenbar will dieser Mann ihres spontanen Interesses mit dieser Bahn weiterfahren. Birte muß nun etwas tun, aktiv werden, handeln, sonst wird sie ihn nie wiedersehen, sonst wäre dies potentielle Schnuckelchen bereits wieder auf und davon. Eine zweite Chance wird es nicht geben.
Doch will Birte überhaupt diese erste nutzen?
Neugier.
Lust auf Risiko, auf eine neue Erfahrung, Handlungsdrang, kategorischer Impuls.

Birte weiß nichts mehr, bemerkt nur noch, daß ihr Körper irgendwie plötzlich mitten auf dem Bahnsteig steht. Sie ist völlig verwirrt, überrascht hier zu stehen, es war nicht eigentlich sie, welche den Schritt hinter jener Säule hervor gewagt hat.

Er sieht sie; sie sieht, daß er sie sieht.

Alles in ihrem Kopf wirbelt, läuft durcheinander. Jedes Körperteil scheint etwas anderes vorzuhaben, ein Bein geht rückwärts, eines ist wie festgewachsen, eine Hand wehrt sich mit einer Geste gegen die Situation, die andere aber bewegt sich ihm entgegen, ihren Kopf hat Birte nicht mehr unter Kontrolle, auch das zweite Bein macht nun einen Schritt rückwärts. Das Herz schlägt bis zum Hals. Birte schaut ihm in die Augen und wieder weg, er kommt auf sie zu.
Gegenläufige Gedankenströme im Kopf schrammen aneinander, krachen zusammen, verknoten sich, verwirbeln, aus laminarer Alltagsströmung wird Turbulenz.
Was kann ein simpler Verstand da schon noch tun, wenn die Hormone drängen?

Birte begreift nichts mehr von dem, was in ihr vorgeht, nichts mehr, nichts. Birte weiß nicht, wie sie reagieren soll. Sie kennt ihn doch gar nicht. Sie wird kein sinnvolles Wort herausbringen können, stellt Birte mit Entsetzen fest, sie muß einen hochroten Kopf haben, wird sich vor ihm völlig lächerlich machen. Sie kann nicht, sie weiß nicht, das geht alles keineswegs, weiß mitnichten wie weiter, was sagen, was tun, wie reagieren.
Was wird jener attraktive Bursche tun, wenn er sie erreicht?
Birte wird keinen Ton von sich bringen können, kein Wort. Birte kann doch nicht wie ein stummer Fisch vor ihm stehen, ihn nur anstarren.
Wie blöd, unbeholfen würde das denn wirken?

Wieder treffen scheinbar ihre Beine eine Entscheidung, diese laufen los, laufen einfach los, auf jene Treppe zu, ihre Augen schauen aber nach den seinen, warten oder weiterlaufen?

Das entscheidet Birte keineswegs mit dem Kopfe, ihre Beine laufen weiter, der derzeit reichlich unbeholfene Intellekt ist überdies gar nicht fähig, ihre Beine daran zu hindern.

Der Abstand zwischen ihnen ist etwas größer geworden, aber dieser tolle Typ folgt noch immer, folgt ihr!
Wird er sie einholen?
‚Er wird mich doch einholen?‘, hofft Birte eigentlich, ohne aber warten zu können, ohne zu wissen, wie es hernach weitergehen soll, sollte jemals harte Realität auf allzu wild gewordene Phantasie treffen.

Birte will warten, einen Moment zögert sie, stolpert daraufhin jedoch weiter, hinauf zur Straßenebene, dort den Bürgersteig entlang, aus seinem Blickfeld. Immer noch verwirrt, kann Birte nun allerdings auch nicht weiter. Wie eine Idiotin steht sie einfach da, völlig unkoordiniert sind ihre Aktivitäten, ihre Augen schauen nach ihm aus, sehen ihn, strahlen ihn an. Ihre Blicke treffen sich, in Birtes Haupt geht alles völlig durcheinander.

Nur ihre Beine bleiben bei ihrer Entscheidung,
diese laufen wieder los,
auf die Straße,
Bremsen eines Lastkraftwagens quietschen,
wie hat Birte den übersehen können, sie muß weg, weg, seine Augen, sein Blick in ihrem Kopf, weg, zurück zu ihm, weg, in seine starken, sicheren Arme, laufen, quietschende Bremsen, seine Augen, sie bringt keinen Ton hervor, wortlos, sprachlos …

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